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Muss man es denn so übertreiben?

Muss man es denn so übertreiben?

Katerstimmung. Ja, so hat es sich angefühlt, als ich gestern Morgen aufgewacht bin.

So ein wirres Gefühl im Kopf, gepaart mit dem Versuch, sich langsam an das zu erinnern, was die Nacht zuvor passiert ist. Und dabei nicht mehr genau zu wissen, ob man einen Filmriss hatte. Dabei habe ich gar nichts getrunken. Die Verkörperung der brasilianischen Nation liegt neben mir im Bett. Geschlagen, bedrückt irgendwie. Die Bettdecke weit übers Gesicht gezogen. Wenn Sie von mir heute einen Jubelartikel erwarten, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Außerdem sind die Zeitungen sowieso schon voll davon. Also, Ihre Zeitungen wohlgemerkt. Ich habe es wirklich versucht. Ich habe versucht, mich über diesen Sieg zu freuen. Und, am Anfang ging das auch noch. Vorsorglich hatte ich mir das Spiel wieder am deutschen Kiosk angeschaut und der verständnisvollste brasilianische Mann von allen hat sich in die Höhle des Löw(en) gewagt, mit ihm ein paar Brasilianer. Mein Sohn hat das brasilianische T-Shirt an. Das Deutsche haben wir zum Wechseln mitgenommen. Erst geht alles noch seinen geordneten Gang. Als das erste Tor fällt, lasse ich mich gerne tragen von der Stimmung, dem Jubel. Mache meine Scherze in Richtung meiner brasilianischen besseren Hälfte - die zu dem Zeitpunkt auch noch augenzwinkernd erwidert werden. Was dann folgt, ist erst einmal Regen. Deutsches Wetter in Rio de Janeiro . Was darauf in Belo Horizonte folgt, wissen wir alle. Das Massaker. Die Tabula Rasa. Der Schlag mit der Keule. Was dann folgte, war vielleicht einfach ein bisschen zu viel des Guten. Zumindest für mich. Zumindest vor dem Hintergrund, dass ich mich in Brasilien und eben nicht in Deutschland befinde. Muss man es denn so übertreiben? Beim Boxen wäre spätestens nach dem 5:0 das K.o. eingeläutet worden. Beim Fußball gibt es diese Gnade nicht. "Drei Tore in sechs Minuten, das schaffen noch nicht mal die Mechaniker in der Volkswagen Niederlassung", witzelte ein Sportkommentator gestern nach dem Spiel. In Brasilien stellt der deutsche Autokonzern nämlich einen Kleinwagen mit Namen "Gol", auf Deutsch "Tor" her.

Ich fühle mich irgendwie schuldig. Bin ich vielleicht am deutschen Syndrom erkrankt? Wir tun uns doch meistens schwer, unsere Überlegenheit auch richtig auszukosten, uns im Triumph zu aalen. Wie dem auch sei, bis Sonntag habe ich mich auf jeden Fall wieder gefangen. Und dann werde ich mich, wenn es denn so kommt, mit Ihnen allen über einen deutschen Sieg freuen.

Sabrina Gab, 35, aufgewachsen in Zweibrücken, lebt seit zwei Jahren in Rio de Janeiro .