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Rückkehr des Highspeed-Bohemiens

Rückkehr des Highspeed-Bohemiens

Die Feuilletons liegen ihm bei Erscheinen seiner Romane regelmäßig zu Füßen. Dabei lebt auch sein neuer Roman vornehmlich davon, dass Thomas Glavinic in narzisstischer Vollendung um sich selbst kreist. Dass er dennoch ein talentierter Autor bleibt, zeigt immerhin einer der drei Erzählstränge seines Romans „Der Jonas-Komplex“.

Thomas Glavinic ist ein besonders exzentrisches Exemplar der Gattung Wiener Kaffeehausliterat. Menschen findet er anstrengend und meist idiotisch, aber er hockt dauernd im Café Anzengruber und ist über Twitter , Instagram und Facebook mit allen und allem vernetzt. Er glaubt an Aliens und Ufos, sieht Gespenster und hört Stimmen. Manchmal hält er sich als morbider Wiener schon für eine Leich‘ ("Was ist mit mir los? Bin ich tot? Oder werde ich nur geschrieben?"). Glavinic macht wenig Hehl daraus, viel Alkohol, Drogen, Psychopharmaka und Sex zu brauchen, um Panikattacken und Schuldgefühle in Schach zu halten. Aber sonst ist er "ganz normal".

Elf Romane hat der 43-Jährige bisher geschrieben, fast alle handeln von Thomas Glavinic alias Jonas. In "Das bin doch ich" etwa war er - ein trinkfester, neurotischer Wiener Schriftsteller - eifersüchtig auf Daniel Kehlmanns Ruhm und scharf auf den Deutschen Buchpreis, den er dann beinahe bekommen hätte. "Wer meine Bücher ablehnt", sagt Glavinic, "lehnt mich ab": Zwischen Literatur und Leben passt bei ihm höchstens ein Blatt Papier.

Glavinic hat die narzisstische Selbstbespiegelung zur Kunstform und Suchtdroge ausgebildet und muss jetzt ständig die Dosis steigern. "Wer wir sind, wissen wir nicht", heißt der erste Satz von "Der Jonas-Komplex". "Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen. Als ich aufwache, geht es mir so elend, dass ich mit keinem der drei etwas zu tun haben will." Damit ist schon mal der fatalistisch-heitere Tonfall angeschlagen, in dem der Ich-Erzähler aus seinem wilden Leben als rasender Schriftsteller berichtet: Sex, Koks und Alkohol, Lesereisen und Buchpremieren, eine Nacht beim "Pornopärchen" im Burgenland, ein Gefängnisbesuch bei Esti, der schönen Kettensägen-Doppelmörderin, Momente des Glücks mit dem Kind, Abhängen mit Freunden wie dem Hell's-Angels-Anwalt und WingTsun-Kampfsportler Werner oder dem Schauspieler David Schalko. Es sind, soweit sich das überprüfen lässt, fast alles reale Figuren und Erlebnisse, aber das macht dieses Tagebuch eines Highspeed-Bohemiens nicht aufregender. Glavinic jettet 2015 trotz Flugangst hektisch in der Welt herum und kommentiert die TV-Nachrichten (Flüchtlinge, German-Wings-Absturz, Terroranschläge), aber am besten ist er dann, wenn sein faktisches Leben langsam in die Fiktion kippt.

In seiner Alter-Ego-Existenzform als Jonas ist Glavinic ein reicher Abenteurer, der sich in Tokio von seiner unternehmungslustigen Freundin Marie und einem durchgeknallten Anwalt zu einer Antarktis-Expedition überreden lässt. Zu zweit, ohne Training und Ausrüstung bis zum Südpol laufen: Das ist selbst für den Extrembergsteiger Jonas, der in "Das größere Wunder" den Mount Everest bezwang, eine Herausforderung. Der dritte, mit Abstand interessanteste und anrührendste Erzählstrang führt zurück in die Weststeiermark und Glavinics Kindheit. Jonas ist ein einsamer, hoch begabter 13-Jähriger, der von seinen Mitschülern als "Drecksjugo" gemobbt und von seiner Ziehmutter Uriella sexuell missbraucht wird. Er liest und onaniert viel und entwickelt Pläne für den todsicheren Suizid. Liebe findet er nur bei Oma Suux, Erfolgserlebnisse beim Schach. Glavinic stand als Kind selber auf Rang zwei der österreichischen Schachrangliste.

In der Psychologie wird die neurotische Angst vor Größe als Jonas-Komplex bezeichnet. Prophet Jona floh vor Gottes gewaltigem Auftrag, aber nicht mal im Bauch des Walfischs konnte er seiner Mission entkommen. Glavinic hat Angst vor vielem, aber nicht vor Größe. Er kann und getraut sich allerhand, aber jetzt sollte er die Größe seiner Missionen und Expeditionen einmal mäßigen und sein Augenmerk auf kleinere Dinge als sein Ego richten.

In seinem form- und uferlosen 750-Seiten-Roman mäandert er zwischen schrägem Humor und biederen Lebensweisheiten, Drogenvisionen und "Stegreifreferaten" zu allem und jedem, Lügenmärchen und präzisen Selbstanalysen. Am Ende hat er gelernt, den in Ruhe zu lassen, der er einmal war und kühn weiter zu gehen.

Thomas Glavinic : Der Jonas-Komplex. S.Fischer, 750 Seiten, 24,99 €.