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Musikhaus Müller in Fußgängerzone von Zweibrücken vor Schließung

In bedeutendstem Gebäude in der Zweibrücker Fußgängerzone : „Es tut weh!“ – Musikhaus Müller schließt

Ende einer Ära: Nach 62 Jahren verliert Zweibrücken eines seiner renommiertesten Fachgeschäfte. Karl-Heinz Müller hat für sein Musikgeschäft im Herzen der Fußgängerzone keinen Nachfolger gefunden. Dass er es zuletzt schwer hatte, lag nicht nur an der Corona-Pandemie, sondern auch an einem anderen globalen Problem.

Im Musikhaus Müller geben sich aktuell Musikfreunde quasi die (nicht vorhandene) Türklinke in die Hand – wie in ganz alten Zeiten. Viele sind entsetzt. „Machst Du wirklich zu?“ Die Szene kann es kaum glauben, dass das traditionsreiche Musikhaus in Zweibrücken endgültig schließt.

Und doch ist es Fakt. „Genug ist genug!“, sagt Karl-Heinz Müller, der immer wieder Tränen in den Augen hat. Denn mit jedem Stück, das er jetzt verkauft, geht nicht nur für Zweibrücken eine Ära zu Ende, sondern für das 66-jährige Musik(er)-Urgestein endet sein L(i)ebenswerk. „Es tut weh!“, gibt er offen zu.

Loslassen fällt am schwersten. Zumal der musikalische Kaufmann sagt: „Ich war immer wunschlos glücklich!“ Seit über 30 Jahren – die Hälfte seines Lebens – ist das Musikhaus Müller sein Lebensinhalt, bestimmt den Tages-, Wochen- und Jahres-Rhythmus, bringt alle Freude trotz manchem Leid. Eines davon war das Hochwasser 1993/94, bei dem der gesamte Keller und einen Meter hoch auch noch der Laden unter Wasser standen und ein riesiger Schaden entstand, der dann zu einer Generalsanierung führte.

Der Versuch, das väterliche Erbe, das er nach seiner Ausbildung im elterlichen Betrieb 1990 übernommen hat, rechtzeitig in „gute Hände“ zu geben, war nicht von Erfolg gekrönt. „Es sollte wohl nicht sein“, sagt Karl-Heinz Müller.

Denn letztlich führen – neben dem erreichten Rentenalter und einigen „Wehwehchen“ – vor allem die aktuellen wirtschaftlichen Umstände zu seiner finalen Entscheidung. „Für Weihnachten letztes Jahr habe ich Ware bestellt, die ist bis heute nicht da und ich werde sie wohl auch nicht kriegen“, sagt Müller frustriert über den japanischen Markt. Er habe es satt, seiner Kundschaft immer wieder sagen zu müssen: „Habe ich nicht, kommt auch nicht“. „So kann man kein Geschäft betreiben – auch nicht als Nachfolger!“

 Zu einem der wohl letzten Male greift Karl-Heinz Müller in seinem Geschäft in die Tasten. Einen Nachfolger hat er sicht trotz Bemühungen nicht gefunden.
Zu einem der wohl letzten Male greift Karl-Heinz Müller in seinem Geschäft in die Tasten. Einen Nachfolger hat er sicht trotz Bemühungen nicht gefunden. Foto: Cordula von Waldow

Nach den fünf Monaten Zwangsschließung infolge der Coronaschutz-Regeln ströme zwar die Kundschaft wieder, doch ohne Ware sei die Situation ähnlich, wie zuvor. Zustände, wie im früheren Ostblock.

Dabei sind Karl-Heinz Müller und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Hans-Jürgen in und mit dem Musikhaus aufgewachsen. Karl-Heinz war gerade einmal vier Jahre alt, als sein Vater Heinz Müller 1959 in der in der Alten Ixheimer Straße (wo heute die Pizzeria Roma einen Musikalienfachhandel gründete. Bereits der Senior hatte, wie später seine Söhne auch, das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Als begnadeter Musiker überlebte er die russische Kriegsgefangenschaft, weil er eine Musikgruppe im Lager leitete. In der Nachkriegszeit begleitete er viele Stars auf den Bühnen in der Region.

Auch als Geschäftsmann erfolgreich, erwarb Müller-Senior 1969 mit dem Haus an der Ecke Haupt- und Poststraße eines der prachtvollsten und vor allem historischen Häuser Zweibrückens, die den Großangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt hatten. Auf zwei Etagen unter drei Wohnetagen belegte das Musikhaus Müller 200 Quadratmeter Verkaufsfläche, verbunden über einen Aufzug sowie eine Treppe. Gehörte das Obergeschoss den Tasteninstrumenten wie Klavier, Flügel, später Keyboard, elektronische Orgel und Synthesizer, gehörte das Erdgeschoss Gitarre, Ukulele, Schlagwerk, Noten und Zubehör.

Ein Paradies für die Müller-Brüder. Während sich der Jüngere, Hans-Jürgen, später als Klavierstimmer selbstständig machte, absolvierte Karl-Heinz seine kaufmännische Ausbildung im elterlichen Betrieb und bildete sich weiter als Ausbilder, um auch hier in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Mindestens zehn Kaufleute bildete er im Laufe seiner 30 Jahre als Inhaber des Musikhaus Müller aus.

Bis zu ihrem Tod 2006 war seine verstorbene Ehefrau Sonja die „gute Seele“ des Unternehmens.

„Das war mein Leben“, sagt der einst aktive Musiker, der mit seiner Band „Taste of Honey“ (Honiggeschmack) als Organist auf der Bühne stand. „Mir war immer wichtig, die Kundschaft kompetent zu beraten: von der Praxis für die Praxis“, erklärt er seine Vielfalt als Blasmusiker mit Klarinette und Saxophon sowie als Tasten-Instrumentalist von Akkordeon bis Piano. Karl-Heinz Müllers Blütezeit als Musiker deckte Tanz-Tees ebenso ab wie Dorffeste oder Kerben.

Kaum zwei Schritte weit kommt der beliebte Musiker und Händler in der Stadt, ohne von Bekannten angesprochen zu werden. Denn Karl-Heinz Müller ist in der Musikszene der Region seit Jahrzehnten bekannt wie beliebt. „Von den Lokalmatadoren hier hat jeder schon mal eine Saite bei mir gekauft“, sagt er nicht ohne Stolz. So seien es in erster Linie Hobbymusiker, die sich bei ihm über Jahrzehnte ihre musikalische Ausrüstung gekauft haben. Ganze Musiker-Generationen hat er in seinem Laden begrüßt und ausgestattet, auch mal ein Klavier oder eine Gitarre in Zahlung genommen, oder ein selten gefragtes Instrument für einen besonderen Kunden besorgt.

Karl-Heinz Müller ist bewusst: „Wir waren eine Institution, in einem der schönsten Häuser in Zweibrücken an durchaus exponierter Stelle.“ Tiefes Seufzen. Loslassprozess. Mit gleich 30 Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment – „dabei lege ich noch drauf, denn die gibt es auf unseren bereits reduzierten Hauspreis“ – versucht Karl-Heinz Müller den Ausverkauf zu beschleunigen, denn „wir schließen, wenn die Regale leer sind“. So, wie die obere Etage, in der Mangels Nachlieferung nur noch ein Flügel auf die Auslieferung wartet.

Letzte Wartungsaufträge. Letzte Zubehörlieferungen – erneut tiefes Seufzen von einem Herzblutmusiker, der stets alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um seiner Kundschaft zu dienen im besten Wortsinn. „Es ist mein Lebenswerk. Nicht mehr und nicht weniger.“ Selbst die Hunde als Begleiter kannten genau den Platz unter der Theke, wo ihre Leckerli untergebracht waren und forderten diese schwanzwedelnd ein.

Zu Karl-Heinz Müllers aktuellen, emotionalen Highlights gehört etwa das Klavier, das über Umwege und eine Rücknahme, weil es nicht durch das Treppenhaus passt, doch bei seiner Bestimmung mit fünf musikalischen Kindern landete.

Das Haus, für viele Menschen das „schönste Haus in Zweibrücken“, ist bereits einem Immobilienmakler zur Vermarktung übergeben. Wunsch der insgesamt drei Müller-Geschwister ist, dass es in „gute Hände“ kommt. Ein reines Jugendstilhaus und eines der repräsentativsten Häuser in Zweibrücken, zumal an dieser exponierten Stelle. Es ist sowohl von der Ausstrahlung, die ein solches historisches Gebäude besitzt, als auch von der Geschichte her höchst wertvoll und wichtig, dieses zu erhalten und zwar so weit wie möglich im Original mit seinen ganz besonderen Charme, sind sich Historiker einig.

Doch Karl-Heinz Müller blickt voraus. „Erst einmal Urlaub machen“ will er mit Lebensgefährtin Martina, sobald er den Ladenschlüssel zu letzten Mal rumgedreht hat. So ganz kann er sich das Leben „danach“ und als Privatier noch nicht vorstellen. „Ich habe das Schwimmen entdeckt. Das macht mir Spaß und tut meiner gespaltenen Achillesverse gut“, sinniert er. Was gar nicht geht, ist ein Leben ohne Musik. So wird Karl-Heinz Müller wieder zum Instrument greifen: in die Tasten, gleich, ob Akkordeon, Klavier oder Keybord, und auch sein Saxophon wieder aus dem Kasten holen. Sehr zur Freude seiner Lebensgefährtin. Beide besuchen gerne große Konzerte, lieben Big-Bands und vieles mehr.

„Wir werden sehen, was das Leben noch für mich bereit hält“, wagt Karl-Heinz Müller trotz allem Abschiedsschmerz einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft. Voller Dankbarkeit für die Wertschätzung, die ihn persönlich wie über E-Mail oder Facebook aktuell erreicht. Diesmal sind es Tränen der Freude. Bewegt sagt er: „Mit dieser Resonanz hätte ich nie gerechnet.“ So lange der Vorrat reicht, gibt das Musikhaus Müller auf alle Restbestände 30 Prozent Nachlass.

Öffnungszeiten: Musikhaus Müller, Hauptstraße 71. Montag bis Freitag von 9 bis 12.30 und 14 bis 18 Uhr, Samstag von 9 bis 13 Uhr, Mittwoch geschlossen. http://musikhausmueller.de.
Klavierstimmer Hans-Jürgen Müller (61) behält seinen Dienstleistungsservice bei, Tel. (0 63 32) 1 33 91.