Bernhard Bonkhoff referierte beim Historischen Verein Zweibrücken : Eine Prüfung auf Herz und Nieren

Über das evangelische Gemeindeleben im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken zur Reformationszeit berichtete Bernhard Bonkhoff beim Historischen Verein Zweibrücken.

Wer sich für den gesellschaftlichen Zustand, also das Leben der Menschen zu einer bestimmten Zeit in einem ausgesuchten Gebiet, interessiert, muss auf schriftliche Quellen zurückgreifen können – je mehr, desto besser. Doch je länger die Ereignisse zurückliegen, desto dürrer wird die Faktenlage. Der renommierte Kirchenhistoriker und ehemalige Großbundenbacher Pfarrer Bernhard Bonkhoff, widmet seine aktuellen Forschungen dem evangelischen Gemeindeleben in der Pfalz zur Reformationszeit. Sein Buch „Kirchenvisitationsprotokolle des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken“ stellte er nun dem Historischen Verein Zweibrücken bei einem sehr gut besuchten Vortrag im Kapellenraum der Karlskirche vor.

Diese sogenannten Kirchenvisitationsprotokolle sind Niederschriften über alle Gemeinden, „der Griff ins volle Leben“, wie Bonkhoff schmunzelnd feststellte. Die Schriften sind nicht leicht zu lesen. „Man muss es sprechen, um es zu verstehen“, erklärte der Referent. „Es ist geschrieben, wie es gesprochen wurde. Wer Dialekt kann, versteht vieles besser.“

Die Kirchvisitationen waren nicht nur eine kirchliche Aufgabe, sondern ein Akt der staatlichen Ordnung – der Obrigkeit. Es war eine gemischte Kommission, die da von Gemeinde zu Gemeinde zog, um den dortigen Ist-Zustand zu erforschen. Kirchenvertreter, Schreiber und Juristen untersuchen die Amtsführung und den Wandel der Geistlichen, den Zustand des Unterrichts, die Verwaltung des Kirchenvermögens, die Führung der Kirchenbücher sowie den religiösen und sittlichen Zustand der Gemeinden. „Das entspricht nicht immer dem Soll-Zustand. Aber wir kochen zu Hause ja auch nicht immer, wie es im Kochbuch steht“, verglich Bonkhoff.

Die Prüfung begann mit einem Gottesdienst, ging weiter mit der Prüfung der Jugend, also den Kenntnissen der zehn Gebote und des Glaubensbekenntnisses. Auch der Pfarrer wurde „verhört“ und die Gemeindevertreter angehört. Die nahmen dann auch kein Blatt vor den Mund und berichteten brühwarm über eventuelle „Hurerei“, „Völlerei“ oder wie der Pfarrer es denn so mit Wahrheit hielt.

Im Prinzip drehte also ein Ermittlungskommando den Ort auf links. Und wenn alles herausgefunden war, wurde die Gemeinde erneut zusammengetrommelt und die gesammelten Erkenntnisse über alles und jeden wurden „schön serviert“, wie Bonkhoff es ausdrückte.

Wir erfahren aber auch allzu Menschliches über die Einwohner: Wer trinkt zu viel? Wer ist gewalttätig gegen Frau und Kinder, gegen Magd und Knecht? Wer bleibt gerne dem Gottesdienst fern? Gibt es Aberglaube oder Hexen? „Den Überführten wurde angedroht, dass sie im Wiederholungsfall ins Gefängnis müssen“, so der Referent.

„Die Kirchenvisitation ist auch eine Art Skandalchronik“, erklärte Bonkhoff. So wurde auch der berühmte Hornbacher Pfarrer, Hieronymus Bock, im Jahr 1544 bei einer Visitation befragt. Ihm war von der Gemeinde vorgeworfen worden, keinen Teufelsexorzismus bei der Taufe der Kinder anzuwenden. Doch das war nicht allen recht. Und so ließ sich Bock nachweislich breitschlagen, gegen die eigenen religiösen Überzeugungen und auch offiziellen Richtlinien, einen Taufexorzismus durchzuführen. „Aus Angst, dass der Vater mit dem Säugling zur religiösen Konkurrenz geht“, führte Bonkhoff aus.

„Kirchenvisitationsprotokolle des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken, Band I: 1538-1555“, Bernhard Bonkhoff (Herausgeber). Schriften des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf 2019, 262 Seiten, 19,80 Euro. Im ersten Band der geplanten Trilogie sind acht Kommissionsberichte der Oberämter abgedruckt: Lichtenberg 1538 und 1544, Meisenheim 1539 und 1553, Zweibrücken 1544, Neukastel 1545, Bergzabern 1553 und Zweibrücken/Lichtenberg/Meisenheim/Neukastel 1555.