Lesung im Herzogsaal Auf der Suche nach dem Großvater

Zweibrücken · Julia Gilfert liest im Herzogsaal aus ihrem Buch „Ein Himmel voller Schweigen“.

 Die Autorin Julia Gilferts bei ihrer Lesung im Herzogsaal. Ihre kleine Tochter wollte ihr dabei nicht von der Seite weichen.

Die Autorin Julia Gilferts bei ihrer Lesung im Herzogsaal. Ihre kleine Tochter wollte ihr dabei nicht von der Seite weichen.

Foto: Sebastian Dingler

Was tun, wenn man vom eigenen Opa nur weiß, dass er früh gestorben ist, weil er es angeblich „am Magen hatte“? Wenn man herausfindet, dass er zwar im Mai 1933 in die NSDAP eintrat, 1941 aber von den Nazis umgebracht wurde? Die 31-jährige Julia Gilfert, geborene Frick, hat all ihre Dachbodenfunde, Archiv-Recherchen und Gespräche mit ihren Eltern in das Buch „Ein Himmel voller Schweigen“ gesteckt, das die Lebenswege ihres Großvaters Walter Frick und dessen Schwester Hedwig nachzeichnet. Am Donnerstagabend stellte die Autorin ihren Band im Herzogsaal vor – dabei spielte und sang sie noch ein vom Großvater komponiertes Lied. Doch dazu später mehr.

Das Buch sei im besten Sinne Erinnerungsarbeit, sagte Charlotte Glück zur Begrüßung der etwa 60 Zuhörer. Die Leiterin des Stadtmuseums wies auch auf die historische Bedeutung des Datums hin: Dass vor genau 80 Jahren bei der Wannseekonferenz die Ermordung von elf Millionen Juden geplant worden war. Walter Frick sei zwar kein Jude gewesen, habe aber mit seiner sensiblen Künstlerpersönlichkeit nicht ins Männerbild der Nazis gepasst.

Enkelin Gilfert ist ausgebildete Sängerin, derzeit aber aber wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität von Tübingen, wo sie über das Thema Rechtspopulismus und dessen Umgang mit Gedenk- und Kulturerbestätten promoviert. Mit 18 Jahren habe sie mehrere intensive Träume von ihrem Großvater gehabt: In einem habe sie ihn angeschrieen, dass er bloß nicht nach Berlin gehen soll. Als sie aufwachte, sei sie „fertig mit den Nerven“ gewesen, weil ihr diese Traumszene so real vorgekommen sei. Dabei habe sie zu diesem Zeitpunkt noch kaum etwas über Walter Frick gewusst – nur, dass er in Berlin in einem Krankenhaus gestorben sei.

Frick, der von seinem Schwager Armin Beilhack, einem SS-Mann, aus niederträchtigen Gründen denunziert worden war, wurde von den Nazis als Opfer der sogenannten Euthanasie ermordet. Zuvor war er in die „Nervenheilanstalt“ Bernau bei Berlin eingeliefert worden.

Gilfert las aus dem Buch im Beisein ihrer Eltern und ihrer kleinen Tochter. Ihrem Vater habe man nur sehr wenig über das Schicksal des Großvaters erzählt – von daher kommt wohl im Buchtitel das Schweigen vor. Sie habe sich auf dem Dachboden der Eltern umgesehen und dort viele alte Briefe, Postkarten und Tagebücher gefunden. Dadurch habe sich ergeben, dass das Buch nicht nur von Walter Frick, sondern auch von dessen Schwester Hedwig handeln musste. Gilfert las unter anderem aus dem Tagebuch ihrer Großtante, die ebenso wie der Großvater in Zweibrücken aufwuchs und in Pirmasens Lehrerin wurde.

Die Autorin zitiert in ihrem Buch aus den Dachbodenfunden, beschreibt ihre eigene Gefühlswelt bei der Recherche und wagt es sogar, ihre Vorfahren literarisch zum Leben zu erwecken: Indem sie sich einzelne Szenen aus deren Leben ausmalt.

Die 31-Jährige befasst sich schon seit Langem mit ihrer Familiengeschichte - vor zehn Jahren konnte sie veranlassen, dass in der Alten Steinhäuser Straße ein Stolperstein für ihren Großvater verlegt wurde. Was aber konnte diesen bewogen haben, jener Partei beizutreten, deren menschenverachtender Ideologie er letztlich zum Opfer fiel? Sie habe diese Frage auch einem befreundetem Historiker gestellt, erzählte Gilfert . Dieser habe zu Fricks Datum des Parteieintritts, dem 1. Mai 1933, gesagt, dass es damals zu Masseneintritten kam von Deutschen, die damals noch nicht absehen konnten, was die NSDAP vorhatte. Die Nazi-Propaganda habe es geschafft, den Leuten den Parteieintritt schmackhaft zu machen.

Dass Frick in seiner beruflichen Existenz als Korrepetitor in Rostock nicht glücklich war mit den Eingriffen der Nazis ins Kulturleben, zeigt unter anderem einer der Briefe an seine Mutter. Eine lang einstudierte Ballett-Aufführung mit Musik von Richard Strauss („Josephs Legende“) war kurzfristig abgesetzt worden, weil das Werk nach Auffassung der Nazis „zu unsittlich“ gewesen sei. Andererseits schrieb Walter Frick auch in unterwürfigem Ton einen Brief an den damaligen NS-Minister Wilhelm Frick, in dem er die weitläufige Verwandtschaft zu ihm darlegte und ihm „Honig ums Maul schmierte“, wie die Enkelin konstatierte.

Doch all das nutzte ihm nichts. Nicht lange nachdem Walter Frick einen Nervenzusammenbruch erlitt, weil er zum Wehrdienst einberufen werden sollte, nahm sein noch junges Leben mit 32 Jahren ein Ende. „Die haben ihm die Spritz’ ins Herz gesetzt“, habe Hedwig auf die Frage geantwortet, wie ihr Bruder umgekommen sei. Die Enkelin wollte wenigstens sein musikalisches Erbe weiterleben lassen, indem sie eine Komposition des Großvaters singend am Klavier vortrug. Dieses „Wiegenlied“, ein verträumt-romantisches Stück, war von hohem Niveau. Erschütternd, dass sein Verfasser so früh sein Leben verlor.

Julia Gilfert: „Ein Himmel voller Schweigen“, Eckhaus Verlag, 296 S., 14,80 Euro.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort