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Nerother Wandervogel feiert seinen 100. Geburtstag

100 Jahre „Nerother Wandervogel“ : Geschichte von Abenteuer und Gemeinschaft

100 wechselvolle Jahre hat der „Nerother Wandervogel“ hinter sich. Für viele junge Männer war er in dieser Zeit zu einer Art Heimat geworden. Auch der Zweibrücker Ordensgründer Willi Schwartz erinnert sich gerne zurück.

(cms) Mit dem Nerother Wandervogel feierte in diesem Frühjahr ein Wandervogelbund, entstanden aus der Deutschen Jugendbewegung, seinen 100. Geburtstag, der im Leben vieler junger Männer tiefe Spuren hinterlassen hat – im besten und positivsten Sinne. „Es waren tolle Zeiten für uns junge Burschen“, erinnert sich Willi Schwartz, besser bekannt als „Der Rote Baron“, Ordensgründer des in Zweibrücken und Elversberg ansässigen „Orden der Nansteiner“ im Nerother Wandervogelbund. 1962 war er mit anderen Schülern der damaligen Pestalozzischule Zweibrücken – neben der heutigen Westpfalzhalle – nach einem Werbe-Vortrag der Nerother in eine neu gegründete Gruppe aufgenommen worden und trägt noch heute sein rotes Barett, das Erkennungszeichen des Nerother Wandervogels.

Weltoffen zu denken, sich auf Reisen auf andere Kulturen einzulassen, aber auch ganz praktisch draußen zu übernachten, überall die Gitarre auszupacken und internationales Liedgut zu singen, das gefiel vielen jungen Männern nach den Weltkriegen – in einer Zeit ohne große Möglichkeiten, was Hobby, Ablenkung oder gar Abenteuer anging.

Die Gruppierung war 1921 von Robert und seinem Zwillingsbruder Karl Oelbermann aus Bonn gegründet und nach einer Eifelhöhle bei Neroth benannt worden. Die eigentliche Gründung war am 28. März 1921 auf Burg Drachenfels bei Busenberg in der Pfalz. Vorausgegangen waren Unstimmigkeiten und Unzufriedenheit mit der Situation im „Altwandervogel“ und einer Führungskrise. Denn der Erste Weltkrieg hatte den Wandervogel verändert, radikalisierte ihn, schuf neue Verhältnisse für die gesamte Jugendbewegung. So veröffentlichte Robert Oelbermann einen „Kampfruf an die entschiedene Jugend“, worin es heißt: „Ihr wiegelt auf, doch begeistern könnt ihr nicht, ihr falschen Führer. Ihr könnt nur schwätzen in Form von Flugblättern und revolutionären Reden.“

Bei dieser Zusammenkunft sollen auch einige Vertreter aus Zweibrücken und der Region dabei gewesen sein. „Es konkurrierten ein Akademiker-Fähnlein, an der Spitze ein Architekt, mit einem Handwerker-Fähnlein, an der Spitze ein Innungsmeister der Bäckerzunft“, erzählt Willi Schwartz. „Auch ein Fotograf mit Geschäft in der heutigen Fußgängerzone war dort Mitglied.“ Wo heute am Bleicherbach der Alpenverein seine Heimat gefunden hat, sollen sich in den 20er Jahren die Zweibrücker Nerother gegründet haben.

 Erster Bundesführer war Robert Oelbermann. Er und sein Zwillingsbruder Karl erwarben im Gelände der Burg Waldeck bei Dorweiler im Hunsrück ein erstes Grundstück, zogen von ihrem Wohnsitz Bonn auf die Burgruine und gründeten nach dem Vorbild mittelalterlicher Dombauhütten eine erste Bauhüttengemeinschaft. Auf Mauerreste wurden zunächst primitive Dächer gelegt, Ruinenteile bewohnbar gemacht. Man lebte von Spenden, begann für die Selbstversorgung eine Landwirtschaft. Zunächst aber gingen die Nerother, getrieben von Abenteuerlust und Sehnsucht nach der weiten Welt, auf große Fahrt. Sie organisierten für junge Leute Fahrten bis nach Afrika, Indien oder Japan. Dabei entwickelten sie ihren ganz eigenen Stil. Sie entdeckten, dass man unterwegs auch Geld mittels Konzertveranstaltungen und Theaterspielen verdienen konnte. Zudem wurden von jeder Fahrt Lichtbildervorträge zusammengestellt, mit denen in der Heimat die Kosten der Burg bestritten wurden.

Bis der Nationalsozialismus den freien Jugendgruppen den Garaus machte, konnten die beiden jungen Offiziere des Ersten Weltkriegs, die Jahrgang 1896 waren, aktiv sein. 1933 gerieten sie jedoch ins Visier des Terrorregimes, das auf seine eigene „Hitlerjugend“ setzte.

Robert Oelbermann versuchte zwar den Nerother Wandervogel vor der erzwungenen Selbstauflösung zu bewahren, musste sich aber Ende 1933 dem Druck beugen. Er wurde zu 21 Monaten Zuchthaus verurteilt. Bruder Karl hatte Glück: Er war in Südafrika und blieb dort bis 1950 im Exil. Doch Robert ging es ans Leben. Zumal man ihm mit dem Vorwurf, homosexuell zu sein, einen Strick drehte. Nach Verbüßung der Strafe wurde er in „Schutzhaft“ genommen und 1937 ins Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt. Später kam er dann ins Lager Dachau, wo er am 29. März 1941 verstarb. Gemeinsam ist er mit seinem Bruder Karl, der am 9. Oktober 1974 auf Burg Waldeck starb, in Dorweiler begraben.

„Die Blütezeit der Zweibrücker Nerother waren für mich die 60er Jahre“, berichtet das Urgestein Willi Schwartz. Mit rund 25 Mitgliedern hatten sie ihr „Nest“ Ende Annweiler, Anfang alte Contwiger Straße in einem baufälligen Jagdhaus. „Danach bekamen wir einen Raum in der Pestalozzischule, später in der alten Ixheimer Straße in einer verlassenen Bäckerei, bis schließlich der Klosterhof Wörschweiler in Homburg die Heimat aller Nerother aus der Westpfalz und dem Saarland wurde“, erzählt „Der Rote Baron“. 1960 war auch Karl Oelbermann in Zweibrücken zu Gast. In den Räumlichkeiten der Stadtmission hielt er einen Lichtbildvortag.

„Eine Großfahrt über vier Wochen musste im Jahr sein. Und jedes zweite Wochenende waren wir sowieso unterwegs“, erzählt Willi Schwartz. Er erinnert sich gerne an die Zeit in Wörschweiler zurück: „Viele Generationen von Nerothern sind den Weg mit vollgepacktem Rucksack und Gitarre ab den 50er Jahren gegangen. Ab dem Jahr 1960, als ich zum ersten Mal als zehnjähriges Mitglied einer Zweibrücker Nerother-Gruppe auf dem Klosterhof zu Gast war, bin auch ich bis zum Ende der Nerother-Ära regelmäßig diesen Pfad, der in der Nerother-Sprache nur „Der Steile“ (Pfad) genannt wurde, gegangen, zumal ich später eine längere Zeit dort wohnhaft war.“ Anfang des neuen Jahrtausends endete dort der Pachtvertrag und die Nerother mussten das Gelände verlassen.

Nach der Ordensgründung 1996 in Zweibrücken hat es in der Führung bis heute einen Wechsel gegeben. Der amtierende Ordensführer ist nun Tobias Gräber aus Elversberg, sein Stellvertreter und Ordenskanzler ist Sebastian Schwartz aus Zweibrücken. Vorausgegangen waren Ingo Gerber aus Homburg, Fabian Schuler und Carsten Stepp aus Zweibrücken.

 Zu Fuß in der Hitze der Toscana kann der Weg auch für einen Nerother zur Herausforderung werden.
Zu Fuß in der Hitze der Toscana kann der Weg auch für einen Nerother zur Herausforderung werden. Foto: Kai Keiork
 Per Anhalter waren diese Nerother 1986 in Montenegro unterwegs.
Per Anhalter waren diese Nerother 1986 in Montenegro unterwegs. Foto: Kai Keiork
  Der Zweibrücker Nerother Willi Schwartz gründete 1996 den „Orden der Nansteiner“.
Der Zweibrücker Nerother Willi Schwartz gründete 1996 den „Orden der Nansteiner“. Foto: Willi Schwartz

Übrigens: In seiner 100-jährigen Geschichte hatte der Nerother Wandervogel bis heute nur drei Bundesführer. Auf Robert folgte in den 50er Jahren Karl Oelbermann. Seit 1974 heißt der Bundesführer Fritz Martin Schulz, Fahrtenname FM. Er ist seit 47 Jahren im Amt und führt den Bund bis heute.