Sex-Gymnastik im Spielzimmer

„Sex sells“: Nichts illustriert die Gültigkeit dieses Sprichworts wohl besser als der Megaerfolg der Flachware „Fifty shades of Grey“. Morgen läuft Teil zwei der gediegenen Erotikschnulze in vielen Kinos der Region an.

Der "Spiegel" wusste zu berichten, dass im Zuge des Bestsellererfolges von "Fifty shades of Grey" die Londoner Feuerwehr vermehrt einschlägige Einsätze fahren musste, bei denen "Objekte von Menschen" und "Menschen von Objekten" fachkundig entfernt werden mussten. Soll noch einer behaupten, die Literatur hätte keinen Einfluss auf die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Dass es sich bei E.L. James' Romantrilogie um gute Literatur handelte, wurde in den Feuilletons unisono aus guten Gründen bezweifelt. Aber bei 150 Millionen verkauften Exemplaren in 52 Sprachen erledigen sich solch' lästige Qualitätskategorisierungen. Da setzt dann einfach mal die normative Kraft des Faktischen ein und gut ist. Und Fakt ist, dass die mehrheitlich weibliche Leserschaft offensichtlich ihren Spaß hatte mit den amourösen Verwicklungen zwischen der grundunschuldigen College-Studentin Anastasia Steele und dem schmucken Milliardär Christian Grey, der nichts von Romantik hält - aber hofft, seine neue Geliebte als Sklavin im Sado-Maso-Liebesspiel zu gewinnen. Ging es im ersten Teil der Verfilmung noch um rotwangiges Verliebtsein, kavaliersmäßiges Umgarnen und verspielte Vertragsverhandlungen um Sexualpraktiken, war am Ende Schluss mit lustig.

Nach sechs harten Schlägen mit dem Gürtel reichte es Ana (Dakota Johnson). "Halt! Stop!" waren ihre letzten Worte, dann war der Film zu Ende. In Teil zwei stehen nun ernsthafte Neuverhandlungen an, in die Ana mit erstarktem Selbstbewusstsein hineingeht. Sie kaut nicht mehr auf der Unterlippe herum, macht als Lektorin Karriere und darf sogar kurz das Steuer der Yacht übernehmen. Freund Christian (Jamie Dornam) hingegen sieht stark mitgenommen aus. Gute Bedingungen zur Läuterung des hübschen Perversen, in dessen traumatisierte Psyche Ana und uns endlich Zugang gewährt wird. Die Mutter war cracksüchtig; sie, starb, als er vier war. Erst nach drei Tagen fand die Polizei den Jungen neben der Toten. "Danke, dass du es mir erzählt hast" sagt Ana und streicht ihm über den Rücken. Die muskulöse Männerbrust mit den Brandnarben bleibt weiterhin Tabu. Am Ende wird Grey nicht nur das L-Wort, sondern auch das H-Wort im Munde führen und dazu mit einem Verlobungsring vor der Angebeteten niederknien. Dafür lässt sich Ana im Prozess gegenseitiger Annäherung ein bisschen den Hintern versohlen oder Beinspreize und Handfesseln anlegen. "Bring mich ins Spielzimmer" haucht sie ihm ins Ohr; zur Sexualgymnastik singt Halsey aus dem Off "I am not afraid anymore".

Regisseur James Foley, der die 600 Buchseiten kräftig kondensiert und zu einem soliden, übersichtlichen Fanprodukt umgearbeitet hat, achtet mit fast schon buchhalterischer Penibilität auf das ausgewogene Verhältnis zwischen Sexszenen und Beziehungsgesprächen. Gehört doch beides zur wahren Liebe, um die es hier geht, wie immer und immer wieder betont wird. Die Erotikschnulze ist im Kino noch ein weitgehend unerforschtes Genregebiet. Foleys Mischung aus gediegener Pornografie, Jane Austen und einer (kleinen) Prise De Sade hat Potenzial, weil sie die sexualisierten Wahrnehmungsmuster der voyeuristischen Mediengesellschaft bedient und für romantische Bedürfnisbefriedigung sorgt. Dagegen wird uns kein Safeword helfen können.