Zweibrücker Messerstecher-Prozess Versuchter Totschlag statt Mordversuch?

Zweibrücken · An Tag 2 des Messerstecher-Prozesses am Landgericht Zweibrücken ging es um das lebensgefährlich verletzte Opfer – und warum der Täter nicht auf Alkohol und Drogen im Blut untersucht wurde.

 Im Bereich der Mülltonnen an diesem Appartementhaus war der Tatort.

Im Bereich der Mülltonnen an diesem Appartementhaus war der Tatort.

Foto: Rainer Ulm

Versuchter Mord oder versuchter Totschlag? So lautet nun offenbar die Frage im Landgericht Zweibrücken, wo sich seit Mittwoch ein 63-jähriger gebürtiger Neumühler vor der Sechsten Großen Strafkammer wegen einer Bluttat verantworten muss. Er hatte einen damaligen Nachbarn neben einem Appartementhaus in der Zweibrücker Max-Planck-Straße zwei Mal ein Küchenmesser in die Brust gestoßen und dadurch lebensgefährlich verletzt (wir berichteten).

Am Donnerstag, dem zweiten Verhandlungstag, gab der Vorsitzende Richter Andreas Herzog nach ersten Zeugenbefragungen den „rechtlichen Hinweis“, dass auch der Tatvorwurf eines versuchten Totschlags „in Betracht kommen“ – und damit das Mordmerkmal der Heimtücke, also die Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers, nicht gegeben sein könnte.

Zum Prozessauftakt hatte Staatsanwalt Patrick Langendörfer dem 63-Jährigen, der in dem Wohnkomplex zur Tatzeit auch Hausmeisterdienste verrichtet hatte, vorgeworfen, am späten Abend des 4. Juni 2022 einen heute 45 Jahre alten Nachbarn in einem Innenhof heimtückisch „mit einem Küchenmesser mit einer Klingenlänge von 11,5 Zentimetern zwei Stiche in den linken Brustkorb versetzt“ zu haben. In einer zweiten Anklage legte der Staatsanwalt dem Mann zur Last, Anfang April 2023 mehrere Polizisten beleidigt und einen von ihnen mit den Worten bedroht zu haben: „Wenn ich dich in der Stadt sehe, bringe ich dich um!“ Dabei sollen die Ordnungshüter den hin und her torkelnden Mann, der damals wohl auf dem Nachhauseweg war, in der Steinhauser Straße lediglich aufgefordert haben, besser den Fußweg als die Fahrbahn zu benutzen,

Am Donnerstag berichteten mehrere Polizei- und Kriminalbeamte vor dem Schwurgericht über ihre Ermittlungen. Demnach hätten Zeugenbefragungen in der Tatnacht den angeklagten Hergang der blutigen Attacke bestätigt.

Einer der Beamten schilderte, dass beim Eintreffen zunächst auch das Opfer festgehalten und durchsucht worden sei: „Er hätte ja potenziell gefährlich sein können.“

Ein anderer Polizist berichtete, dass man den mutmaßlichen Messerstecher etwas später in seiner Wohnung unweit des Tatorts habe „widerstandslos“ festnehmen können. Auf dessen blutige Verletzung am Kopf angesprochen, habe der Mann angegeben, geschlagen worden zu sein: „Ich musste mich verteidigen.“

Ein Beamter der Polizeiinspektion Zweibrücken, der den Stichverletzten auf der Fahrt im Rettungswagen ins Uniklinikum Homburg begleitet hatte, gab an, dass damals sowohl der Notarzt als auch die Ärzte in der Notaufnahme eine Lebensgefahr vorliegen gesehen hatten.

Die behandelnde Ärztin der Uniklinik sagte am Donnerstag, dass der verletzte Patient zur Erstversorgung sofort in den Schockraum gebracht worden sei. Es hätten innere Blutungen, Verletzungen der Lunge und des Herzens hinsichtlich einer „akuten Lebensgefahr“ abgeklärt werden müssen. Den Verdacht habe es aufgrund des Verletzungsbildes gegeben.

Allerdings konnten die Polizeibeamten auf Nachfrage der Prozessbeteiligten nicht so recht erklären, warum sie – wie bei solchen schweren Straftaten gang und gäbe – damals keine Blutprobe bei dem Beschuldigten veranlasst haben. Der mutmaßliche Täter war nur einem Atemalkoholtest unterzogen worden. Ergebnis: 1,54 Promille. Wichtig für die Urteilsfindung ist aber auch, ob der alkohol- und drogenabhängige Mann seinerzeit zum Beispiel auch unter dem Einfluss von Betäubungs- oder womöglich Ersatzrauschmitteln gestanden hat.

Dass der 63-Jährige damals zumindest viel getrunken hat, bestätigte ein ehemaliger Nachbar: „Er hat mit zwei Russen gesoffen.“ Dennoch könne er sich nicht erklären, „wie das dazu kommen konnte“. Opfer und Täter seien „befreundet“ gewesen: „Sie waren oft zusammen, hatten nie Streit, haben auch mal Ersatzdrogen (Methadon, Anm. d. Red.) untereinander ausgetauscht.“ Er habe den 63-Jährigen, der als Hausmeister hin und wieder den Rasen gemäht oder die Hecken beschnitten hatte, „nie aggressiv und nie gewalttätig“ erlebt.

Während der Verhandlung am Donnerstag wurde auch der dramatische Notruf des 45-jährigen Opfers der Messerattacke, der an jenem späten Abend bei der Polizeiinspektion Zweibrücken einging, vorgespielt. Darin war der Attackierte mit den Worten zu hören: „Hilfe, einer hat mich mit einem Messer gestochen!“

Die Verhandlung wird in der kommenden Woche, am 28. Februar, fortgesetzt.

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