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Klinik in Zweibrücken und Südwestpfalz: "Werden relevante Welle bekommen“

Auslastung der Krankenhäuser wird wieder steigen : Leiter des Gesundheitsamtes warnt: „Wir werden eine relevante Welle bekommen“

Der Leites des Gesundheitsamtes Südwestpfalz rechnet in den nächsten Monaten mit einer starken Auslastung der Kliniken durch Corona-Patienten. Wie er die aktuelle Corona-Lage einschätzt und was er für die nächsten Monate erwartet:

Herr Koch, wie blicken Sie auf die epidemische Lage, die Jens Spahn nicht verlängern will?

Koch: Spahns Rückzug bedeutet nicht automatisch das Ende aller Einschränkungen sondern lediglich die Rücknahme der Bundesebene aus (gemäß Grundgesetz) primären Länderkompetenzen! Die Folgen dürften zunächst einmal vor allem zunehmend unterschiedliche Vorgaben mit Wechsel an den Ländergrenzen sein.

Dabei steigen die Zahlen wieder. Wo treten aktuell Corona-Fälle in der Südwestpfalz auf? Gibt es Cluster, die Sie hier ausmachen können? Oder wurden diese zufällig getestet?

Koch Es gibt von Allem etwas. Cluster ergeben sich sowohl aus Tests, beispielsweise von Reiserückkehrern, als auch aus Ursachen im privaten Bereich, wie beispielsweise Feiern. Kitas und Schulen, die zudem noch Ferien haben, stehen dabei derzeit nicht im Vordergrund. Hier gilt es zu beobachten, ob und wie sich der kommende Schulbeginn auswirken wird.

 Dr. Heinz Ulrich Koch leitet das auch für Zweibrücken zuständige Gesundheitsamt bei der Kreisverwaltung.
Dr. Heinz Ulrich Koch leitet das auch für Zweibrücken zuständige Gesundheitsamt bei der Kreisverwaltung. Foto: Lutz Fröhlich

Und wie schätzten Sie die Situation in der Stadt Zweibrücken ein?

Koch Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede in der Bewertung zum Landkreis und der Stadt Pirmasens.

Wenn wir schon in Zweibrücken sind: Wie schaut es dort aktuell in den Altenheimen aus? Steigen da wieder die Zahlen – eventuell aufgrund fehlender Auffrischungsimpfungen)?

Koch Die Booster-Impfungen in den Altenheimen werden nicht so reibungslos ablaufen wie die Erst- und Zweitimpfungen. Angelaufen sind sie in den Zweibrücker Einrichtungen bereits. Ausbrüche gibt es dort aktuell keine. Andernorts kam es bereits zu Ausbrüchen, die aufgrund der Abläufe und Strukturen in Einrichtungen und der Verwundbarkeit dort lebender Personen nicht gänzlich auszuschließen sind; auch bei zweifacher Impfung.

Und wie lauten die aktuellen Besuchsregeln?

Koch Die Besuchsregeln sind in den Einrichtungen in Zweibrücken so weit gelockert, dass Besuche mit Maske unter der 3G-Regelung möglich sind. Der verpflichtende Test wird dort ausschließlich für den Besuch in der Einrichtung durchgeführt. Testzertifikate können dort keine ausgestellt werden.  Zu weitere Details beim Testen kann gegebenenfalls die jeweilige Einrichtung Auskunft geben.

Könnten Sie zumindest Auskunft über die Quote bei den Auffrischungsimpfungen geben?

Koch Nein, die Quote ist uns hier nicht bekannt. Konkrete Zahlen zu durchgeführten Corona-Impfungen lagen der Kreis- bzw. Stadtverwaltung aus den mittlerweile geschlossenen Landesimpfzentren für die dort durchgeführten Impfungen vor. Die Impfungen außerhalb der Landesimpfzentren sind im Impfquoten-Monitoring der Impfdokumentationsstelle des
Landes aufgeführt. Dies enthält keine Quote der Auffrischungsimpfungen.

Manche haben sich noch nicht impfen lassen – und müssen seit dem 11. Oktober Schnelltests selbst zahlen; hat sich hier die Test-Frequenz dadurch verringert?

Koch Soweit uns bekannt ist – ja, deutlich. Zur Frequenz in den Schnelltest-Centern (STC) können wir allerdings lediglich Zahlen zu den vom DRK in Kooperation mit den Verbandsgemeinden im Landkreis betriebenen STC nennen. Die Frequenz bei anderen Betreibern ist uns, da nicht meldepflichtig, nicht bekannt. Im Oktober wurden im Schnitt wöchentlich noch 360 Tests in den Schnelltest-Centern im Kreis vorgenommen, im September 370. Im Mai lag die Zahl bei durchschnittlich 1300 Tests. Unbestätigt liegen der Kreisverwaltung für die Stadt Zweibrücken im Oktober wöchentlich rund 350 Tests, für September um 750 Tests wöchentlich und Mai durchschnittlich 2750 Tests pro Woche vor. Genau kann das aber nur das DRK sagen.

Glauben Sie, dass kostenpflichtige Tests zu einer höheren Impfbereitschaft führen?

Koch Wahrscheinlich! Und wünschenswert wäre es auch. Wobei das Ausmaß des Effektes fraglich ist, weil man wohl bald auf einen harten Kern von Impfskeptikern oder -verweigerern stoßen wird.

Abgesehen von diesem harten Kern: Wie ist die Impfbereitschaft in ihrem Zuständigkeitsbereich generell? Gibt es bestimmte Gruppen, die sich bislang noch nicht impfen ließen?

Koch Das wissen wir nicht, weil es dazu keine Meldungen gibt. Was wir wissen, ist die überdurchschnittliche Durchimpfungsrate in unserer Region. So lag der Anteil der Bevölkerung über zwölf Jahren mit vollständiger Impfung im Landkreis am 30. September 2021 bei 78,79 Prozent gegenüber dem Landesdurchschnitt von 72,78 Prozent.

Erwarten Sie trotz der guten Impfquote einen schwierigen Herbst/Winter?

Koch Uns allen sollte nach wie vor bewusst sein, dass die beste Impfung einen rund 80-prozentigen Schutz bietet. Wir werden eine relevante Welle von Erkrankungen bekommen, weil vor allem die Herdenimmunität noch nicht erreicht wurde. Da Impfung unsere effektivste Schutzstrategie ist, werden akkurat Geimpfte am glimpflichsten durchkommen. Vor Erreichen der Herdenimmunität sind nicht ausreichend Geimpfte, zu denen auch die Personen ohne die eine empfohlene Booster-Impfung gehören, weitaus stärker gefährdet. Das Krankenhauswesen dürfte, durch zu erwartende schwere Verläufe, sehr stark in Anspruch genommen werden. Dabei ist davon auszugehen, dass der Effekt in Regionen mit Versorgungsdefiziten, wie der unseren, am größten sein wird.

Und dennoch hat das Saarland vehement gelockert. Sollte Rheinland-Pfalz diesen Schritt auch gehen?

Koch Das ist politisch zu entscheiden! Dabei muss berücksichtigt werden, dass dann keine umfassende Kontaktermittlung durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst mehr möglich sein wird. Die Fokussierung auf die vulnerablen Gruppen sollte dann unter Sicherstellung der Impfung und Boosterung für jene, die sie wollen und brauchen, möglichst unkompliziert ermöglicht werden.