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Serie Die Ausstellung „Ein halber Quadratmeter Freiheit“: „Menschenschicksale statt Delikten“

Serie Die Ausstellung „Ein halber Quadratmeter Freiheit“ : „Menschenschicksale statt Delikten“

Noch bis Ende der Woche sind Werke von Strafgefangenen im Schloss und im Stadtmuseum zu sehen. In einer kleinen Serie stellen wir die Ausstellung näher vor.

In noch kaum einer Ausstellung im Stadtmuseum haben Menschen bei ihrem Besuch so lange verweilt, wie in der aktuellen Wanderausstellung „Ein halber Quadratmeter Freiheit – Bilder aus der Haft“ in Zusammenarbeit mit dem Berliner Verein „Art & Prison“ und dem Zweibrücker Kunstverein. „Das liegt daran, dass jedes einzelne Bild so vielfältige Themen berührt und sich besonders auf den Wimmelbildern immer wieder etwas Neues entdecken lässt“, vermutet Museumsleiterin Charlotte Glück.

Dies ist keine Ausstellung, die man in kurzer Zeit durchwandert und dann bald vergisst. Die Werke sind derart komplex in ihrer Darstellung und Aussage, dass jedes Einzelne seine Zeit fordert, will man die Aussage und das Schicksal dahinter erfassen. „Wir  fokussieren hier Menschschicksale statt Delikten“, betont der Vereinsvorsitzende von „Art&Prison“, Peter Echtermeyer. So informieren begleitende Schildchen lediglich über den Vornamen und den Ort oder das Land, in dem die Künstler inhaftiert sind.

Manche Bilder offenbaren durch eingearbeitete Jahreszahlen, wie lange die Haft noch andauern wird. „Die Motivwahl spiegelt oft das Lebensumfeld, jedoch nicht unbedingt die eigenen Straftat“, warnt die Kuratorin Cornelia Schmidt-Harmel vor vorschnellen Interpretationen. Erstaunlich ist das sehr hohe, künstlerische Niveau der Bilder, die in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen gemalt sind. Einige wurden nach Vorlagen abgekupfert, andere wirken eher wie naive, wieder andere brillieren als vielschichtige Wimmelbilder mit einem sichtlich weltgewandten, hochgebildeten Wissen und hoher Intelligenz.

Dabei ist lediglich von den drei Eingangsbildern im Stadtmuseum bekannt, dass es sich um einen inhaftierten Künstler handelt. Wiederkehrende Motive aus der Gefängniswelt wie Gitter, Schlösser oder Schlüssel stehen neben weltlichen Themen, Familienszenen, Lebensräumen, die unter dem Motto „Zwischen hier und dort“ entstanden sind. War das die Lebensrealität des Häftlings oder skizziert er seinen Wunschtraum von der glücklichen Familie, dem behüteten Leben in Sicherheit und Wohlstand?

Dass viele Bilder in schwarz-weiß gehalten sind, liegt nicht nur an dem Thema „Hell und Dunkel“ von einem der vier Kunstwettbewerbe, die „Art&Prison“ ausgerufen hat. Oft stehen den Inhaftierten einfach keine Farben zur Verfügung. Beeindruckend ist das Bild des Ungarn Sergey. Er hat es mit Kugelschreiber gemalt. Ein Mann, die Hoffnung in dem in die Ferne gerichteten Blick, vor einem breiten, stabilen Kreuz, das über einer Gruft liegt. Eine Brücke über den Abgrund, obwohl sie vor das vergitterte Fenster führt? Ein Sprungbrett zurück ins Leben? Peter Echtermeyer interpretiert es aus theologischer Sicht als Auferstehungsbild. Hoffnung, Frieden, Freiheit trotz aller Haftbeschränkung sind ein ganz großes Thema.

Die aufsteigende Friedenstaube aus dem liegenden Kopf, die am Horizont aufsteigende Sonne beim Blick durch die Gitter, das völlig frei hängende Gitterfenster inmitten der Natur, die gemalte Freiheit, die die gesamte Zellenwand einnimmt und den Menschen winzig klein erscheinen lässt. Lassen wir uns beschränken durch den engen Blick auf die Gitterstäbe oder halten wir es mit der Revolution: „Die Gedanken sind frei!“?

Ein Symbol, das immer wieder auftaucht, ist die Zeit. Auf zahlreichen Bildern steht die gemalte Uhr auf Fünf-vor-Zwölf. Es ist, wenngleich höchste Zeit, noch Raum für Heilung, für Wandlung. Auf dem schwarzweiß-Bild aus Rumänien in einem der hinteren Museumsräume führt eine flache Treppe mit (rotem) Teppich zwischen gleich zwei Uhren in die unbestimmte Zukunft. Aus einer anderen Perspektive wirken die Stufen wie Eisenbahnschwellen. Links liegt eine Sanduhr. Die Lebenszeit steht still im Knast.

Andere Bilder zeigen, wie sie verrinnt. Ein Wimmelbild zeigt das letzte Abendmahl. Gott und Teufel, Himmel und Hölle, ziehen an Jesus auf dem elektrischen Stuhl. Auferstanden, erscheint er am oberen Bildrand ein zweites Mal. Ein stabile Kette zieht sich aus der rot flammenden Hölle empor zum Himmlischen, quer durch den Verur-teilten. Auf der rechten Seite stehen die Knasttüren offen, links sind sie noch zu. Zwielichte Gestalten sitzen an der Tafel, an deren rechter Seite Judas Zigaretten kassiert statt Taler. Der Countdown läuft – und auch hier steht die Uhr auf Fünf-vor-Zwölf. Ermutigend. Ganz gleich, wo auf der Welt Inhaftierte gleich welches Schicksal in dieser künstlerischen Form aufarbeiten, sich selbst damit therapieren: Die Hoffnung überwiegt. Eine Ausstellung, die Mut macht.