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Merkur-Interview : Iris Berben über Integration, die AfD und ihren Zweibrücker Auftritt

Merkur-Interview : Iris Berben über Integration, die AfD und ihren Zweibrücker Auftritt

Am 7. Oktober besucht ein echter deutscher Star die Stadt Zweibrücken: Iris Berben wird in der Festhalle Gedichte der von den Nazis ermordeten Selma Meerbaum-Eisinger lesen, Star-Pianist Martin Stadtfeld leistet dazu den musikalischen Beitrag. Die Schauspielerin ist außerdem derzeit in den Kinos mit der Komödie „High Society“ zu sehen.

Frau Berben, Engagieren Sie sich eigentlich noch politisch?

Iris Berben Ja, wir leben ja in einer Zeit, in der man damit nicht aufhören kann, oder? Ich engagiere mich nach wie vor für Politik.

Kommen wir zu Ihrem neuen Kinofilm („High Society“): Gehören Sie zur High Society?

Berben Nein. Meine Wahrnehmung von High Society kommt aus den 70er und 80er Jahren in München. Die ist ja auch von Helmut Dietl (Regisseur von Filmen wie „Rossini“, Anm. der Red.) persifliert worden. Die High Society, wie sie mal existierte, sehe ich heute nicht mehr. Heute ist es mehr eine große Ansammlung von Menschen, die das Bedürfnis haben medial vorzukommen. Diese Mischung, die es mal gab, auch mit all den Künstlern, als ganz eigene soziale Schicht – die gibt es heute nicht mehr. Es ist heute eine große Bling-Bling-Selbstdarstellung.

Wie leicht oder schwer ist Ihnen das gefallen, die versnobte Großindustrielle Trixi von Schlacht darzustellen?

Berben Ach, es macht schon Spaß, solche Menschen zu parodieren mit ihren kleinen oder größeren Schwächen. Das Schlimme an dieser Trixi von Schlacht ist, dass sie versucht, sich über Charity-Aktionen in die Öffentlichkeit zu bringen. Dabei ist ihr Charity absolut egal – Hauptsache, sie ist selber in der Öffentlichkeit. Da hat man ein schönes Klischee, das auch erfüllt wird, und damit zu spielen war schön. Auch Katja Riemann gibt in ihrer Rolle als Frau aus dem Plattenbau viele Klischees her, aber ich finde, Regisseurin Annika Decker macht das auf sehr liebevolle Weise. Sie beobachtet Menschen mit einer großen Wärme, dann überspitzt sie deren kleine und große Schwächen und setzt sie ganz ordentlich ins Bild.

Hatten Sie schon mal so einen ähnliche Figur gespielt?

Berben Nein. Das fehlte noch in meinem Werdegang.

Wird Emilia Schüle Deutschlands nächster Superstar?

Berben Das kann man nicht sagen. Ich finde, dass wir mit dem Begriff Superstar viel zu inflationär umgehen. Ich glaube, ein Superstar zu werden, hat viel mit sehr viel Arbeit zu tun und mit langem Atem, mit einer großen Unterschiedlichkeit, mit viel aus- und durchhalten müssen. Heute wird natürlich auch medial anders gearbeitet, aber: Ich glaube, das kann man doch erst im Laufe von Jahren feststellen, ob sich ein Schauspieler halten kann, ob er über ein großes Repertoire von Unterschiedlichkeit verfügt.

Sie müssten das ja am besten wissen…

Berben Zu Emilia Schüle: Sie hat das Zeug dazu, sie hat eine gute Präsenz, sie hat etwas sehr Einmaliges, finde ich, und sie wird ziemlich sicher ihren Weg gehen. Sie besitzt einen gesunden Ehrgeiz und versucht sich auf unterschiedlichen Terrains, und alles das trägt dazu bei, dass sie eine gute Schauspielerin werden kann.

Jetzt haben Sie auch noch mit Peter Kurth und Moritz Bleibtreu eine neue fünfteilige Fernsehserie gedreht namens „Die Protokollantin“ – um was geht es da?

Berben Da spiele ich eine Frau, die Verhöre protokolliert: die Geständnisse, die Zusammenbrüche, die Lügen, die Erklärungen von Mördern und Sexualstraftätern. Diese Frau hat selber eine Tochter, die vor 17 Jahren verschwunden ist. Sie sitzt auf ihrer Arbeit den ganzen Tag als unscheinbare Protokollantin und hört diese entsetzlichen Stimmen. Das macht etwas mit dieser Frau. Das ergibt eine sehr spannende Geschichte, von der ich noch nicht allzu viel verraten will.  Nächstes Jahr kommt es ins Fernsehen.

Jetzt zu dem Abend, den Sie zusammen mit Martin Stadtfeld in Zweibrücken bestreiten…

Berben Ein wunderbarer Pianist!

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Berben Ich war in einigen seiner Konzerte. Als es darum ging, dass ein neues Programm mit mir erarbeitet wird, stand er als ein großer Wunschpartner auf der Liste. Die Anfrage ging an ihn, und, womit ich gar nicht gerechnet hatte, er hat die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger gelesen, und es kam ein promptes Ja. Das hat mich natürlich mehr als glücklich gemacht. Denn abgesehen von seiner Leistung, die er als Pianist einbringt, ist es ja ein Statement, eine Haltung, solch einen Abend zu bestreiten. Natürlich sind die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger gewählt worden, um durch ihre Lyrik gegen das Vergessen zu arbeiten. Das bedeutet, dass Martin Stadtfeld eine klare Haltung zu dieser Thematik hat. Das tut gut. Das ist wie „Komplizen suchen und Komplizen kriegen“ für ein Thema, das ich ja jetzt seit über vier Jahrzehnten immer wieder auf unterschiedliche Weise versuche zu bearbeiten.

In der Tat haben Sie sich sehr viel mit dem Judentum beschäftigt – wie sehen Sie heute die Gefahr des Antisemitismus’ in Deutschland?

Berben Wir haben seit einigen Jahren mit sehr viel Herausforderungen zu tun. Es geht um Migration, um die Flüchtlinge, es geht darum, dass sich eine Partei wie die AfD etablieren konnte mit einem großen Zulauf. Ich weiß, dass es diese Themen weltweit gibt, aber wir haben eine eigene Geschichte und Antisemitismus ist kein Thema, das irgendwann erledigt wird. Ganz im Gegenteil: Wir müssen uns mit Mechanismen auseinandersetzen, die schon mal gegriffen haben. Es werden Menschen leicht eingefangen, die verunsichert und besorgt sind. Man versucht ihnen einfache Antworten auf sehr komplexe Veränderungen zu geben. Ich verstehe Wut bei vielen Leuten, aber ich kann eben keinen Hass verstehen. Insofern ist es ganz wichtig, dass wir immer wieder eine Haltung zeigen, dass wir uns stark machen und den anderen nicht das Terrain überlassen. Unsere Gesellschaft ist eine sehr starke Gesellschaft und unsere Demokratie ist sehr, sehr stark. Aber sie muss immer wieder eingefordert werden, immer wieder als ein hohes Gut erklärt werden. Die Politik, die sich von den Menschen entfernt hat, muss wieder Wege finden, an den Menschen dranzubleiben, ihnen erklären, dass wir in einer großen Veränderung stecken, dass wir rausmüssen aus unseren Komfortzonen. Die Arbeit, die wir zu leisten haben, ist viel und muss an jede Generation weitergegeben werden.

Sehen Sie die Gefahr des Antisemitismus mehr von der AfD ausgehend oder von den muslimischen Zuwanderern?

Berben Ich sehe sie von beiden Seiten. Natürlich ist die Gefahr auch durch die Zuwanderung gegeben – wir haben es mit Menschen zu tun, die einen gelebten Antisemitismus in ihren Heimatländern kennen und als sehr selbstverständlich ansehen. Unsere Aufgabe wird es sein, unsere Werte zu vermitteln, und auch das als eine Voraussetzung für ein Bleiberecht einzufordern. Das ist viel Arbeit. Aber egal, ob es das ist oder eine AfD, die sich rechtes Gedankengut und rechte Leute gestattet - wir haben auf allen Fronten zu kämpfen, wo sich Ausgrenzung und Antisemitismus wieder verbreiten.

In der Programmankündigung des Abends in der Zweibrücker Festhalle steht, dass Martin Stadtfeld die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger „umhüllt“ – was genau kann man sich darunter vorstellen?

Berben Also es ist so: Es sind die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, die eine unendliche Kraft haben, die von Liebe, von Sehnsucht erzählen, von Fragen, die sehr ungewöhnlich sind für ein so junges Mädchen. Hilde Domin hat sie entdeckt, ich selbst bin durch den Journalisten und Exilforscher Jürgen Serke darauf aufmerksam geworden. Ich habe die Gedichte zum ersten Mal in Jerusalem gelesen und mich in den letzten 20 Jahren immer wieder auseinandergesetzt. Ich war auch in Czernowitz, wo Selma Meerbaum-Eisinger ursprünglich herkam…

Aber wie genau setzen Sie das auf der Bühne um?

Berben Wir wechseln uns ab. Auch gibt es zwei Musikstücke, in die ich quasi hineinspreche. Wir haben es längere Zeit nicht mehr gemacht, aber wir treffen uns direkt wieder, wenn ich zurück bin. Es ist mehr oder weniger so, dass er Stücke nimmt, die den Inhalt eines Gedichts verstärken oder zum nächsten Gedicht führen. Es ist ganz ganz unterschiedlich! Es hat viel mit seiner eigener Interpretation zu tun und mit der Stimmung, die am Abend da ist. Das ist für mich ungeheuer spannend.