Historischer Verein : Besatzungskinder waren lange ein Tabu

Der Historiker Michael Martin stellte beim Historischen Verein Zweibrücken das Thema „Ich bin ein Besatzungskind… Kinder des Krieges – Kinder der Liebe“ vor.

„Ich bin ein Besatzungskind… Kinder des Krieges – Kinder der Liebe“ lautete der Vortrag, für den Michael Martin auf Einladung des Historischen Vereins aus Landau in den Kapellenraum der Karlskirche gekommen war. Der promovierte Historiker betrachtete das Thema, das während und nach des Zweiten Weltkrieges, sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich, ein großes Tabu war.

Jedes Land ging mit dieser „Problematik“ anders um. Entstanden Kinder in Deutschland durch ausländische Soldaten, kannten die Nationalsozialisten wenig Gnade. Im Dritten Reich wurden nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Besatzungskinder, besonders dann, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe auffielen, einfach zwangssterilisiert. So sollte verhindert werden, dass sich diese „unreinen“ Menschen später fortpflanzen konnten. Alleine ein Arzt in Landau, wie Michael Martin herausfand, habe damals etwa 1000 Menschen zwangssterilisiert. „Da kommt man schon auf erschreckende Zahlen“, fasste Martin zusammen.

Aber: „Die Besatzungskinder gab es natürlich nicht nur bei uns, sondern auch dort, wo deutsche Soldaten waren“. In Frankreich, so erklärte Martin, entstanden diese jedoch überwiegend nicht aus Vergewaltigungen, sondern tatsächlich aus Liebe. „Das passte allerdings nicht gut in das Raster, darum wurde das Thema in Frankreich lange tabuisiert.“

Für die Frauen, insbesondere in ländlichen Gebieten, war das nach dem Abrücken der Soldaten aber ein großes Problem. Sie wurden kahlgeschoren und durch das Dorf geschleift oder mit dem Hakenkreuz versehen. Manche brachten ihre Kinder bei Familienmitgliedern außerhalb des Dorfes unter. 20 000 Kinder dürften es in etwa sein, die in der französischen Zone auf die Welt kamen, wie der Historiker schätzt.

Die französischen Behörden mussten sich nach Kriegsende ebenso mit dem „Problem“ befassen, wie die deutschen. Und so entstanden Rücknahmeangebote der Soldatenkinder in das Herkunftsland des Vaters in Form von Adoptionen. Deutsche Jugendämter hatten sogar eine Meldepflicht ans Militär, sobald ein Besatzungskind zur Welt kam. Alles wurde akribisch erfasst, unter höchstem Verschluss natürlich. Diejenigen, die nach dem Krieg auf die Welt kamen, hatten eine besondere Tragik, wurden doch zunächst keinerlei Informationen über ihre Herkunft herausgegeben, wie Martin weiter erklärte.

Das Thema war lange ein Tabuthema. Ausgerechnet die Musikband Abba brachte es in der Popmusik unter, war doch das Bandmitglied Anni-Frid Synni Lyngstad Tochter eines deutschen Wehrmachtsoldaten. Die Jugendzeitschrift „Bravo“ machte das Thema 1977 groß auf. Bis weiter über das bis dahin recht verschwiegene Thema berichtet wurde, vergingen weitere Jahre. In den 90ern befasste sich auch das Fernsehen damit. Seitdem ist es für Betroffene leichter, sich zu äußern und Herkunftsfragen auf den Grund zu gehen, wie Martin erklärte.