Meister des Augenblicks

Ein Foto kann vieles sein: ein Schnappschuss, ein zeitgeschichtliches Dokument - oder gar ein Kunstwerk. „Die Geschichte der Fotografie in über 1500 Bildern“ zeigt zahlreiche Arbeiten, die ihre Zeit überdauert haben. Daneben gibt der Bildband umfassenden Einblick in die Entwicklung der Fotografie, die einst ein Privileg der Wohlhabenden war und heute geradezu inflationäre Ausmaße erlebt.

Heute schon den Selfie-Stab gezückt? Egal, ob Selfie, feierliches Familienporträt oder einfach nur "Schnappschuss" - ein Foto ist stets mehr als "bloßes Draufdrücken". Es ist ein Festhalten des Moments, das Eingefrieren des Hier und Jetzt - gleich, ob sich der Fotograf dieses besonderen Moments nun bewusst ist oder nicht. Darauf verweist das Vorwort des Buchs "Die Geschichte der Fotografie in über 1500 Bildern" von Tom Ang. Gewiss, das sind pathetische Worte. Aber wer sich bewusst ist, welche Kraft ein gelungenes, ausdrucksstarkes Foto haben kann, wer sich daher die Zeit nimmt, genau hinschaut und dann im richtigen Augenblick "abdrückt" - der kann ein zeitgeschichtliches Dokument, vielleicht gar Kunstwerk schaffen. Der neue, 400 Seiten starke Bildband aus dem Hause Dorling Kindersley zeigt zahlreiche solcher Kunstwerke. Das Buch gibt daneben umfassenden Einblick in die noch recht junge Kunstform Fotografie.

Was vor rund 200 Jahren als Freizeitvergnügen für eine privilegierte Schicht begann, ist heute ein Massenphänomen geworden; im Vorwort des Bildbandes schätzt der Verfasser, dass jedes Jahr rund eine Billion Fotos gemacht werden.

Nur die wenigsten davon dürften den Maßstab erfüllen, denn Henri Cartier-Bresson, einer der großen Fotografen des 20. Jahrhundertes, an sich und seine Kollegen anlegte: ein Foto müsse der "Meister des Augenblicks" sein.

Cartier-Bresson und seine Arbeiten werden in der "Geschichte der Fotografie" umfassend gewürdigt, wie auch die Arbeiten seiner Kollegen.

Das Buch geht aber über die Idee eines reinen "Coffeetable-Books" hinaus; während in einem solchen klassischerweie großformatige Fotos im Vordergrund stehen, vielleicht mit einigen wenigen Zeilen Erläuterung, sind in der "Geschichte der Fotografie" die Hintergrundinformationen zur technischen Entwicklung der Fotografie gleichrangig mit den gezeigten Arbeiten.

Das Buch findet durchaus kritische Worte zum technischen Fortschritt, da mit diesem - Stichwort Digitalisierung - die Möglichkeiten der Manipulation enorm zugenommen haben.

So muss heute die Person, die für ein Foto Modell steht, keine Falten im Gesicht oder mögliche Makel am Körper haben. Dank der Digitalisierung kann der Porträtierte perfekt in die Kamera lächeln, statt Authentizität droht Uniformität.

Ein Foto kann die Welt verändern, wie am Beispiel von Phan Thi Kim Phúc aufgezeigt wird. Dabei handelt es sich um eine Vietnamesin, die 1972, damals war sie neun Jahre alt, durch einen Napalm-Angriff der US-Amerikaner schwer verletzt wurde. Die beklemmende Aufnahme des Mädchens, das sich die Kleider vom Leibe riss, und - um Hilfe schreiend - nackt durch ein Dorf lief, ging um die Welt und sorgte für einen Stimmungsumschwung in den USA, viele dort waren entsetzt über die Grausamkeit des Krieges, die so drastisch vor Augen geführt wurde.

Die Macht, die Fotos haben können, wird von Ang ausführlich thematisiert, gerade wegen dieses Einflusses muss es deshalb verunsichern, dass mittlerweile immer häufiger Fotos am Computerbildschirm verändert werden. Wird der "Meister des Augenblicks" zum "Meister der Manipulation"?

"Die Geschichte der Fotografie in über 1500 Bildern" ist bei Dorling Kindersley erschienen, über 1500 Fotografien und Zeichnungen, 400 Seiten, 39,95 Euro.