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Staatsanwaltschaft Zweibrücken: Keinerlei rechtsextremistischer Tat-Hintergrund

Strafmaß-Forderungen im Zweibrücker Totschlag-Prozess Marienstraße gehen weit auseinander : Zwischen Freispruch und acht Jahren Haft

Im Totschlags-Prozess Marienstraße wurden am Montag die – sehr unterschiedlichen – Plädoyers gehalten. Die Staatsanwaltschaft sieht einen minder schweren Fall – und betonte, es gebe „nicht den Hauch eines Anhaltspunktes“, dass der Rechtsextremismus des Angeklagten bei der Tat eine Rolle spielte.

Acht Jahre Freiheitsentzug hat Rechtsanwältin Elisabeth Schuler, die den Vater des Getöteten als Nebenkläger vertritt, am Montag für den angeklagten 35-jährigen Metzger gefordert.

Der Zweibrücker muss sich seit dem 27. Januar vor der Großen Strafkammer des Landgerichts wegen Totschlags verantworten. Er hatte am späten Sommerabend des 16. August 2020 in der Zweibrücker Marienstraße einen Nachbarn getötet. Das 40-jährige Opfer, das in einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite lebte, war in die Wohnung des nächtlichen Ruhestörers gestürmt und dort von dem Metzger mit einem Fleischermesser mitten ins Herz gestochen worden. Der 40-Jährige verblutete.

Von einem minder schweren Fall, wie ihn zuvor Oberstaatsanwältin Kristine Goldmann ihrer Strafzumessung zu Grunde gelegt hatte, wollte Rechtsanwältin Schuler nicht ausgehen: „Damit habe ich meine Probleme.“ Sie sei überzeugt, dass der tödliche Stich von dem Metzger „bewusst gesetzt“ worden sei: „Er ist ein Mann, der gelernt hat zu töten.“ Er habe zudem „intensiv“ zugestochen.

Oberstaatsanwältin Goldmann sagte am Montag in ihrem Schlussvortrag, der 35-Jährige habe seinerzeit zwar nicht aus Notwehr gehandelt, er sei aber auch nicht aggressiv gewesen: „Der Angeklagte hat nicht aus Wut oder Zorn gehandelt. Aggressiv waren die anderen.“ Das spätere Opfer und sein Begleiter hätten sich damals „erheblich alkoholisiert“ und mit Brachialgewalt Zugang zu dessen Wohnung verschafft, indem sie die Eingangstür eintraten und ihn so in Angst und Schrecken versetzten: „Es war eine aufgeheizte Stimmung, eine extrem aufgeladene, hoch emotionale und sehr laute Situation.“

Hier liege, so die Oberstaatsanwältin, unzweifelhaft eine „Verletzung des Hausrechts des Angeklagten“ vor, weil die beiden Männer „widerrechtlich“ in die Wohnung des 35-Jährigen „eingedrungen waren“. Man dürfe dieses Hausrecht auch verteidigen, allerdings hätte der Angeklagte in diesem Fall sehen können, dass das spätere Opfer ihm weder körperlich gewachsen noch bewaffnet gewesen war. „Das gewählte Mittel (Messer) war nicht erforderlich“, sagte Oberstaatsanwältin Goldmann. Zumindest hätte er „den Stich zunächst androhen müssen“. Ob das möglicherweise sogar geschehen war, sei nicht nachweisbar. Sie beantragte, den Angeklagten in einem minder schweren Fall zu sechs Jahren Freiheitsentzug zu verurteilen. Zumal die Tat – entgegen der insbesondere in den Sozialen Medien grassierenden Behauptung – nicht im Zusammenhang mit der früheren Mitgliedschaft des Angeklagten in der rechtsextremistischen Kameradschaft „Nationaler Widerstand Zweibrücken“ (NWZ) stehe: „Dafür gibt es nicht den Hauch eines Anhaltspunktes.“ Und eine Strafverfolgung geschehe nicht nach den Gesetzen der Sozialen Medien, sondern nach dem Strafgesetzbuch, betonte Goldmann. Die Justiz sei, wie immer mal wieder unterstellt, weder auf dem rechten noch auf dem linken Auge blind, beendete die Oberstaatsanwältin ihre Soziale-Medien-Schelte.

Für den Verteidiger des 35-jährigen Angeklagten, den Zweibrücker Rechtsanwalt Max Kampschulte, steht „außer Frage“, dass sein Mandant für den Tod des 40-jährigen Nachbarn verantwortlich sei: „Das hat mein Mandant zu keinem Zeitpunkt bestritten und stets aufrichtig bedauert.“ Gleichwohl sei nicht jeder Metzger gleich ein Mörder, bloß weil er von Berufs wegen Tiere schlachte.

„Die Aggression“ an jenem Sommerabend im August 2020 sei nicht von seinem Mandanten ausgegangen. Im Gegenteil. Er habe, wie Zeugenaussagen belegt hätten, mehrmals „Lasst mich in Ruhe!“ gerufen. Irgendwann sei er der Situation aber „verbal und emotional“ nicht mehr gewachsen gewesen. Er habe sich von dem „Eindringling“ in der kleinen Wohnung, deren Eingangstür zuvor eingetreten worden war, bedroht gefühlt, Angst gehabt, „keine Chance zur Flucht mehr gesehen“ – und schließlich zugestochen. „Er hat sich in einer Notwehr-Situation befunden“, argumentierte Rechtsanwalt Kampschulte. Weshalb sein Mandant freizusprechen oder im Hinblick auf einen minder schweren Fall „ersatzweise“ zu zwei Jahren Freiheitsentzug auf Bewährung zu verurteilen sei.

Ein Psychiater des Homburger Uniklinikums des Saarlandes als Sachverständiger attestierte dem 35-Jährigen zwar eine Kleinhirn-Ataxie (Bewegungsstörung) und, dass der Angeklagte „seine Emotionen ab und an nicht unter Kontrolle“ habe, erklärte ihn aber dennoch für voll schuldfähig.

Die Vorsitzende Richterin Susanne Thomas hatte die Verhandlung nach einem Weinkrampf des Angeklagten während der Ausführungen des Sachverständigen, als der auf den der Bluttat unmittelbar vorausgehenden lautstarken Streit mit dessen Mutter zu sprechen kam, und einer herausgebrüllten Unmutsäußerung während des Plädoyers von Oberstaatsanwältin Goldmann zwei Mal für längere Zeit unterbrechen müssen, um den Angeklagten wieder zur Ruhe kommen zu lassen.

Zum Ende der Verhandlung entschuldigte sich der Angeklagte am Montag noch einmal für den tödlichen Messerstich: „Es tut mir leid – aufrichtig und von ganzem Herzen.“

Am heutigen Dienstag, 23. Februar, will die Kammer das Urteil verkünden.