„Papas habe ich nie gesehen“

Wenn die Dinge in der Familie gefährlich aus dem Ruder laufen, kommen Pflegeeltern ins Spiel. Für eine begrenzte Zeit nehmen sie Kinder bei sich auf – manchmal für Wochen, manchmal für viele Jahre. 45 Pflegeeltern gibt es in Zweibrücken. Die Ergotherapeutin Lulu Romahn-Pelikan ist eine von ihnen.

Es ist nicht so, als ob sich Lulu Romahn-Pelikan auf Anhieb in die Aussicht verliebt hätte, Pflegekinder aufzunehmen. Ganz im Gegenteil. "Es war halt so, dass ich am Anfang 100 Ausreden hatte", erzählt die 42-jährige Ergotherapeutin. Irgendwann hatte sie keine Ausrede mehr und sagte ja. Ja ganz besonders für ganz kleine Kinder. Das war 2009. Seither haben sie, ihr Mann und ihre mittlerweile 13-jährige Tochter fünf Pflegekinder kommen und drei wieder gehen sehen. Heute sagt sie: "Es ist schon eine Bereicherung."

Derzeit leben zwei drei- und vierjährige Mädchen in der Familie. Die eine, Kind einer osteuropäischen Mutter, die im Zweibrücker Gefängnis eine Haftstrafe absaß und danach abgeschoben wurde, kam mit vier Monaten zu Familie Romahn-Pelikan. Die andere gleich nach der Geburt. Auf Wunsch der damals erst 15-jährigen Mutter. "Ich kann nur sagen Hut ab vor dieser Entscheidung", sagt die Pflegemutter. Das alltägliche Leben unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, das andere Familien mit drei Kindern führen. "Bei uns ist alles ziemlich durchorganisiert", sagt Lulu Romahn-Pelikan, die weiterhin halbtags arbeitet. Kindergarten, Schule, Kinder wegbringen, Kinder abholen, Essen, Spielen, Schlafen. Kurzfristig hatte die Familie ein drittes Pflegekind aufgenommen - aber das ging nicht gut. Die beiden anderen Mädels verbündeten sich gegen die Neue. "Ich hätte das nicht erwartet", sagt Romahn-Pelikan.

Dass sich die Familie und die Pflegekinder in absehbarer Zeit trennen, steht nicht zu befürchten. Sie werden unter dem Dach ihrer Pflegefamilie leben, bis sie flügge sind. Aber Romahn-Pelikan hat auch andere Fälle erlebt. Fälle, in denen die Kinder, was eigentlich die Regel ist oder sein soll, nur auf Zeit bei ihr lebten und Kontakt zu den leiblichen Eltern bestand. Mit diesen Kontakten hängt zusammen, dass sie nicht zu sehr darunter leidet, wenn sie ein Pflegekind wieder abgeben muss. Zum einen geschehe das sowieso "nicht von jetzt auf gleich", zum anderen freue man sich mit, "wenn man die leibliche Mutter sieht und merkt, dass sie ihr kleines Leben umkrempelt, um die Kinder zurückzukriegen". Die Betonung liegt hierbei auf "Mutter", denn "Papas habe ich nie gesehen", sagt die Pflegemutter. Außerdem gibt es, wenn man will, ein weiteres Mittel gegen den Abschiedsschmerz: bei der zahlenmäßigen Kluft zwischen betreuten Kindern, nach Angaben des Jugendamtes 85 bis 88 im Jahr, und Pflegeeltern, derzeit 45, könnte man recht bald einen weiteren Pflegling bei sich aufnehmen. Das bedeutet aber nicht, "dass man einen Katalog hat, auf ein Kind zeigt und sagt ‚das nehm' ich", betont Romahn-Pelikan. Wunsch meint nur die Bereitschaft, einem Kind in einer Notlage vorübergehend ein Zuhause zu geben.

Die Gründe, aus denen Kinder aus der eigenen Familie hinausgenommen und in Pflegefamilien untergebracht werden, sind vielfältig. Gemeinsam ist ihnen, dass sie eine Gefährdung des Kindeswohls darstellen. "Es geht immer darum, eine Gefahr vom Kind abzuwehren", sagt Sabine Haupenthal vom Zweibrücker Jugendamt. Wobei man sich immer die Frage stellen müsse, was dem Kind mehr schadet: das Leben in der Familie oder die Trennung von den leiblichen Eltern . Die Hinweise auf eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls können von Kindergärten kommen, von Kinderärzten, von Eltern selber, die merken, dass ihnen die Erziehung über den Kopf wächst - oder von Kindern selber. "Es kann sein, dass ein Kind kommt und sagt, ‚zu Hause ist etwas nicht in Ordnung, ich will nicht mehr heimgehen'."

Wer sich entscheidet, ein Pflegekind aufzunehmen, kommt ohne die Hilfe seiner eigenen Familie nicht weit. Der Partner muss mitmachen, die eigenen Kinder, am besten auch Onkel, Tanten und Großeltern. Im Fall von Lulu Romahn-Pelikans Familie war das kein Problem. Der Kommentar ihrer Tochter 2009: "Solange ich die Älteste bin, ist das ok." Dieses Versprechen konnten ihre Eltern ihr leichten Herzens geben - und halten. Lulu Romahn-Pelikan ist überzeugt, dass ihre Tochter von ihren Pflegegeschwistern profitiert. Nicht nur dadurch, dass sie nicht als Einzelkind aufwächst. Sondern auch, weil ihre Eltern aufgrund der Erfahrungen mit den Schwestern entspannter auf ihre Wünsche und Bedürfnisse reagieren. Und es ihnen leichter fällt, die Tochter loszulassen.

Das Jugendamt der Stadt sucht stets Pflegeeltern. Interessierte müssen über 18 Jahre sein. Kontakt: Jugendamt Zweibrücken , Sabine Haupenthal, (0 63 32) 871-594, und Christina Schulz, (0 63 32) 871-558.