Tochter sagt vorm Landgericht Zweibrücken gegen Mutter und verstorbenen Vater aus Geprügelt mit Handfeger, Baseballschläger und „großem Bruder“

Zweibrücken · Erschütternde Aussagen am Donnerstag am Landgericht Zweibrücken um mutmaßliche jahrzehntelange Kinderquälereien durch eigene Eltern.

 Die Kinder sollen im eigenen Elternhaus ein langes Martyrium erlitten haben (Symbolbild).

Die Kinder sollen im eigenen Elternhaus ein langes Martyrium erlitten haben (Symbolbild).

Foto: picture alliance / dpa/Patrick Pleul

Abgründe tun sich auf. Am vierten Verhandlungstag im Prozess um jahrelange Kindesmisshandlungen ist am Donnerstag eine Tochter der vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken angeklagten 59-jährigen Mutter zu Wort gekommen. Die Erzieherin aus Dahn, inzwischen 43 Jahre alt, schilderte in allen grausamen Einzelheiten, wie sie das Martyrium in ihrem Elternhaus erlebt hat.

Staatsanwalt Martin Kiefer hatte der 59-Jährigen zum Prozessauftakt zur Last gelegt, mehrere ihrer sechs Kinder (drei Mädchen und drei Jungs) im Zeitraum 1989 bis 2011 gemeinsam mit ihrem (2018 verstorbenen) Ehemann gequält zu haben. Er warf der Frau, die inzwischen in Ramberg im Landkreis Südliche Weinstraße lebt, Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor. Zudem muss sich die 59-Jährige wegen Betrugs verantworten. Denn sie soll – ebenfalls gemeinsam mit ihrem Ehemann – zwei ihrer Töchter veranlasst haben, sich gegenüber Gutachtern des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) Rheinland-Pfalz wie schwer behinderte Kinder zu verhalten, um das Pflegegeld kassieren zu können. Durch die unberechtigten Bezüge, mit denen das arbeitslose Ehepaar seinen Lebensunterhalt bestritten hatte, soll der Krankenkasse ein Schaden von insgesamt 50 000 Euro entstanden sein.

Laut Anklage soll die gebürtige Pirmasenserin davon Kenntnis gehabt und zugelassen haben, dass ihr Ehemann die Kinder misshandelt und manchmal sogar selbst handgreiflich geworden sein. Die Frau hatte nach eigenen Angaben bereits mit 16 Jahren ihr erstes Kind bekommen und dann mit ihrer immer größer werdenden Familie zunächst in Frankreich, dann in Zweibrücken und schließlich in Bruchweiler-Bärenbach im Landkreis Südwestpfalz gelebt.

Die schier ununterbrochenen körperlichen Züchtigungen bestätigte am Donnerstag die inzwischen 43-jährige Tochter im Zeugenstand. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, begann sie mit belegter Stimme. Als sie mit knapp zehn Jahren ihre erste Menstruation bekam und sich dadurch ein Blutfleck in ihrer Hose abzeichnete, sei sie „erschrocken“ gewesen, weil sie sich das habe damals nicht erklären können. Dann sei sie von ihrer Mutter ausgeschimpft worden, weil sie „in die Hose gemacht“ habe. Zur Strafe habe sie sich nackt ausziehen und die Nacht über in die leere, kalte Badewanne legen müssen.

Zudem berichtete sie über den Tag, an dem sie ihren Bruder im Auftrag ihres Vaters hinter die Kellertreppe bringen sollte. Dort habe sie mit ansehen müssen, wie er dem Jungen mit einer Luftpumpe die Schneidezähne ausschlug. Bloß, weil der Vater am Fahrrad seines Sohnes einen platten Reifen entdeckt hatte. Die Mutter habe für den stark blutenden Jungen, berichtete die 43-Jährige weiter, damals nur die Worte übrig gehabt: „Du bist selbst schuld.“ Obendrein habe sie dem ohnehin malträtierten Sohn noch einige „Kopfnüsse“ gegeben.

Auch sie, die heute 43-Jährige, habe ihr Vater oft aus nichtigem Anlass verprügelt – zum Beispiel, wenn sie mit einer schlechten Schulnote nach Hause kam: „Da stand er schon mit dem Handfeger in der Hand hinter der Tür. Da wusste ich schon, was auf mich zukommt.“ Ihre Mutter habe das „alles geduldet“: „Sie hat einfach zugeschaut, wie ich mit dem Handfeger verprügelt wurde“, sagte sie über die Rolle ihrer Mutter. Im Wechsel habe ihr Vater auch einen Kochlöffel, einen Baseballschläger, einen Holzstock oder einen Gummiknüppel benutzt, dem er den Namen „großer Bruder“ gegeben habe. Eine Tracht Prügel habe sie auch bekommen, als ihre Eltern herausfanden, dass sie in der Schule verraten hatte, dass die Familie daheim nur Dosensuppen aß. Da holte der Vater – wieder einmal – den „großen Bruder“ raus. „Und die Mutter hat in der Tür gestanden und sich gefreut“, erzählte die 43-Jährige.

Fortgesetzt wird die Verhandlung am kommenden Montag um 9.30 Uhr im Landgericht Zweibrücken.

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