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Kultur in der Himmelsbergkapelle Wolfgang Ohler und Norman Ohler

Wolfgang und Norman Ohler : Pillenschlucken, ohne dass der Arzt kommt

Große Themen hatten sich Wolfgang und Norman Ohler bei ihrer Lesung und Diskussion in der Himmelsbergkapelle vorgenommen. Es ging um Krieg, Drogen und die deutsche Vergangenheit.

Gleich zwei Autoren saßen am vergangenen Dienstag in der Himmelsbergkapelle auf der Bühne. Mit Wolfgang und Norman Ohler sprachen Vater und Sohn über die Vergangenheit. Über die von Deutschland und ein wenig auch über die eigene. Anlass und Aufhänger des Abends war Norman Ohlers Buch „Der totale Rausch“ über Drogen im Dritten Reich.

Vater Wolfgang wunderte sich, dass die dritte Generation das Thema Krieg aufgreift. Norman erwiderte, dass es auch ein bisschen mit der Familiengeschichte zusammenhängt, mit den Erzählungen seines Großvaters, dem Wehrmachtssoldaten. Vom Krieg habe der zwar nie berichtet, umso ausführlicher aber über seine Kriegsgefangenschaft in Texas. Deshalb entschlossen sich Vater und Sohn Anfang der 2000er Jahre auf den Spuren dieser Erzählungen nach Huntsville zu reisen. Daraus entstand Wolfgang Ohlers Reisebericht „Das große und das kleine Glück in Texas“ mit einem Vorwort seines Sohnes. Dort heißt es: „Eine leise Ahnung, dass wir nie genau wissen, woher wir eigentlich kommen.“

In der Familiengeschichte der Ohlers bleibt durch das Schweigen des Großvaters einiges im Dunkeln. Nicht ungewöhnlich übrigens, waren doch nach 1945 Gespräche über die Nazizeit in vielen Familien tabu. Und so bleibt es den heutigen Generationen überlassen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Einen ganz eigenen Aspekt dieser finsteren Jahre deutscher Geschichte beleuchtet Norman Ohler in seinem Buch über den Drogengebrauch der Nationalsozialisten. Er schreibt, wie die Wehrmacht, angefeuert durch regelmäßigen Gebrauch von Methamphetamin, Frankreich überrollte und den Blitzkrieg erfand. Pervitin hieß die Wunderdroge, erfunden und hergestellt von den Temmler-Werken in Berlin. „Ich schaue immer, dass in meinen Büchern die Stadt Zweibrücken vorkommt“, sagte Norman Ohler und las anschließend die entsprechende Passage vor. Sie handelt von Professor Otto Ranke, Mitglied der Militärärztlichen Akademie, der Zweibrücken besucht und feststellt, dass die Soldaten sich die Zeit mit Kartenspielen vertreiben, mit Rauchen und auch mit den kleinen Pillen, die großzügig ausgegeben werden. Ranke stellt fest: Pervitin wird massenhaft verwendet. Auch er selbst ist ein Freund des Amphetamin-Rausches und hat später mit den Folgen seiner Sucht zu kämpfen. „Pervitin wurde nicht als Droge gesehen, es war rezeptfrei erhältlich“, sagte Norman Ohler, „auch Heinrich Böll nahm es als Landser und sogar später noch, in den 50er Jahren, um schreiben zu können.“

Ohlers Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und der Autor hat bei seinen Lesereisen festgestellt, dass die Aufnahme seines Buches von Land zu Land verschieden ist. In Indien sprach er vor einem Publikum, das dem Diktator Hitler wohlwollend gegenüberstand, weil er gegen die ehemalige Kolonialmacht England kämpfte. In China ging es um ein politisches System, das dem Untergang geweiht ist und inwieweit man Parallelen zur heutigen Zeit ziehen kann. Die Mexikaner interessierte der Kampf gegen die Drogen und die Franzosen waren von den Passagen über den Blitzkrieg angetan.

Im Anschluss an die Lesung entspann sich eine lebhafte Diskussion im Publikum. Unter anderem ging es um die Frage, ob es einen Zusammenhang von Pervitin-Gebrauch und Kriegsverbrechen gibt. „Das hat mich auch selbst interessiert“, bemerkte der Autor, „doch es gibt keine belastbare Quellen, die das zeigen. Pervitin enthemmt, es wäre schlüssig, dass es dazu beigetragen hat“.

Wer jetzt glaubte, dass der Drogengebrauch in der Armee der Vergangenheit angehört, wurde von Norman Ohler eines Besseren belehrt. Er hat bei einer Lesung in San Francisco erfahren, dass bei der amerikanischen Elite-Kampftruppe Navy Seals Amphetamine eingesetzt werden. Und auch Drohnenpiloten bekämen dieses Mittel, um wach und konzentriert zu bleiben. Sei die Schicht dann zu Ende, gäbe es ein Schlafmittel, um wieder runterzukommen. Und so ist das Thema Krieg und Drogen auch heute noch sehr aktuell.