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Mörderjagd vor Kibbuz-Hintergrund: Elisabeth Herrmanns „Totengebet“

Mörderjagd vor Kibbuz-Hintergrund: Elisabeth Herrmanns „Totengebet“

Der Berliner Anwalt Joachim Vernau ist wahrlich leidgeplagt. In Elisabeth Herrmann neuen Buch "Totengebet" verliert er erst sein Gedächtnis und muss sich dann der deutschen Justiz erwehren. Die glaubt nämlich, er habe etwas mit dem tödlichen Sturz seines jüdischen Kumpels Rudi Scholl von dessen Balkon zu tun. Dabei hatte Vernau den Mann nur kurze Zeit später sogar vor Nazi-Schlägern beschützt, war in der Presse zum Helden geworden. Doch er hatte dabei so gehörig was auf die Mütze bekommen, dass sein Gedächtnis darunter litt. Jetzt versucht er herauszufinden, warum sich Scholl umgebracht hat - oder war es doch Mord? Schließlich, so schimmert in seinem Schweizer-Käse-Gedächtnis durch, war da auch noch eine junge Frau mit Davidstern am Tatort, deren Gesicht er nur allzu gut kennt. Für den Juristen beginnt eine Reise in seine Vergangenheit, denn er, Scholl und zwei weitere Männer waren über 30 Jahre vorher als Heranwachsende in einem israelischen Kibbuz tätig. Erinnerungen an unglückliche Liebschaften, Intrigen und Spielschulden werden wach. Dann wird auf einen der beiden weiteren Männer von damals - einen hochrangigen Kandidaten einer Afd-ähnlichen Partei - ein Anschlag verübt, der andere ist gar nicht auffindbar.

Es ist eine undurchsichtige Roman-Mixtur, in der Herrmann eine ganze Zeit lang wild rührt. Das schmälert ungewöhnlich deutlich den Spannungsaufbau. Erst nachdem Vernau in Israel angekommen ist und die Vergangenheit im Kibbuz mit all ihren Schattenseiten wieder lebendig wird, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Begegnungen mit Personen der Vergangenheit und ein weiterer Mord lösen dann endgültig die Spannungsschraube bis zum Finale furioso, das mit einer einigermaßen überraschenden Wendung aufwartet.

Herrmann war selbst früher in einem Kibbuz, konstruiert also die Geschichte aus ihrer eigenen Erfahrung. Ein Umstand, den man spürt und der Atmosphäre des Krimis deutlich zugutekommt. Ebenso derjenige, dass es für Vernau eine sehr persönliche Mission wird, bis zum lebensgefährlichen Ende. Dass auch der Vorleser Thomas M. Meinhardt einmal mehr stets genau den richtigen Ton trifft, schlägt nicht minder positiv zu Buche.

Elisabeth Herrmann: Totengebet, Erschienen bei Der Hörverlag, 821 Minuten, ISBN: 978-3-8445-1924-2

Zum Thema:

Zur person Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Sie machte Abitur auf dem Frankfurter Abendgymnasium und arbeitete nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin beim Sender RBB, bevor sie mit ihrem Roman "Das Kindermädchen" ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: die Reihe um den Berliner Anwalt Vernau etwa sehr erfolgreich mit Jan Josef Liefers vom ZDF . Herrmann erhielt den Radio-Bremen-Krimipreis und den Deutschen Krimipreis 2012. red