1. Pfälzischer Merkur
  2. Zweibrücken

Hochwasser-Einsatz: DRK Zweibrücken beklagt haarsträubende Organisation

Hochwasser-Hilfe: Zweibrücker DRK beklagt Organisations-Mängel : „Eine Katastrophe in der Katastrophe“

DRK-Chef Hans Prager beklagt: Zweibrücker Helfer wollen in Hochwasser-Gebiet Bad Neuenahr-Ahrweiler helfen, kommen aber wegen haarsträubender Organisation der Aufsichtsbehörde ADD nicht zum Einsatz. Prager: „So wird das Ehrenamt mit Füßen getreten.“

Es muss sich anfühlen wie schiere Ohnmacht. Der Eindruck, gelähmt zu sein. Enormes Leid zu erblicken – und dann als Helfer nicht helfen können. Diese Erfahrung haben Einsatzkräfte des Zweibrücker DRK jetzt im Katastrophengebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler machen müssen.

Auf Merkur-Anfrage bilanzierte Hans Prager, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Südwestpfalz, am Montag den ersten Einsatz, den seine Helfer im Norden von Rheinland-Pfalz absolvierten. Seine Bilanz fällt bitter aus. Prager kritisiert, die Organisation der Helfergruppen durch die ADD (Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier) sei regelrecht haarsträubend gewesen.

Das verheerende Hochwasser setzte in der Nacht auf Donnerstag ein. Donnerstagabend, 19 Uhr – zu dem Zeitpunkt war klar, dass es Rheinland-Pfalz hart getroffen hatte –, fragte der DRK-Landesverband beim Zweibrücker DRK-Chef an: Wie viele Helfer könnt Ihr abstellen? Prager meldete 18 zur Verfügung stehende Kräfte. Die Frauen und Männer machten sich, verteilt auf fünf Fahrzeuge, sofort auf den Weg. Gruppenführer Patrick Wagner, dessen Stellvertreter Steffen Schwarz sowie Jan-Hendrik Prager (für Technik und Material zuständig) koordinierten die Truppe.

Hans Prager erläutert: „Wir hatten den gesamten Einsatz über die Aufgabe, die Betreuungskomponente zu übernehmen. Das heißt, wir kümmern uns um eintreffende Opfer, die etwa von Dächern gerettet werden oder betreuen Menschen, die durch das Hochwasser obdachlos geworden sind.“

Mit diesem Auftrag versehen ging es zu einem Mitfahrerparkplatz an der A 61 bei Dörth. Dort versammelten sich alle zwecks Absprache, auch die 17 Zweibrücker meldeten sich bei ihrer Ankunft an. Sie bekamen den Auftrag, sich in Bad Neuenahr auf eine Anhöhe zu begeben. „Dort gibt es einen kleinen Flugplatz, ähnlich der Pottschütthöhe“, erläutert Prager, der von zuhause aus jeden Schritt verfolgte.

In einer Halle auf der Anhöhe warteten die Rotkreuzler aus der Rosenstadt auf eintreffende Menschen, die, gemäß ihrem Auftrag, zu betreuen gewesen wären.

Zum Entsetzen aller kamen aber zuerst nur Leichen an. Polizeikräfte, die in Nachbarschaft zu den Zweibrückern ihre Einsatzstelle aufgeschlagen hatten, sahen sich laut Prager mit insgesamt 40 Leichensäcken konfrontiert. Für alle Einsatzkräfte ein Schlag in die Magengrube. Sie waren Zeugen einer Katastrophe.

„Es kamen einfach keine zu Betreuenden an. Schließlich wurden die Helfer abgezogen“, schildert Prager. In Grafschaft in unmittelbarer Nähe zu Nordrhein-Westfalen, wo Haribo, neben seinem Stammwerk in Bonn, eine weitere Gewerbefläche hat, war von dem Süßwarenfabrikanten ein großes Provisiorium zur Übernachtung bereitgestellt worden. Dort fanden die erschöpften Helfer ein paar Stunden Ruhe.

Und dann kam der Samstag. Der Tag, der Hans Prager im Nachhinein so fassungslos macht.

„Samstagmorgen ging es Richtung Nürburgring. Dort ist ein großer Bereitstellungsraum, alle Helfer versammelten sich dort.“ Nur: Obwohl sich in einigen Orten im Norden von Rheinland-Pfalz Horror-Szenarien abspielten, gab es nichts zu helfen. Prager: „Von acht bis 18 Uhr – zehn Stunden lang – hatten sich am Nürburgring rund 1000 Helfer mit 270 Fahrzeugen versammelt. Aber es geschah nichts. Kein Einsatzbefehl. Keine Verwendungsmöglichkeit.“

Die Aufsichtsbehörde ADD, die die Helfer zu koordinieren gehabt habe, sei offenkundig komplett überfordert gewesen. Alle Einsatzkräfte hätten den ganzen Tag nur herumgestanden. „So kann man nicht Menschen umgehen. Das Ehrenamt wird mit Füßen getreten“, zürnt Prager. Es habe die Helfer gedrängt, zur Tat zu schreiten, anzupacken – aber die ADD habe nicht gewusst, was sie mit ihnen anfangen soll.

„Eine Katastrophe in der Katastrophe“, bezeichnet der Zweibrücker DRK-Chef die Organisation.

Prager gab schließlich den Befehl: Abmarsch. Heim nach Zweibrücken. Duschen, etwas Schlaf finden. Und neu sammeln. Samstagabend kehrten die Helfer zurück, am Sonntagabend, 18 Uhr, gab es eine Einsatzbesprechung. Prager klopfte ab, ob die Zurückgekehrten die erlebten Schreckensbilder verarbeiten konnten, wer bereit wäre, erneut mitzumachen. Zu seiner großen Freude sagten schließlich 21 Helferinnen und Helfer, noch mehr als beim ersten Einsatz, dass sie dabeisein wollen. Prager meldete diese Zahl unverzüglich an den DRK-Landesverband, der wiederum die ADD informierte.

Am Montagabend gab es schließlich Klarheit über eine mögliche Verwendung. „Wir haben den Marschbefehl bekommen“ sagte Prager. Dienstagfrüh, sechs Uhr, fahren die 21 Helfer aus Zweibrücken wieder in den Norden von Rheinland-Pfalz. An Bord: Zwei Kanister mit jeweils 1000 Litern Trinkwasser.

 Kurze Ruhepause auf dem Haribo-Werksgelände in Grafschaft an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Schöne Geste: Als die Zweibrücker Helfer am Samstagmorgen nach kurzer Nachtruhe aufwachten, hatte jeder von ihnen einen Goldbären-Teddy auf dem Feldbett liegen.
Kurze Ruhepause auf dem Haribo-Werksgelände in Grafschaft an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Schöne Geste: Als die Zweibrücker Helfer am Samstagmorgen nach kurzer Nachtruhe aufwachten, hatte jeder von ihnen einen Goldbären-Teddy auf dem Feldbett liegen. Foto: DRK Zweibrücken
 Vorgarten eines Wohnhauses, blau beleuchtet durch das Sondersignal des Zweibrücker DRK-Fahrzeugs.
Vorgarten eines Wohnhauses, blau beleuchtet durch das Sondersignal des Zweibrücker DRK-Fahrzeugs. Foto: DRK Zweibrücken
 Die Zweibrücker Helfer müssen teilweise den Eindruck gehabt haben, dass sie durch ein Kriegsgebiet fahren. Das Hochwasser schob in dieser Straße in Bad Neuenahr mit ungeheurer Kraft Autos übereinander wie Spielzeug. Die Einsatzkräfte konnten die Straße überhaupt nur passieren, weil ein Berge-Panzer der Bundeswehr sie im Vorfeld notdürftig geräumt hatte.
Die Zweibrücker Helfer müssen teilweise den Eindruck gehabt haben, dass sie durch ein Kriegsgebiet fahren. Das Hochwasser schob in dieser Straße in Bad Neuenahr mit ungeheurer Kraft Autos übereinander wie Spielzeug. Die Einsatzkräfte konnten die Straße überhaupt nur passieren, weil ein Berge-Panzer der Bundeswehr sie im Vorfeld notdürftig geräumt hatte. Foto: DRK Zweibrücken

Die Zweibrücker Helfer haben die Aufgabe, das Trinkwasser in mehreren Orten an Menschen zu verteilen, die derzeit von der Versorgung abgeschnitten sind.