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Rettung in höchster SeenotPallmann-Belegschaft zwischen Hoffen und Bangen

Rettung in höchster SeenotPallmann-Belegschaft zwischen Hoffen und Bangen

Zweibrücken. Metaphern vom Ertrinken und Gerettetwerden waren gestern angesagt, um die Situation beim Zerkleinerungsmaschinenbauer Pallmann zu beschreiben. IG-Metall-Sekretär Ralf Cavelius machte morgens den Anfang: "Letzte Woche ist über Pallmann eine Welle geschwappt und die Belegschaft hatte keine Luft zum Atmen mehr. Jetzt kann sie auftauchen und Luft holen"

Zweibrücken. Metaphern vom Ertrinken und Gerettetwerden waren gestern angesagt, um die Situation beim Zerkleinerungsmaschinenbauer Pallmann zu beschreiben. IG-Metall-Sekretär Ralf Cavelius machte morgens den Anfang: "Letzte Woche ist über Pallmann eine Welle geschwappt und die Belegschaft hatte keine Luft zum Atmen mehr. Jetzt kann sie auftauchen und Luft holen". Da hatte Cavelius gerade miterlebt, wie die 450 Mitarbeiter bei einer Betriebsversammlung erfahren hatten, dass der Insolvenzantrag von Firmenchef Hartmut Pallmann - am Freitag gestellt - wieder zurückgenommen wurde. Bei einer Kundgebung vor 500 Bürgern und Unterstützern auf dem Zweibrücker Schlossplatz (siehe auch untenstehender Text) benutzte Betriebsratschef Klaus Patsch dann diese Metapher: "Wir sind vor einigen Tagen in den Fluss gefallen und waren am Ertrinken. Aber es sind viele mit Rettungsbooten gekommen."Im Tagesverlauf wuchs und wuchs die Zuversicht. Hieß es morgens noch, das künftige Konstrukt - eine Beteiligung von mehreren Investoren an Pallmann - sei "nicht richtig stabil, nicht richtig tragfähig" (Cavelius), gab es mittags die Vollzugsmeldung. Das Familienunternehmen Siempelkamp aus Krefeld (siehe "Hintergrund"), ein guter Firmenkunde von Pallmann, steigt beim Zweibrücker Maschinenbauer ein, sorgt so neben kleinen, anonymen Geldgebern für die nötigen 2,6 Millionen Euro. Die sind nötig, damit die Firma wieder flüssig ist. Die Stadtwerke drohten etwa, wegen offener Rechnungen den Strom abzuschalten (wir berichteten). Der Hauptausschuss des Stadtrats - Zweibrücken ist Mehrheitsgesellschafter - forderte die Stadtwerke auf, 14 Tage auf diesen Schritt zu verzichten, wie Oberbürgermeister Helmut Reichling bei der Versammlung verkündete. Stadtwerke-Chef Werner Brennemann war für eine Stellungnahme gestern nicht zu erreichen. "Siempelkamp ist seriös und hat das Potenzial, das Ganze zum Positiven hin zu beenden. Pallmann wird wieder voll handlungsfähig", so Gewerkschafter Ralf Cavelius. Sollte dies nicht geschehen, ist auch ein erneuter Insolvenzantrag möglich. Das bestätigte Amtsgerichtsdirektor Klaus Biehl. Rechtlich sei es "überhaupt kein Problem" gewesen, den Antrag von Freitag zurückzunehmen, da Pallmann diesen selbst gestellt habe.

Über einen möglichen Stellenabbau in der Firma sei noch nicht geredet worden, sagte Kurt Pirmann (SPD). Grundsätzlich hält der zukünftige Zweibrücker Oberbürgermeister das Engagement Siempelkamps aber für "eine gute Lösung". Pirmann war bei der Vertragsunterzeichnung mit Vertretern des Krefelder Investors am Sonntagabend gegen 22 Uhr selbst mit dabei. Hartmut Pallmann habe ihn gegen 19 Uhr mit dazugebeten. "Herr Pallmann wollte, dass ich als zukünftiger Oberbürgermeister über die Entwicklung der Firma rechtzeitig umfassend informiert bin." Ministerpräsident Kurt Beck habe gestern Morgen erleichtert auf die Abwendung der Insolvenz reagiert, sagte Pirmann.

Einen Kahlschlag erwartet Cavelius nun nicht. Die Belegschaft hat längst die Bereitschaft signalisiert, einen finanziellen Beitrag zur Rettung des Unternehmens zu leisten. Zwei Millionen Euro sollen gerechnet auf das ganze Jahr 2012 zusammenkommen. Cavelius: "Ein Beschäftigungssicherungsvertrag könnte angewendet werden, auch eine besondere Form der Altersteilzeit." Einen Spareffekt könne man auch durch ein angepasstes Arbeitszeitmodell erzielen, das die derzeit angesammelten Überstunden abbauen hilft. Gegen Jahresende stauten sich Aufträge im Ersatzteilgeschäft massiv, man könne in Anlehnung an John Deere über eine Regelung nachdenken, bei der die Mitarbeiter neun Monate arbeiten, dann drei Monate zuhause bleiben. Wer künftig als Geschäftsführer die Geschicke von Pallmann leitet, sei bislang noch unklar, sagte Cavelius.

Innerhalb der Firma befürchtet man, dass bereits die kurzzeitige Insolvenzanmeldung den Ruf Pallmanns "immens" beschädigt hat. Nun sei es ein "Riesenkraftakt, das Vertrauen in die Firma wiederherzustellen", sagt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. > Seiten 1 und 17: Weitere Berichte Zweibrücken. Es ist fast schon ein symbolisches Bild: Rechtzeitig zur Kundgebung kommt über dem Zweibrücker Schlossplatz die Sonne heraus. Ebenso wie wenige Stunden zuvor ein Fünkchen Hoffnung bei den 453 Beschäftigten des Maschinenbauers Pallmann aufgeflammt ist. Die Firma Siempelkamp aus Krefeld steigt mit 25,1 Prozent bei Pallmann ein. Die Insolvenz des drittgrößten Arbeitgebers in der Zweibrücker Industrie ist damit abgewendet. Vorerst. Bis zur endgültigen Rettung des taumelnden Unternehmens ist es noch ein weiter Weg. Auch ist unklar, ob alle 453 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Das ist auch den Mitarbeitern klar, von denen viele dem Aufruf der IG Metall gefolgt sind, auf dem Schlossplatz für die Rettung von Pallmann zu demonstrieren. Insgesamt 500 Menschen beteiligen sich nach Polizeiangaben an der Kundgebung. Darunter sind auch viele Beschäftigte anderer Firmen aus der Region.

Bei den Pallmann-Mitarbeitern haben die letzten Tage Spuren hinterlassen. Das ist ihren Gesichtern anzusehen. Und auch den Transparenten, die sie in die Höhe strecken: "450 Familien erwarten Hilfe" steht auf dem Plakat von Angelo Martuccio. "Es stehen Existenzen auf dem Spiel", sagt der 37-Jährige, der seit drei Jahren bei Pallmann arbeitet. So richtig kann er nicht verstehen, warum die Banken seiner Firma keine Kredite mehr geben wollten. Für Martuccio sieht es tatsächlich so aus, als wollten die Kreditinstitute, allen voran die Sparkasse, Pallmann bewusst in die Insolvenz treiben.

Auch die IG Metall erneuert bei der Kundgebung ihre Kritik an den Banken: "Die Beschäftigten fühlen sich im Stich gelassen", ruft Gewerkschaftssekretär Ralf Cavelius den Demonstranten vor dem Sparkassen-Gebäude zu. Und direkt an die Adresse des Vorstandsvorsitzenden Rolf E. Klein fordert er: "Wir erwarten mindestens, dass die Kreditlinien erhalten bleiben." Heißt im Klartext: Die Sparkasse soll nun wieder Geld zur Verfügung stellen.

Dann dürfte sich auch die Stimmung in der Belegschaft wieder verbessern. Die sei im Moment "trüb", sagt Josef Bärmann. Der 46-jährige Stahlbau-Schlosser arbeitet nun schon seit 26 Jahren bei Pallmann. Wie viele seiner Kollegen hat er sein März-Gehalt bislang noch nicht bekommen. "Ich bin Alleinverdiener, das ist im Moment nicht so einfach", sagt Bärmann. Doch nach der abgewendeten Insolvenz habe er nun zumindest die Hoffnung, dass es für ihn weitergeht bei Pallmann. Aufgeben wollen sie jedenfalls nicht in der Belegschaft. Jubel brandet auf, als der Betriebsratsvorsitzende Klaus Patsch der Menge zuruft: "Wir Pallmänner haben noch immer gekämpft!"

Ein Demonstrationsteilnehmer hat allerdings seine Zweifel, ob das etwas nützt: "Wir sind doch sowieso nur Marionetten", sagt er. In seiner Stimme ist Verbitterung zu hören. Seit 18 Jahren arbeitet er als Maschinenschlosser bei Pallmann, demnächst wird er 55 Jahre alt. "Wer findet in dem Alter denn noch Arbeit?" fragt er. Seinen Namen will er nicht nennen: "Vielleicht muss ich mich demnächst noch bewerben. . ." gda

Josef

Bärmann

Hintergrund

Freudige Gesichter nach der Vertragsunterschrift am Sonntagabend: Hartmut Pallmann, Hans W. Fechner vom Investor Siempelkamp und der künftige Oberbürgermeister Kurt Pirmann.

Mit Maschinen- und Anlagenbau, Guss- und Nukleartechnik zählt Siempelkamp zu den größten Unternehmen in Krefeld. Die Gruppe weist für das Jahr 2011 erneut eine glänzende Bilanz auf. Mit einem Auftragseingang von 620 Millionen Euro sind die Auftragsbücher prall gefüllt. Etwa drei Viertel davon entfallen auf den Maschinen- und Anlagenbau, wobei Siempelkamp Weltmarktführer in der Herstellung von Pressen für die Holzwerkstoffindustrie ist. Die Gruppe steigerte den Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 200 auf 700 Millionen Euro und beschäftigt weltweit 3400 Mitarbeiter. wop