Senioren spielen keine Rolle

Zweibrücken. Die Rente mit 67 ist beschlossene Sache, stufenweise wird sie ab 2012 eingeführt, ab 2029 an wird man erst mit 67 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen können. Darauf eingestellt haben sich die Firmen allerdings keineswegs, behauptet Ralf Reinstädtler, der zweite Bevollmächtigte der IG Metall Homburg-Saarpfalz, beim Gespräch in der Merkur-Redaktion

Zweibrücken. Die Rente mit 67 ist beschlossene Sache, stufenweise wird sie ab 2012 eingeführt, ab 2029 an wird man erst mit 67 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen können. Darauf eingestellt haben sich die Firmen allerdings keineswegs, behauptet Ralf Reinstädtler, der zweite Bevollmächtigte der IG Metall Homburg-Saarpfalz, beim Gespräch in der Merkur-Redaktion. Die großen Zweibrücker Firmen haben ihm zufolge derzeit 104 Mitarbeiter über 61 Jahre (siehe Infotabelle) unter Vertrag, das sind 2,8 Prozent der Beschäftigten. Von diesen 104 seien 80 aber in Altersteilzeit. "Mit Mitarbeitern über 61 Jahren hat man also quasi keine Erfahrungen", so Reinstädtler. Außer Terex-Demag (ein Mitarbeiter) hätten die Firmen zwischen Januar und November 2010 auch keinen einzigen über 50 Jahre eingestellt.Die gesetzlichen Regelungen und die demografische Entwicklung zugrunde gelegt, müssten laut IG Metall Homburg-Saarpfalz die Betriebe in ihrem Beritt allerdings ab jetzt genau 2121 Plätze einrichten, die den besonderen Ansprüchen an Mitarbeitern über 60 Jahren genügten. Vor allem seien diese körperlich nicht mehr so belastbar, man könne einen Leistungsabfall von 40 Prozent feststellen. Diesen Wert hat Reinstädtler anhand der Leistungskriterien errechnet, die nötig wären, um das Deutsche Sportabzeichen zu erhalten. Während 18- bis 29-Jährige für einen 2000-Meter-Lauf beispielsweise 13 Minuten Zeit haben, werden 65- bis 67-Jährigen 22 Minuten eingeräumt. Reinstädtler hält es für unwahrscheinlich, dass für die Vielzahl kommender Mitarbeiter über 60 wie nötig ganze Werkshallen umgerüstet werden, in denen dann nur eingeschränkt produziert werden könne. Die Extrakosten schreckten ab. Die Reaktion, die er für wahrscheinlicher hält: Kranken Mitarbeitern wird schneller gekündigt und sie werden in die Arbeitslosigkeit entlassen. Eine Rolle könnte hier der Umstand spielen, dass ältere Arbeitnehmer vier Mal so lange krank seien wie jüngere. Reinstädtlers Appell: Nachlassende Mitarbeiter nicht auszusortieren, sondern sie in anderen Bereichen so einsetzen, dass sie den Unternehmen weiter helfen und nicht überlastet werden. Die Kernfrage dabei: An wem soll sich gerade bei der Metallverarbeitung die Produktivität orientieren: An den Jüngsten? Dann wäre klar, dass Senioren keine Rolle spielen dürften, weil sie die Leistung nicht bringen könnten. An den Ältesten? Dann litte die Produktivität automatisch, junge Kollegen wären unterfordert. Klar ist für Reinstädtler: Für Deutschland mit seinem starken Export ist Produktivität das höchste Gut. Schränkten die Firmen sie ob der Rentenregelung ein, gefährde dies die Wirtschaftsleistung.

"Die Firmen müssen sich bewusst sein, dass ihre Produktivität zurückgeht und die Personalkosten steigen", mahnt Reinstädtler. Ihn treibe um, dass Unternehmen und auch die Politik offenbar glaubten, die Erhöhung des Renteneintrittsalters löse das Rentenproblem in Deutschland, ohne dass jemand die Zeche dafür zahlen müsse. Dabei sieht er die Unternehmen in der Pflicht, beispielsweise über die medizinische Versorgung nachdenken. Analog zu Stillräumen für Schwangere müsste man Einrichtungen für Diabetiker ins Auge fassen. Reinstädtler: "Warum sollte sich Zuckerkranke die Insulinspritzen auf der Toilette geben müssen?" Um Anforderungen an seniorengerechte Arbeitsplätze zu klären, wird die IG Metall im Laufe des Jahres die Betriebe aufsuchen. Kämen die Firmen nicht von sich aus entgegen, müsse der Gesetzgeber ein Altersschutzgesetz einführen, ebenso eine Seniorenquote für Neueinstellungen. "Mit Mitarbeitern über 61 Jahren hat man quasi gar keine Erfahrungen."

Ralf Reinstädtler,

IG Metall