Hitlers unbekannter Todfeind

Regisseur Oliver Hirschbiegel (57) widmet sich nach seinem Film „Der Untergang“ wieder der Geschichte des NS-Regimes. „Elser – Er hätte die Welt verändert“ erzählt die wahre Geschichte des missglückten Attentats auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller. Der Film porträtiert den Attentäter Georg Elser (1903-1945) und zeigt die Verhöre durch die Gestapo nach seiner Verhaftung. Bis in die Neunziger Jahre waren der Widerstandskämpfer Elser und seine Geschichte der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Merkur -Mitarbeiter Martin Schwickert hat mit Regisseur Oliver Hirschbiegel über den Film gesprochen.

Georg Elser ist im Gegensatz zu den Verschwörern um Graf von Stauffenberg erst spät in die deutsche Gedenkkultur eingegangen - warum?

Hirschbiegel: Das hat mit seiner sozialen Herkunft zu tun. Stauffenberg kam aus der Oberschicht und operierte in einem Umfeld der gesellschaftlichen und militärischen Elite. Ähnliches gilt für die Geschwister Scholl, die aus akademischen Kreisen stammten und als Gruppe agierten. Elser hingegen war ein Einzeltäter, gehörte der Arbeiterklasse an - und die hat meistens keine gute Lobby. Man konnte sich nie richtig erklären, wie ein Mann wie er mit einer großen Präzision diese Bombe gebaut hat. Und so wurde Elser über Jahrzehnte hinweg als versponnener Sonderling einsortiert.

Dabei hat er schon im Jahr 1938 erkannt, dass Hitler gestoppt werden muss.

Hirschbiegel: Elser war hellsichtiger als viele andere. Er gehört zu den Wenigen, die damals schon gesehen haben, wohin der Nationalsozialismus führt. Und er hat das Land nicht verlassen, sondern wurde aktiv. 1938 sind fast alle Deutschen im Taumel. Österreich wird Teil des Reiches. Das Sudetenland wurde annektiert. Deutschland hat die modernste und schlagkräftigste Armee der Welt. Die Wirtschaft boomt. Die Autobahnen sind gebaut. Vorgeblich geht es den Deutschen besser. Dass sich da einer hinstellt und sagt: "Das geht so nicht. Das wird das Grauen." Das ist bemerkenswert und hält allen, die damals die Situation nicht wahrhaben wollten, den Spiegel vor. Dieses Empfinden der Peinlichkeit ist vielleicht auch ein Grund, warum Elser in der Geschichtsschreibung so lange außen vor blieb.

Eine der Quellen des Films sind die Verhörprotokolle der Gestapo . Wie vorsichtig muss man mit dem Material umgehen?

Hirschbiegel: Diese Verhörprotokolle sind erstaunlich akkurat. Das ist ja das Irritierende an diesen Leuten. Die halten schon gewisse Regeln ein. Die Nazis haben unglaublich minutiös festgehalten, was Elser gesagt hat. Sätze wie "Ich bin ein freier Mensch gewesen" stehen genau so im Verhörprotokoll. Aber es gibt natürlich auch noch eine Vielzahl anderer Quellen, wie etwa die Aussagen der Familienangehörigen. Einer von Elsers Neffen hat seit früher Jugend unermüdlich dafür gekämpft, dass sein Onkel rehabilitiert und als Widerstandskämpfer anerkannt wird.

Ein historischer Spielfilm lebt von der Dramatisierung des tatsächlichen Geschehens. Wieviel Fiktion hat sich in diesem Prozess ins Faktische gemischt?

Hirschbiegel: Ich wollte möglichst wahrheitsgetreu erzählen. Wenn etwas dazu erfunden wurde, geschah das nur, um ein plastischeres Bild der authentischen Figur zu entwerfen. Aber an manchen Punkten weiß man eben nichts. Da muss man dann zwischen den Zeilen lesen und ein bisschen was erfinden. Wir wussten, dass der Elser die Frauen mochte und dass die Frauen ihn mochten. Viele Fotos zeigen, dass er seinem Äußeren eine große Aufmerksamkeit gewidmet hat. Seine Anzüge sitzen besser als die der Anderen. Er hatte immer ein Einstecktuch im Jackett. Solche Details erzählen viel über einen Menschen. Elser war ein cooler Stenz und ein Freidenker.

Interessant an Elser ist auch, dass sein politisches Gewissen unabhängig von einer Ideologie oder Religion entstand.

Hirschbiegel: Ich würde das nicht unbedingt "politisches Gewissen" nennen. Elsers tiefste Überzeugung ist, dass jeder Mensch frei sein muss und dass jede Form von Unterdrückung aufgehalten werden muss. Deshalb sagt er: "Ich muss da etwas tun." Er handelt wertfrei und ohne Eigennutz. Er weiß, dass Hitler gestoppt werden muss, um vielen Menschen das Leben zu retten. Damit ist er der klassische Tyrannenmörder.

Wie definiert sich der Begriff des Tyrannenmörders?

Hirschbiegel: Der Tyrannenmörder, so wie ihn die Philosophie beschreibt, will den Menschen keine eigene Ideologie aufzwingen, sondern den Tyrannen ausschalten, weil der sein Volk verrät und ausbeutet anstatt es zu schützen. Im Grunde ist Elser ein Seelenverwandter von Edward Snowden . Der will uns auch keine politische Idee verkaufen, sondern hat es einfach in sich und sagt: "Das darf nicht sein. Hier werden alle Bürgerrechte beschnitten, und das ist eine grausame Form von Entrechtung und Freiheitsberaubung." Es gibt Zehntausende, die das, was Snowden weiß, wissen. Aber nur er setzt seine Existenz aufs Spiel, um das anzuprangern. Solche Menschen bewundere ich zutiefst für ihren Mut.

"Elser" startet morgen in der Camera Zwo (Saarbrücken).

Zum Thema:

Auf einen BlickDie anderen neuen Filme der Woche: Das Saarbrücker Filmhaus zeigt die Doku "Die Reise zum sichersten Ort der Erde" über die Atomkraft und die australische Komödie "Der kleine Tod", die sich episodisch und etwas zotig dem Thema Orgasmus widmet. In der Camera Zwo läuft "Cake" mit Jennifer Aniston , die eine Frau spielt, die nach einem schweren Unfall wieder zurück ins Leben findet. Durchwachsen ist die Komödie "Halbe Brüder" mit Rapper Sido als Biedermann auf der Suche nach einer Erbschaft. red