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Katzenbach-Gutachten zu Rissen in Schillerstraße wegen Spundwand-Arbeiten in Zweibrücken vorgestellt

Entgegen Stadt-Einschätzung: Rammarbeiten doch Ursache für Risse in Häusern : So geht es jetzt weiter im Spundwand-Drama

Gutachter: Fehlerhafte Arbeiten zur Schwarzbach-Ufersicherung haben die Risse in Nachbarbauten in Schillerstraße verursacht.

Im seit 2016 andauernden Drama um die Sicherung des abrutschgefährdeten Schwarzbach-Steilufers in der Schillerstraße wird nun ein neues Kapitel aufgeschlagen. Anlass ist die Fertigstellung des Gutachtens, das klären sollte, ob die bis zu elf Zentimeter tiefen Risse an Bauten im Bereich Schillerstraße 1-5 auf unsachgemäße Arbeiten bei der Hangsicherung zurückzuführen sind. Kurz vor Weihnachten 2021 mussten sogar drei Wohnungen im ufernahen Teil von Haus Nummer 5 wegen Einsturzgefahr evakuiert werden.

Am Mittwochabend nun stellte „Katzenbach Ingenieure“ das Gutachten vor, zunächst nichtöffentlich im Stadtrat, anschließend der Presse (wir berichteten kurz). „Uns war wichtig, eine namhafte Firma zu beauftragen“, erinnerte Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD). Professor Rolf Katzenbach ist vor allem als Gutachter nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs bekannt. Professor Matthias Vogler (wie Katzenbach Geschäftsführender Gesellschafter der Ingenieursozietät) präsentierte eine Zusammenfassung des Gutachtens. Demnach steht zweifelsfrei fest: Die Spundwand-Arbeiten haben die Risse verursacht. Bereits bei der Planung sei gegen Normen verstoßen worden. Insgesamt sieht Vogler drei entscheidende Fehler.

Zunächst aber ein Rückblick mithilfe des Merkur-Archivs.

Im September 2016 hatte das Stadtbauamt den Zweibrücker Ratshauptausschuss erstmals informiert: Die die Böschung sichernde Spundwand sei in derart schlechtem Zustand, dass „die Standsicherheit nicht mehr nachweisbar“ sei. Ein Gutachten riet: „Eine umgehende Erneuerung der Stützwand ist dringend durchzuführen.“

Eine Mieterin zeigte vergangenen März einen Riss in ihrer Wohnung am Schwarzbachhang in der Schillerstraße.
Eine Mieterin zeigte vergangenen März einen Riss in ihrer Wohnung am Schwarzbachhang in der Schillerstraße. Foto: Mathias Schneck

Den ersten großen Ärger um das Thema gab es im November 2020: Bei der Auftragsvergabe an die Baufirma stellte sich heraus, dass die Kosten mit 712 000 Euro doppelt so hoch waren wie geschätzt, FWG-Fraktionschef Kurt Dettweiler forderte eine Entschuldigung der Planungsfirma. Beide Firmen kommen aus der Region Rheinland-Pfalz/Saarland, nicht aber aus der Nähe von Zweibrücken. (Heute wäre man über 712 000 Euro glücklich: Schon beim ersten Baustopp waren es 1,8 Millionen Euro.)

Im Mai 2021 begannen die Bauarbeiten. Zum Ärger des Stadtrats erst mit fünfmonatiger Verspätung informierte Oberbürgermeister Wosnitza im November den Stadtrat über mehrere Probleme auf der Baustelle. Am 11. Juni habe die Baufirma fünf Risse auf zwei Grundstücken in der Schillerstraße gemeldet, sogar durch Innenwände von Wohnungen. Die Bauarbeiten wurden noch am selben Tag gestoppt. Das Bauamt behauptete im November-Stadtrat, die Vibrationen bei den Bauarbeiten seien nur „Auslöser“, aber nicht „Ursache“ der Risse: Es habe nämlich bei den Gebäuden Vorschäden gegeben.

Die größte Hiobsbotschaft folgte im Dezember 2021: Wegen weiterer Rissbildungen wurden drei Wohnungen in der Schillerstraße 5 geräumt. Weitere Risse folgten Anfang März 2022 – erneut wurde ein Baustopp verhängt, diesmal endgültig.

Zurück zur Gutachten-Präsentation. Professor Vogler stellte zunächst die Schadensbilder vor, vor allem Risse in den Gebäuden 3/5, ein klaffendes Loch in einer Hofmauer und die in großen Bereichen in die Höhe verschobene Hoffläche.

Erstes Problem: Laut der DIN-Norm 4150 seien gerade bei sehr lockeren Böden (wie hier im oberen Bereich, wie aus der Baugrunduntersuchung vor Arbeitsbeginn bekannt war) durch Bauarbeiten mit Schwingerschütterungen Auswirkungen auf Nachbarbereiche möglich. Je näher, desto stärker. Doch der laut Norm erforderliche Mindestabstand bei den Rammarbeiten („Einvibrieren“) für die neue Spundwand sei unterschritten worden. Um wie viel, sagte Vogler nicht.

Bei der Verankerung einer Behelfspundwand kam es ebenfalls zu Problemen, wodurch Hohlräume und dann Setzungen entstanden.

Zudem sei ein „Versäumnis“, dass ohne Kenntnis der Tiefe der alten Spundwand gebaut wurde. Beim Unterwasserauhub für eine Bodenplatte kam es dann zu weiteren Hangsetzungen.

All dies bewirkte: „Die Spundwand hatte keine Stützkraft mehr und hat sich verformt.“ Zum Glück habe es eine „messtechnische Überwachung“ der Bauarbeiten gegeben. So konnten die Gutachter die Schadensbilder an bestimmten Stellen klar den Stützwand-Verschiebungen zuordnen. Deshalb spiele gar keine Rolle, ob die Häuser Vorschäden hatten (was ohnehin nicht zum Untersuchungsauftrag zählte). Stützwand-Verformungen infolge der Arbeiten gab es auf der gesamten Baulänge (55 Meter) – an einer Stelle bis zu insgesamt 12,9 Zentimeter tief. Seit April 2022 habe es „nur noch Minimalverformungen“ gegeben, beruhigte Vogler, dass momentan keine weiteren Schäden und Evakuierungen außerhalb der abgesperrten Bereiche zu befürchten seien.

Als Ingenieur könne er nicht sagen, wer „schuld“ sei an den Fehlern, sagte Vogler. Die für die Arbeiten relevante DIN-Norm hätte aber eigentlich sowohl der Planungs- als auch der Bau-Firma bekannt gewesen sein müssen.

Der von der Stadt beauftragte Zweibrücker Rechtsanwalt Thomas Besenbruch sagte: „Das ist ein typischer Baufehler.“ Zum einen „ein relativ dicker Planungsfehler, weil ein Verfahren gewählt wurde, was nicht der DIN-Norm entspricht“. Der Planer sei es auch gewesen, der im Auftrag der Stadt die Baustelle überwacht hatte – ohne auf den Fehler hinzuweisen. Zum anderen könne man prüfen, ob die Baufirma nicht hätte Bedenken anmelden müssen.

Wann und wie werden die Arbeiten zur Uferhangsicherung fortgesetzt? „Das ist momentan nicht einzuschätzen“, antwortete Besenbruch. Es werde aber auf jeden Fall einige Zeit dauern, denn „man muss neu planen“. Die Stadt werde nun dem Planungs-Büro eine „Aufforderung zur Mängelbeseitigung“ schicken und dafür eine „angemessene Frist“ setzen. Sollte die Firma der Aufforderung nicht nachkommen, lande der Fall wohl vor Gericht – und die Stadt könnte per „Ersatzvornahme“ eine andere Firma beauftragen und juristisch versuchen, sich vom ursprünglichen Planer die Kosten zurückzuholen.

Ob eine Sanierung mit Grundsicherung der Gebäude Schillerstraße 1-5 oder Abriss und Neubau günstiger ist, „muss geprüft werden und hängt auch vom Wert des Gebäudes ab“, so Gutachter Vogler. Technisch sei der Erhalt möglich.

Um Rissbildungen bei den künftigen Hangsicherungsarbeiten zu verhindern, empfahl der Gutachter, die Spundwand nicht „einzuvibrieren“ – sondern eine „vibrationsarme Spundwandpresse zu verwenden“. Warum ist das nicht gleich so gemacht worden? Vogler: „Das Verfahren ist teurer und auch noch nicht so lange am Markt, aber auch schon etwa 30 Jahre. Deshalb sei es „nicht der Regelfall“. Aber hier dringend anzuraten, weil vibrationsreiche Arbeiten „ein Problem im städtischen Bereich sind“.

Oberbürgermeister Wosnitza kündigte an, das 150-seitige Gutachten noch am Donnerstag den betroffenen Hauseigentümern zu schicken.

Wolfgang Schlachter, Hausverwalter und Teileigentümer der besonders betroffenen Schillerstraße 5, zeigte sich auf Merkur-Anfrage gespannt auf das Gutachten. Es habe ihn „ein bisschen befremdet, dass so ein Geheimnis daraus gemacht wurde“ – die Stadt hat das Gutachten nämlich schon seit Mitte Dezember. Er blicke aber nun positiv-konstruktiv in die Zukunft. „Es macht Sinn, zu reden und im Gespräch zu bleiben“, sagte Schlachter auf die Frage, ob er noch den Runden Tisch mit den Nutzern der betroffenen Häuser wolle, den Wosnitza schon Ende März angekündigt, aber infolge verfahrensrechtlicher Bedenken verschoben hatte.

Stadtsprecher Jens John mailte dazu auf Merkur-Anfrage; „Jetzt, da uns das Gutachten des Ingenieurbüros und auch die rechtliche Einschätzung dazu vorliegen, sind wir auch dabei, einen Runden Tisch zu planen. Wann dieser stattfinden wird und in welchem Format, wird aktuell geprüft.“