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Höhere Berufsfachschule der Berufsbildenden Schule Zweibrücken BBS Ignaz-Roth-Schule

Für Hochschul-Zulassung erforderliche Praktika im Sozialbereich wegen Coronaschutz-Maßnahmen abgesagt : Kostet Corona-Krise Berufsfachschüler ein Jahr?

Sozialassistenz-Schülerinnen sorgen sich um Studiums-Zulassung, weil viele Pflicht-Praktika im Sozialbereich abgesagt werden. Schulleiter bietet nach Merkur-Anfrage Unterstützung bei Stellensuche an, Wissenschaftsministerium prüft eine Ausnahmeregelung.

„Wir müssen davon ausgehen, dass die Nachteile der Corona-Pandemie auf unseren Schultern abgeladen werden und somit unsere Zukunft auf dem Spiel steht!“ Mit einem Brief an den Merkur haben acht Schülerinnen der „Höheren Berufsfachschule Zweibrücken“ an der Ignaz-Roth-Schule (BBS Zweibrücken) auf Probleme mit ihren Praktikums-Plätzen aufmerksam gemacht.

„Aufgrund der aktuellen Ereignisse rund um die Corona-Pandemie wurden die meisten zugesagten Praktikumsstellen in sozialen Einrichtungen (z. B. Kitas, Schulen oder Altenheimen) abgesagt“, schreiben die Schülerinnen. „Auch die Praktika in den Ferien sind mehr als fraglich oder wurden auch schon abgesagt. Wir wissen nicht, wie wir unsere Praktika erbringen sollen. Trotz der aktuellen Lage besteht die ADD Neustadt als Aufsichtsbehörde der Schule darauf, dass Praktikumsplätze gesucht werden – was zurzeit nicht möglich ist. Wenn es für uns schlecht läuft, werden wir nicht zum Fachabitur zugelassen, da wir das Praktikum nicht nachweisen können und dies in der aktuellen Zeit auch nicht nachgeholt werden kann. Wir hängen in der Luft, da wir nicht wissen, wie es weitergehen soll und von der ADD nach telefonischer Nachfrage keine Hilfe oder Änderung zu erwarten ist.“

Schulleiter Jürgen H. Bärmann sagt auf Merkur-Anfrage: „Ich kann die Ängste nachvollziehen – hätte sie aber ausräumen können“, wenn die Schülerinnen sich an ihn oder die Fachbereichsleitung gewendet hätten: „Wir hätten die Sorgen ausräumen können.“ Anders als in dem Brandbrief der Schülerinnen zudem befürchtet, gebe es (wie Bärmann am 20. Mai allen HBF-Schülern auch gemailt hatte) hinsichtlich des einen der beiden Bildungsabschlüsse, „staatlich geprüfte(r) Assistent(in)“, keinen Nachteil, wenn das normalerweise erforderliche Praktikum nicht nachgewiesen werden kann. Bärmann zum Merkur: „Ich bestätige den Schülern, dass sie die berufspraktischen Qualifikationen haben, auch wenn das Praktikum vor den Sommerferien wegen Corona nicht wie geplant absolviert werden kann.“

Anders sei dies beir zweiten Sozialassistenz-Bildungsabschluss-Option, der Fachhochschulreife. Hier äußert sich Bärmann inhaltlich gleichlautend, wie die (Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion) auf Merkur-Anfrage schreibt: „Hier verlangen die Hochschulen, neben dem Nachweis des schulischen Teils der Fachhochschulreife, weitere Praktikumszeiten. Die Hochschulen arbeiten in diesem Fall eigenständig und erkennen Praktika nach ihren individuellen Kriterien an. Darauf hat weder die Schule noch die Schulaufsicht Einfluss.“

Deshalb, so Bärmann, habe er in dem Brief an die Schüler empfohlen, weiter Praktikumsplätze zu suchen. In dem Merkur-Telefonat ist der Schulleiter deutlich optimistischer als die acht Schülerinnen: „Kitas und Schulen sind immer mehr wieder geöffnet, sie suchen teils händeringend Praktikanten, zum Beispiel braucht man in Kindergärten ja auch Helfer beim Händewaschen.“ Die BBS habe viele Kontakte und unterstütze die Schüler gerne bei der Praktikumssuche. Und selbst wenn es jetzt nicht mit einer Praktikumsstelle klappe: Der Abschluss sei ja erst nächstes Jahr, „da gibt es immer noch die Möglichkeit, ein Praktikum nachzuholen“. Zudem geht Bärmann davon aus, dass sich nicht nur die Berufsbildende Schule, sondern auch die Fachhochschulen flexibel zeigen, wenn Bewerber aufgrund der Corona-Krise die sonst üblichen Praktikums-Voraussetzungen nicht erfüllen: „Denen fehlen sonst ja auch die Hochschüler.“ Vielleicht ließen Fachhochschulen fehlende Praktika ja auch noch während des Studiums nachholen. Bärmann empfiehlt den Schülern aber, sicherheitshalber rechtzeitig bei ihren Wunsch-Hochschulen direkt anzufragen, wie sie mit wegen der Corona-Krise fehlenden Praktika umgehen. Auch aus der Politik werde ja immer wieder signalisiert, „dass die Corona-Krise Schülern und Studierenden nicht zum Nachteil gereichen soll“, befürchtet Bärmann am Ende keine großen Probleme für seine Schüler.

Warum die Aufregung, wenn Bärmann so zuversichtlich ist und den HBF-Schülern am 20. Mai auch schon geschrieben hatte? Eine der acht Schülerinnen, die sich an den Merkur gewendet hatten, bestätigt zwar auf Nachfrage den Erhalt des Bärmann-Briefes, und leitet ihn weiter. Bei der Lektüre wird klar: In dem Merkur-Telefonat klang der Schulleiter deutlich beruhigender als in dem Brief. So zeigte er sich dort gleich zum Einstieg bezüglich der Praktikumsplätze wenig optimistisch: „Während der Ausbildungszeit in der höheren Berufsfachschule sind mehrere Wochen Praktikum abzuleisten. Aufgrund der Pandemie ergibt sich nun für viele die Situation, dass bereits zugesagte Praktikumsplätze seitens der Betriebe und Einrichtungen wieder abgesagt wurden und derzeit keine Alternative gefunden werden kann.“ Und während Bärmann in dem Merkur-Telefonat auf Nachfrage bestätigt hatte, dass die BBS im Abschlusszeugnis unabhängig von der Frage, ob die Praktikumszeiten vollständig sind, „im Zeugnis die Fachhochschulreife bestätigt“, und es lediglich um die (auch in dem Brief erläuterte) Frage gehe, ob die Fachhochschulen vor der Zulassung zum Studium Praktikums-Nachweise verlangen, kann der Brief vom 20. Mai leicht so missverstanden werden, dass sogar der Fachhochschul-Abschluss an der BBS auf der Kippe steht: „Hinsichtlich des Erwerbs der Fachhochschulreife kann ich aus den oben genannten Gründen leider keine Aussage machen. Die Praktikumszeit für die Anerkennung der Fachhochschulreife muss ,in Eigenregie’, also ohne Anleitung durch die Schule, organisiert werden. Daher empfehle ich dringend, das vorgesehene Praktikum im Juni/Juli abzuleisten.“

Weil das so aussah, als seien der Schule die Hände gebunden, hätten sie sich über eine Mutter direkt an die Schulaufsicht bei der ADD gewandt, berichtet eine der acht Schülerinnen. Die Mutter berichtet von einem langen, aber vergeblichen ADD-Telefonat: „Es hieß, die Schüler sollten sich um Praktikumsplätze bemühen, es wäre möglich. Aber: Es gibt zurzeit aber fast keine!“ Zwar hat eine der Acht über persönliche Verbindungen gerade eine Praktikumsstelle gefunden. Und es gebe auch ein paar Angebote außerhalb Zweibrückens: „Aber die meisten von uns sind noch 17 – da kann man nicht 50 Kilometer weit fahren!“

Nachdem die ADD auch abgesehen von obigem Zitat auf Merkur-Anfrage gleichlautend wie Schulleiter Bärmann antwortete, hat der Merkur das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium auf die Sorgen der Schülerinnen aufmerksam gemacht – und gefragt, ob eine landeseinheitliche Regelung geplant ist, damit man auch bei wegen der Corona-Krise fehlenden Praktika studieren kann. Ministeriums-Sprecher Markus Nöhl antwortete am Donnerstagabend: „Das Land prüft derzeit Möglichkeiten, um Personen einen Studienbeginn zu ermöglichen und das zum vollständigen Schulabschluss gehörende Praktikum nachzuholen.“