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Pubertäres Verhalten von Erwachsenen - Kolumne

Unsere Woche : Das Pubertier in uns allen

Haben Sie eigentlich Tiere? Wir haben ja drei. Zwei normale Katzen und ein Pubertier. So nennt der Autor Jan Weiler sehr treffend Teenager. Das Pubertier also sitzt, anders als die Katzen, beim Abendessen abwechselnd neben meiner Frau und mir.

Von dort lässt es uns und seine Geschwister an seiner Weltsicht teilaben. Und die ist, nun ja, pubertär: Sie weiß alles, kann alles, und wer ihre Meinung nicht teilt, wird erst als intellektuell oder geschmacklich minderwertig abgetan und dann mit Missachtung gestraft. Ganz normales Verhalten für die Pubertät. Aber ganz schön anstrengend.

Und erschreckend: Denn ich sehe ihre pubertäre Art des Umganges mit Andersdenkenden in meinem Alltag überall: In politischen Diskussionen, erst recht in Auseinandersetzungen im Internet. Weil es mich sehr beschäftigt, in einem pubertierenden Hirn damit jedoch kein Durchkommen ist, möchte ich hier unter uns Erwachsenen noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass unser Wort Toleranz vom lateinischen tolerare abstammt. Dieses Wort bedeutet ertragen. Nicht gutfinden, nicht teilen, nicht für auch nur ansatzweise nachvollziehbar halten. Ertragen. Das kann auch weh tun. Eigenexperiment: den (eigenen, dieser Zusatz scheint mir heutzutage wichtig) Kopf mittelfest gegen eine beliebige harte Wand schlagen. Und? Tut weh, oder? Keine Angst, geht vorbei. Aber für die nächsten Minuten kann man eigentlich nix machen.

Wer Wert auf einen politischen und gesellschaftlichen Diskurs legt, der diesen Namen verdient und kein fanatisches Geschrei ist, muss wieder lernen, das intellektuelle Äquivalent dieses Kopfschmerzes zu ertragen. Nicht nur, wenn das eigene Kind dafür verantwortlich ist.