1. Pfälzischer Merkur
  2. Zweibrücken

Interview mit dem Freundeskreis Zweibrücker Industriekultur

Interview Gerhard Herz und Dietrich Soyez : „Bahnbrechende Erfindungen“

Die Zweibrücker Gerhard Herz und Dietrich Soyez sind die Initiatoren des neuen Freundeskreises Zweibrücker Industriekultur.

Herr Herz, Herr Soyez, was verstehen Sie eigentlich unter Industriekultur?

Soyez Wir verstehen darunter materielle Zeugnisse, und zwar nicht nur der industriellen Vergangenheit, sondern auch jene der Gegenwart. Dazu gehören komplette Unternehmen auf ihren Betriebsgeländen, einzelne Gebäude oder Maschinen und schließlich auch ruinöse Reste.

Alte Fabrikgebäude, verrostete Maschinen, modrige Keller – ist denn das alles schutzwürdig?

Herz Im Einzelfall ja. Objekte der Industriekultur können auch denkmalwürdig oder rechtlich geschützte Denkmäler sein. Generell ist aber ein gesetzlicher Bestandsschutz weder sinnvoll noch möglich. Wir wollen nur unsere Mitbürger dazu motivieren genauer hinzuschauen, um industrielle Objekte überhaupt wahrzunehmen. Oft sind sie wertvolle Bestandteile unserer städtischen Umwelt und sollten bei allen Maßnahmen angemessen berücksichtigt werden. Die materiellen Folgen der Industrialisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts stellen eine bedeutende historische Zeitspanne, buchstäblich auch eine im Raum dokumentierte Schicht dar, genau wie die Bauten der Schweden- oder Herzogszeit auch. In der Regel aber sind die Auswirkungen von Industrialisierungsprozessen wesentlich landschaftsprägender. Auch sie können als historisches Kapital für die Reputation der Stadt und ihre Entwicklung genutzt werden. 

Wie muss man sich Ihre Feldforschung vorstellen, was genau tun Sie da vor Ort?

Soyez Am Anfang jeder Bewertung stehen Bestandsaufnahmen: Wir müssen Dinge erfassen und in Karten eintragen um zu dokumentieren, was, wo und in welchem Zustand überhaupt vorhanden ist. Solche Daten gewinnen wir durch die Auswertung von Literatur, Karten, Plänen, Luftbildern, Befragungen und Begehungen. Auf einer solchen Basis erst kann man verstehen, wie das alles funktioniert hat oder heute immer noch funktioniert – technisch, organisatorisch und mit welchen Auswirkungen auf unsere Lebenswelt. Mit wachsender Informationsdichte ist man in der Lage, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden und kann dann den Wert von Objekten und Standorten begründen, sei es aus technischer oder architektonischer Sicht, zum Beispiel im Hinblick auf erzieherische Ziele, die Bewahrung des traditionellen Stadtbildes oder touristische Nutzungen. 

Das klingt alles etwas abstrakt für Nichteingeweihte. Schildern Sie doch bitte konkreter, was da in Zweibrücken so besonders ist...

Herz Dazu nur ein Beispiel, das Maschinenbau-Unternehmen Dingler Ihrer Vorfahren. Mit seinem Wachstumskern war es ab 1833 auf dem sogenannten Schönhof angesiedelt, unmittelbar nördlich der heutigen Dinglerstraße. Das Unternehmen hat über Jahrzehnte die Entwicklung der Industrialisierung weit über Zweibrücken hinaus mit bahnbrechenden Erfindungen und Entwicklungen angetrieben. Seine schnelle Erweiterung über die Dinglerstraße hinaus nach Süden umfasste bald weite Bereiche bis an die heutige Schillerstraße. Dort entwickelten sich bis zur Jahrhundertwende auch die Maschinenbaufirmen Peschke und Wery. Sie bildeten mit Dingler das, was in der Fachwelt eine industrielle Standortgemeinschaft genannt wird. Alle drei Firmen kooperierten oft untereinander. Diese Gemengelage war gekennzeichnet durch die Gesamtheit der produzierenden Anlagen, Verwaltungsgebäude, Unternehmervillen und Infrastruktur zwischen Dingler- und Schillerstraße. Größere Arbeitersiedlungen, sehr typisch in anderen Industriestädten, gab es aber anscheinend dort nicht. Heute werden diese Bereiche von den Nachfolgern der vorgehend genannten Firmen eingenommen. Im Wesentlichen von den Kranbauern Tadano (Nachfolger von Dingler und Demag) und KSD (Nachfolger von Peschke), sowie – etwas außerhalb in Einöd – von dem Wery-Nachfolger John Deere.

Soyez Was daran so besonders ist? Erstens die historische Kontinuität unternehmerischer Spitzenleistungen über mehr als 150 Jahre, geprägt von bemerkenswerten Erfolgen, existenzbedrohenden Krisen und aufeinander folgenden Übernahmen durch in- und ausländische Firmen – aber immer mit hoch qualifizierten Zweibrücker Arbeitnehmern. Zweitens, die eindrucksvolle Spiegelung von Globalisierungsprozessen in Raum und Zeit, getragen von hiesigen und ausländischen Unternehmen, in beiden Fällen oft eng verflochten mit fernen Welten. Drittens: Wie seit Beginn der Industrialisierung bieten auch die heute hier tätigen Unternehmen interessierten jungen Zweibrückern vielfältige Zukunftsperspektiven. Über Praktika, Ausbildung und Anstellung können sie in ein faszinierendes Umfeld von Kreativität und Innovation hineinwachsen und zunehmend mitgestalten. Sie haben also Chancen und Herausforderungen, die hier vor Ort oft nicht bekannt sind.

Aber können Sie das alleine stemmen, die Erfassung dieser geschichtlichen und aktuellen Zusammenhänge und deren Publikation über unterschiedliche Medien? Wie viele Mitstreiter haben Sie denn überhaupt im Freundeskreis und wie sind diese eingebunden?

Herz Inzwischen haben sich über 30 Personen bei uns gemeldet, die entweder informiert bleiben oder aktiv mitarbeiten wollen. Insgesamt sind wir eine Gruppe mit Berufserfahrungen in Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Verwaltung, dazu immer noch eingebunden in weit gespannte regionale und internationale Netzwerke. Einige von den Leuten wollen spezielle Themen übernehmen. Wir sind dabei, dies im einzelnen zu koordinieren und dann später auch bekannt zu machen. Wir würden uns aber freuen, auch weitere jüngere Mitstreiter zu gewinnen.

Konnten Sie denn schon bisher unbekannte historische Tatsachen herausfinden?

Soyez Wirklich Unbekanntes nicht. Allerdings hat Dr.-Ing. Dieter Holzdeppe (früher bei TLT-Turbo) uns kürzlich auf aufschlussreiche Materialien aus Frankreich hingewiesen. Sie geben den immer mal wieder zu findenden Bemerkungen über den Windkanalbau bei Dingler plötzlich einen bemerkenswerten Hintergrund. So ist dort belegt, dass Dingler und Zweibrücken vom Ende des Weltkrieges bis weit in die Nachkriegszeit hinein eine große Rolle in der Entwicklung der Aerodynamik von Produkten der Luft- und Raumfahrt gespielt haben – insgesamt mit Ereignisabläufen, die von französischen Fachleuten als ‚rocambolesque‘ bezeichnet werden, also etwa: fantastisch, abenteuerlich... da bleiben wir dran.

Welche Unterstützung bekommen Sie von der Stadt Zweibrücken, was würden Sie sich noch wünschen?

Herz Der Stadtvorstand und am Thema besonders interessierte Institutionen wie Stadtarchiv, Stadtmuseum und Wirtschaftsförderung unterstützen uns schon kräftig. Wir hoffen aber, dass wir in Zukunft auch aus anderen Aufgabenbereichen der Verwaltung Hilfe erhalten, so etwa von Stadtplanung, Stadtentwicklung, Stadtmarketing und Denkmalpflege.