Missbrauchs-Prozess gegen Mutter am Landgericht Zweibrücken „Keines der Kinder wollte zu den Eltern zurück“

Zweibrücken · Landgericht Zweibrücken: Krankenversicherung und Sozialarbeiterin sagen gegen 59-jährige Frau aus, die ihre Kinder jahrzehntelang gequält haben soll.

 (Symbolbild)

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Foto: dpa/Oliver Berg

Es war Pflegegeldbetrug. Das bestätigte in dieser Woche ein ehemaliger Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) Rheinland-Pfalz vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken. Der 65-Jährige sagte am Montag in dem Prozess gegen eine 59-jährige Frau aus, die ihre Kinder gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann jahrzehntelang gequält haben soll. Zudem soll sie zwei ihrer Töchter veranlasst haben, sich gegenüber Gutachtern des MDK wie schwer behinderte Kinder zu verhalten und Windeln zu tragen, um das Pflegegeld kassieren zu können. Durch die unberechtigten Bezüge, mit denen das arbeitslose Ehepaar seinen Lebensunterhalt bestritten hatte, soll der Krankenkasse insgesamt 50 000 Euro Schaden entstanden sein.

Die Eltern hätten Anfang 2001 für eine heute 35-jährige Tochter Pflegegeld beantragt, weshalb er die Familie seinerzeit zur Begutachtung aufgesucht habe, berichtete der ehemalige MDK-Mitarbeiter nun im Zeugenstand. Die Eltern hätten die Ursache für die Pflegebedürftigkeit mit einem Sauerstoffmangel bei der Geburt des Kindes und einer daraus resultierenden Entwicklungsverzögerung und Verhaltensstörung begründet. Die Eltern hätten angegeben, ihre Tochter sei inkontinent, müsse deshalb immer noch eine Windel tragen, neige zu Selbstverletzungen, indem sie immer mal wieder ihren Kopf an die Wand schlage, und sei wegen ihrer Aggressivität nur schwer im Zaum zu halten. Auch habe man sie wegen ihrer „Verweigerungshaltung“ von der Schule nehmen müssen. Das Mädchen, das ihn seinerzeit keines Blickes gewürdigt habe, sei ihm wegen seines „koordinierungsgestörten Ganges“ aufgefallen, so der MDK-Mitarbeiter: „Ich musste das damals als Schädigung einordnen und eine Pflegestufe anordnen“, berichtete der 65-Jährige. Umso verwunderter sei er gewesen, als ihm die junge Frau zehn Jahre später in einer Pflegeeinrichtung wieder vorgestellt wurde. Sie sei dann zwar noch „kindhaft“ gewesen, lebte aber weitgehend selbstständig und hatte „keine körperliche Einschränkungen“. Hatte er sich also damals von Vater und Mutter täuschen lassen? „Wir sind eben auf unsere Beobachtungen und die Angaben der Eltern angewiesen“, erläuterte er im Zeugenstand fast entschuldigend.

Staatsanwalt Martin Kiefer hatte der 59-Jährigen zum Prozessauftakt zur Last gelegt, mehrere ihrer sechs Kinder (drei Mädchen und drei Jungen) im Zeitraum 1989 bis 2011 gemeinsam mit ihrem im Jahr 2018 verstorbenen Ehemann misshandelt zu haben und ihr gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Laut Anklage soll die gebürtige Pirmasenserin zumindest zugelassen haben, dass ihr Ehemann die Kinder verprügelt. Die Frau hatte nach eigenen Angaben bereits mit 16 Jahren ihr erstes Kind bekommen und dann mit ihrer immer größer werdenden Familie zunächst in Frankreich, dann in Zweibrücken und schließlich in Bruchweiler-Bärenbach im Landkreis Südwestpfalz gelebt.

Am Donnerstag im Landgericht berichtete eine Sozialarbeiterin der Kreisverwaltung Südwestpfalz, dass sich der heute 27-jährige Sohn des Ehepaares 2008 ihr gegenüber offenbart und davon erzählt hätte, dass er und seine Geschwister fast täglich verprügelt würden – meistens mit Stöcken. Auch sei eine seiner Schwestern die Treppe hinuntergestoßen worden. Zudem habe sich der Junge von seinem Vater „belästigt gefühlt“, der ihn im Badezimmer hin und wieder im Intimbereich berührt hätte. Der Junge habe sogar angegeben, dass es die Mutter gewesen sei, die erst die Möglichkeiten geschaffen hätte, dass der Vater habe „übergriffig“ werden können. Die Mutter, die ebenfalls geschlagen habe, hätte die Kinder aufgefordert, die erlittenen Verletzungen „in der Öffentlichkeit“ als die Folgen von häuslichen Unfällen darzustellen. Für diese Vorspiegelungen falscher Tatsachen seien ihnen Belohnungen wie Zigaretten oder neue Fahrräder in Aussicht gestellt worden. Mehrere Geschwister seien vom Jugendamt in Obhut genommen worden, sagte die Sozialarbeiterin und fügte hinzu: „Danach wollte keines der Kinder zu den Eltern zurück, außer eines der Mädchen.“

Die Verhandlung wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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