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Erstes Buch nach „Der totale Rausch“: Kriminalstück in Preußisch-Amazonien

Erstes Buch nach „Der totale Rausch“ : Kriminalstück in Preußisch-Amazonien

Fesselnd und originell: Norman Ohlers neues Buch „Die Gleichung des Lebens“ spielt zur Zeit Friedrich II.

Nichts ist so unberechenbar wie das Leben – und nichts so unbestechlich präzise wie die Mathematik. In seinem neuen, im 18. Jahrhundert spielenden Roman „Die Gleichung des Lebens“ führt der aus Zweibrücken stammende, heute in Berlin lebende Erfolgsautor Norman Ohler beides zusammen – und nimmt die Leser mit in eine von Aufbruch und Umbruch gekennzeichnete Epoche, in der die Mathematik zur Leitwissenschaft erklärt und das Bezwingen und „Ameliorieren“ (Verbessern) der Natur eine Maxime der deutschen Fürsten wurde.

Schauplatz von Ohlers detailliert recherchiertem Roman ist das Preußen Friedrich II., „des Großen“, der beschlossen hat, das unwegsame, von aufsässigen wendischen Fischern bewohnte Oderbruch in Ackerland zu verwandeln, dort Kolonisten anzusiedeln und damit „im Frieden eine Provinz zu erobern“. Vor diesem Hintergrund entwirft Norman Ohler – gleichsam mit dem Oderbruch als barocker Weltenbühne – eine vielschichtig angelegte Erzählung mit oft überraschenden Wendungen, die mit ihren ebenso fremdartigen wie vertraut erscheinenden Bezügen immer wieder auch in die Gegenwart zu führen scheint, etwa dem Flüchtlingsthema. Gerade dieses Stilmittel macht „Die Gleichung des Lebens“ zu einer lebendigen Lektüre, die sich nach und nach zum Kriminalstück entwickelt.

Der Protagonist dieser Erzählung ist eine berühmte Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts – der geniale, 1707 in Basel geborene und 1783 in St. Petersburg verstorbene Mathematiker und Physiker Leonhard Euler (übrigens verwandt mit den Inhabern des Homburger Hotels Euler). Ihn verschlägt es in diesem zwischen Fiktion und tatsächlichen Begebenheiten angesiedeltem Roman im Sommer 1747 in die für Außenstehende unwirtlich erscheinende Oderbruch-Landschaft, wo er die zur Trockenlegung notwendigen Berechnungen durchführen soll. Als der dort ebenfalls tätige königliche Ingenieur Mahistre unter seltsamen Umständen tot am Flussufer angetrieben wird, übernimmt Euler gemeinsam mit dem ihm zur Seite gestellten Schreiber Rumi die Ermittlungen und gerät in zunächst nur schwer durchschaubare Ränke, die ihn immer tiefer in die dicht beschriebene Atmosphäre dieses dem Untergang geweihten „preußischen Amazoniens“ führen.

Während die alteingesessenen Bewohner versuchen, mit teilweise drastischen Methoden ihre Besitzstände zu wahren, sind die für die Kolonisierung des neuen Landes vorgesehenen Neusiedler schon auf dem Weg in die künftige Heimat – unter ihnen jene „Zwölfhundert Pfälzer aus der Gegend von Zweybrücken“, denen der Autor in seiner „Gleichung des Lebens“ sogar einen Auftritt vor Friedrich dem Großen einräumt. Tatsächlich stammten viele der seinerzeit rund 300 000 im In- und Ausland für die Besiedlung des trockengelegten Oderbruchs angeworbenen Kolonisten aus der Pfalz. Norman Ohler versteht es auch in dieser Hinsicht, historische Begebenheiten mit origineller Erzählkunst zu verbinden.

„Die Gleichung des Lebens“ ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 22 Euro (416 Seiten).