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Aus Zweibrücken ans andere Ende der Welt: „Raus aus der Bequemlichkeit“

Aus Zweibrücken ans andere Ende der Welt : „Raus aus der Bequemlichkeit“

Die in Zweibrücken aufgewachsene Irene Becker will junge Menschen inspirieren, neue Erfahrungen in anderen Ländern zu sammeln. In Australien hat sie deshalb ein Internetportal konzipiert, das den Kontakt zwischen Au-pairs und Gastfamilien verbessert.

„Ich weiß, was es heißt, sich fremd vorzukommen.“ Dieser Satz mag auf Papier gebracht trübsinnig klingen. Wenn Irene Becker ihn ausspricht, wird er aber von einem strahlenden Lachen begleitet. Die in Kirgisistan geborene Deutsche zog im Alter von elf Jahren mit ihrer Familie aus ihrem Geburtsland nach Zweibrücken. In der Rosenstadt wuchs sie auf – doch seit 2011 lebt sie am anderen Ende der Welt: in der Hafenstadt Melbourne an der Südostküste Australiens. „Man muss einfach mal raus aus der Bequemlichkeit. Raus aus dem, was man schon kennt. Und über den Tellerrand schauen“, sagt Becker. Diese Möglichkeit will die heute 35-Jährige jungen Menschen aufzeigen. Sie hat das Internetportal 99aupairs.com konzipiert, über das australische Gastfamilien und Au-pairs, die Kultur und Sprache in Down Under kennenlernen wollen, zueinander finden. Antrieb für das Projekt, das von der ersten Idee bis zum Online-Start im letzten November drei Jahre vorbereitet wurde, waren Bedingungen in Beckers neuer Heimat. Denn in Australien ist der Besuch eines Kindergartens ungemein teuer. Oftmals greifen Eltern auf der Südhalbkugel daher auf Au-pairs zurück – doch die Vermittlung wird nicht reguliert. Das führt mitunter zu Enttäuschungen auf beiden Seiten, erklärt Becker. Die jungen Erwachsenen sind unglücklich, weil sie sich den Aufenthalt anders vorgestellt haben. Und die Gastfamilien sind frustriert, weil sie nach wenigen Wochen auf die Suche nach einem neuen Au-pair gehen müssen. „Ich finde es schade, wenn jemand mit negativen Gefühlen nach Hause zurückfährt, denn Australien ist ein tolles Land“, schwärmt Becker. Auf ihrem Internetportal sollen die „passenden“ Familien und Au-pairs zusammenfinden. Die jungen Erwachsenen können dort zum Beispiel angeben, ob sie in einer Großstadt oder Kleinstadt arbeiten wollen. Ob sie Vegetarier oder allergisch sind. Sie können in Erfahrung bringen, ob sie bei der Gastfamilie Auto fahren müssen und wie das überhaupt mit der Versicherung in Australien funktioniert. Erst wenn alle Fragen geklärt sind, kommt ein direkter Kontakt zustande. „Ein 18-jähriges Mädel weiß oft gar nicht, nach was sie fragen soll, traut sich vielleicht nicht, nach einem Taschengeld zu bitten. Sie hofft darauf, dass sie Glück hat und in eine nette Familie kommt. Manchmal werden in den jungen Menschen aber nur billige Arbeitskräfte gesehen“, sagt Becker. Sie ergänzt: „Wir wollen Missverständnisse vermeiden und Vertrauen aufbauen.“

Die zweifache Mutter, die bei einer australischen Marketingfirma arbeitet, hat selbst viele Erfahrungen mit Au-pairs gemacht. „Unser erstes Mädchen war eine türkischstämmige Deutsche. Sie war sieben Monate bei uns. Das hat super geklappt.“ Mit manchen der „Ehemaligen“ ist die Bindung bis heute besonders eng. Ein früheres Au-pair-Mädchen der Familie ist heute Patentante von Beckers einjähriger Tochter Natasha. Einer anderen half Becker, sich über deren Studienwunsch klarzuwerden. Denn auch um über den zukünftigen Lebensweg nachzudenken seien Auslandsreisen prädestiniert, sagt die 35-Jährige. Vor Weihnachten war sie in Zweibrücken am Helmholtzgymnasium – wo sie einst das Abitur ablegte – um ihre Gründer-Idee vor einer zwölften Klasse vorzustellen. „Ich habe gefragt, wer studieren will. Da zeigten alle Finger nach oben. Dann habe ich gefragt, wer schon weiß, was er studieren will, da meldete sich niemand mehr“, erzählt Becker. Und ergänzt: „Wie will ich eigentlich Leben? Das ist eine Frage, die man besser beantworten kann, wenn man eine andere Perspektive bekommen hat. Ich möchte junge Menschen deshalb inspirieren, Erfahrungen zu sammeln. Reisen ist ungemein wichtig.“

Beckers Faszination für Australien begann schon 2008, als sie in Bamberg Pädagogik und Europäische Wirtschaftswissenschaften studierte. Durch ein Stipendium war es ihr möglich, den fünften Kontinent zu besuchen. Sie war „sofort in das Land verliebt“ – und lernte dort ihren heutigen Ehemann kennen. Was sie an Australien besonders schätzt, ist die Gastfreundschaft. „In der Straßenbahn kann man mit Leuten über Gott und die Welt sprechen. Und in jedem Haus steht ein Gästezimmer bereit. Ich wurde einmal von Freunden zu deren Eltern eingeladen, die vor einem Jahr in ein neues Haus gezogen waren. Von 50 Wochenenden hatten sie dort nur drei allein verbracht, weil immer jemand zu Besuch da war.“

Nicht nur die Menschen, auch das Land selbst hat es ihr angetan: „Beim Schnorcheln am Great Barrier Reef bin ich mit einer Riesenschildkröte getaucht, das ist etwas, was man erlebt haben muss.“

Nach ihrem Besuch in Deutschland über die Feiertage wird Irene Becker heute wieder nach Melbourne fliegen. Fremd wird sie sich in Australien nach acht Jahren nicht mehr fühlen. Ein strahlendes Lachen dürfte sie vor der Rückkehr in das Land, in das sie sich verliebt hat, dennoch im Gesicht tragen.

Viel mehr als nur ein reines Arbeitsverhältnis. Irene Becker (Mitte) besucht mit Au-pair Nele (links) und ihren beiden Kindern die Sydney Harbour Bridge. Foto: Irene Becker

Wer Interesse an einem Au-pair-Aufenthalt in Australien hat, kann sich unter der Homepage 99aupairs.com informieren und registrieren. Oder über die Emailadresse hello@99aupairs.com mit Irene Becker in Kontakt treten.