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Philosoph im Ruhestand oder: Der ewige Traum, frei zu sein . . .

Philosoph im Ruhestand oder: Der ewige Traum, frei zu sein . . .

Meinung: Philosoph im Ruhestand oder: Der ewige Traum, frei zu sein . . .

Meinung:
Philosoph im Ruhestand oder: Der ewige Traum, frei zu sein . . .

Liebe Leserinnen,

Liebe Leser,

ich gestehe es freimütig ein, dass sich unsere Wege bereits vor Jahrzehnten getrennt haben: Seneca und ich - das passte nicht, weshalb ich mich denn schon in der Unterprima gedanklich von dem römischen Philosophen verabschiedete. Was auch daran liegen mag, dass er in seinen Schriften in besonderem Maße dem Verzicht und der Zurückhaltung das Wort redete. Und dafür ist ein das Leben und den Genuss bejahender Widder selten zu haben. Sei's drum - Seneca hat mir seitdem nicht gefehlt. Gut, ich ihm wahrscheinlich auch nicht! Umso unvermittelter jetzt unser neuerliches Wiedertreffen. In einer Baustelle auf der A 61, kurz hinterm Frankenthaler Kreuz. Und auf dem Weg nach Speyer, wo am Nachmittag bei der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz die Verabschiedung des langjährigen Geschäftsführers Hartmut Hüfken ansteht. Der war erst vor wenigen Wochen zum wiederholten Mal streitbar engagierter Gesprächspartner in unserer Redaktion weshalb die Stippvisite bei seiner Verabschiedung mehr als eine Höflichkeitsbezeugung ist. Besser: gewesen wäre, denn sie fand am Donnerstag nicht statt. Zumindest nicht für mich. Ein umgestürzter Lkw, eine komplett gesperrte Richtungsfahrbahn, ein unendlich langer Stau, quälende gut zweieinhalb Stunden, ehe der Wagen wieder rollt. Alles andere ist Warten, Nachdenken, Schimpfen, Ärgern, Hadern und ein ganz klein wenig Philosophieren. Auch über Seneca . Ausgerechnet ein Sinnspruch aus seiner Feder prangt auf Hüfkens Einladung, die ich in die Hand nehme, um die Telefonnummer rauszusuchen und mein Fernbleiben zu entschuldigen. ,,Unschätzbares Gut ist es, sein eigener Herr zu werden", hat Seneca vor Jahrhunderten formuliert. Ja, zu Hartmut Hüfken, der rechts daneben in lässiger Pose abgebildet ist und der heute seinen ersten Tag nach dem Berufsleben hat, mag das wohl passen. Aber für einen Autofahrer im Stau, den links die provisorische Baustellenleitplanke und rechts ein über Gebühr dümmlich stehender Lkw daran hindert, den Wagen zu verlassen, passt das gar nicht. Für den Fluchenden hinter dem Lenkrad, dem allenfalls ein übergroßer Dosenöffner den Ausstieg nach oben ermöglichen würde, wäre es um Vieles stimmungsvoller gewesen - gleichsam ein unschätzbares Gut - auf dem gleißenden Asphaltband "sein eigener Herr zu sein".

Verstehen Sie jetzt, warum das mit Seneca und mir nicht klappen konnte? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn der Gelehrte so treffsicher an einem vorbei formuliert.

Michael Klein

Chefredakteur