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„Sie werden das nicht mehr los“

„Sie werden das nicht mehr los“

Die Deutsche, die bis Mittwoch mit ihrem Baby von islamistischen Terroristen in Geiselhaft gehalten worden war, hat direkten Bezug nach Zweibrücken: Ihr Kind ist der Enkel von Autor Wolfgang Ohler.

Wer oder was ist die Al-Nusra-Front? Viele Menschen im Westen werden auf diese Frage keine Antwort haben. Manche werden vielleicht wissen, dass es sich um eine der vielen Kampfgruppen im syrischen Bürgerkrieg handelt. Eine, die vom UN-Sicherheitsrat als Terrororganisation eingestuft wird. Egal was die Al-Nusra-Front ist: Sie ist weit, weit weg. So wie der ganze Syrien-Konflikt. Nicht für den Zweibrücker Autor Wolfgang Ohler. Seine Antwort auf die Frage nach der Al-Nusra-Front könnte lauten: Das sind die Leute, bei denen mein Enkel Demian geboren wurde. Das sind die Leute, die die Lebensgefährtin meines Sohnes entführt haben.

Wie konnte es dazu kommen? Janina wollte mit ihrem Partner Norman Ohler einen Film drehen über eine Frau, die bei der Freien Syrischen Armee als Freiheitskämpferin unterwegs ist, erzählt Wolfgang Ohler. Die beiden hatten darauf hingearbeitet, dass sie die Frau auch in Nordsyrien filmen und interviewen können.

"Als das alles soweit war, war sie schwanger und die Russen haben da bombardiert." Reaktion des werdenden Vaters Norman Ohler: "Wir brechen ab!" Doch davon wollte die Journalistin nach den Worten von Ohler senior nichts wissen.

Man sicherte ihr freies Geleit aus dem Konfliktgebiet zu. Das half ihr nicht. Auf der Rückfahrt zur türkischen Grenze wurde das Fahrzeug Anfang Oktober 2015 von der Al- Nusra-Front überfallen. Die deutsche Journalistin wurde entführt, von ihren Begleitern fehlt bis heute jede Spur.

Der Hintergrund der Entführung stellte sich schnell als denkbar profan heraus: Die Terroristen wollten Geld von der Bundesrepublik. Deren offizielle Linie ist aber, dass sie sich nicht erpressen lässt - jedenfalls nicht in bar. Laut Ohler wurden Al-Nusra Hilfsgüterlieferungen angeboten. Die wurden abgelehnt. Die Verhandlungen gerieten ins Stocken. Ohler suchte Hilfe bei Kurt Beck , Fritz Presl und Anita Schäfer. "Aber das blieb stecken. Das ging alles nicht weiter." Kurz vor Weihnachten kam das Kind zur Welt. "In einem Kellerloch oder irgendwo", sagt Ohler. "Wir wissen es ja nicht." Alle drei Wochen bekam die Familie ein Lebenszeichen von Janina sonst geschah wenig. Sprechen durfte die Familie über die Angelegenheit nur untereinander und mit dem Bundeskriminalamt .

Vor drei Wochen die Wende - jedenfalls für Ohler senior. Die Entführer schickten ein Video nach Deutschland, auf dem Mutter und Kind zu sehen waren. Ein Hinweis, dass die Verhandlungen vor einem erfolgreichen Abschluss stehen? "Das BKA hat uns keine Hoffnung gemacht", sagt Ohler. "Da hab ich gesagt, ich halte mich nicht mehr an die Verschwiegenheit." Er klopfte beim Internationalen Roten Kreuz an, bei Ärzte ohne Grenzen , bei Außenminister und Parteifreund Frank-Walter Steinmeier .

Ob das dazu geführt hat, dass Mutter und Kind am Mittwoch freigelassen wurden? Ohler weiß es nicht. Auch nicht, was die Terroristen letztendlich dafür bekommen haben, dass sie ihre Geiseln freilassen.

Janina und Demian werden frühestens heute Morgen in Richtung Köln-Bonn ausgeflogen. Die nächsten Tage wollen sie bei Ohlers "Schwägerin" in Bonn verbringen. Heute wird sich auch Kindsvater Norman Ohler, der derzeit in Paris sein Buch über Hitlers Drogensucht vorstellt, ins Flugzeug setzen und an den Rhein fliegen. Die weitere Zukunft? Unklar. "Wann wir den Enkel das erste Mal sehen, kann ich noch gar nicht sagen."

Die Familie Ohler wird die Nachrichten in Zukunft jedenfalls mit ganz anderen Augen sehen. "Normalerweise ist das alles so weit weg. Das sind Bilder, die man im Fernsehen sieht", sagt Wolfgang Ohler. "Sie werden das nicht mehr los. Die Gedanken beherrschen sie von morgens bis abends."