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Herz und Verstand musikalisch ansprechen

Herz und Verstand musikalisch ansprechen

Zweibrücken. Hartmut Doppler, Chorverbandspräsident der Pfalz, hat seit der 150-Jahrfeier in Kaiserslautern 2010 strukturelle Veränderungen mit auf den Weg gebracht. Der Chorverband soll effektiver arbeiten, strukturell schlanker auftreten und seine Bemühungen bei der Aus- und Fortbildung von Chorleitern und Erziehern verstärken. Im Vorfeld der Verbandstagung in Zweibrücken am Sonntag hat er mit Merkur -Mitarbeiter Kai-Uwe Hunsicker gesprochen.



Mit Blick auf die Nachwuchsförderung: Womit bringen Sie junge Menschen in Kontakt mit der Musik ?

Doppler: Chorgesang und das Singen generell findet heute unter ganz anderen Bedingungen statt wie noch in den 60er oder 70er Jahren. Heutzutage ist der Wettbewerb in der Freizeit wesentlich größer, die Kinder und Jugendlichen haben viel mehr Auswahl und Möglichkeiten, wie sie sich beschäftigen. Hinzu kommen die Umwälzungen im Schulsystem: G8 an Gymnasien, die Zusammenlegung von Schularten und die Ausweitung von Ganztagskonzepten. Als Verband, dessen Mitglieder sich ehrenamtlich einsetzen, haben wir deswegen beschlossen, schon in den Kindertagesstätten das Thema Musik mehr in den Blickwinkel zu bringen: Wir fördern gezielt die musikalische Ausbildung von Erziehern und Lehrern. Dabei geht es im Kern darum, Kinder schon von Grund auf mit zeitgemäßen Konzepten und Darstellungsweisen sowohl an das Thema Musik heranzuführen als auch zu binden.

Der veränderte Alltag und die moderne, sehr durch Arbeit geformte Welt machen ja auch vor den Erwachsenen nicht halt. Wie reagiert der Chorverband an dieser Stelle?

Doppler: In erster Linie geht es hier darum, Bewusstsein und Begeisterung zu wecken. Wer selbst aktiv in einem Chor singt, Stimmbildungsseminare belegt und Lieder kennenlernt, der gibt das als Elternteil fast schon automatisch an die eigenen Kinder weiter: Es wird gelesen und gesungen beim Zubettgehen oder bei den alltäglichen Ritualen. Die Förderung der Laienkultur durch professionelle und zum Teil wirklich anspruchsvolle Seminare ist heute ein ganz wesentlicher Faktor für uns bei der Weiterentwicklung des Verbandes und seiner Mitglieder.

Welche Wirkung zeigen Ihre Maßnahmen denn konkret?

Doppler: Ich kann in jedem Fall sagen, dass wir das Tal der Tränen, zumindest mal als Chorverband der Pfalz , durchschritten haben. Die Musik und das Chorwesen als solches leben weiter, indem wir als Verband Chöre dazu auffordern, ihr Repertoire zu erweitern. Außerdem unterstützen wir sehr die Neuformation von Chören, die mit neuen Formen der Darstellung ins Feld gehen und unter die Menschen: Sie greifen Texte aus Musicals auf, orientieren sich mehr an jüngeren Klassikern wie Songs der Beatles oder setzen gar Verschmelzungen, wenn elektronische Beatmusik mit klassisch orchestralen Klängen zusammenwirkt. Hierzu gehört auch das Aufgreifen anderer Elemente und Traditionen, ich denke dabei an Gospel oder Liedgut, das von einem spirituellen Kern her lebt. Damit gelingt es heute gut, Herz und Verstand musikalisch anzusprechen und die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen: im Zeitgeist. Beispielhafte Arbeit leisten Chöre im Jugendbereich wie die Südpfalzlerchen Herxheim mit Klaus Eichenlaub, Juventus Vocalis Dannstadt mit Judith Janzen oder der Südwestpfälzische Kinderchor mit Bernhard und Christoph Haßler und im Erwachsenenbereich sind es beispielsweise die Jungen Chöre in Zweibrückens Stadtteil Niederauerbach mit Wolf-Rüdiger Schreiweis, in Donsieders mit Achim Baas, in Zeiskam mit Sandra Kammann und Helge Günther oder in Offenbach/Queich mit Andrea Braun.

Was ist Ihnen besonders wichtig, wenn Sie mit Blick auf den Chorverband in die Zukunft schauen?

Doppler: Unsere Generation muss den Weg bereiten, dass die Idee Chor weiter besteht, innig gelebt wird und dass die Menschen weiterhin singen. Die Musik ist ein ganz zentrales Element unserer Kultur, die sich am Menschen und mit ihm entwickelt und besteht. Für uns alle ist ja letztlich wichtig, was man erlebt hat am Ende, gerade auch wenn man wie ich als älterer Mensch zurückblickt auf das Gewesene.

Und hier bleibt zu sagen: Musik überwindet Grenzen und schafft Verbindungen, auch über Nationalitäten und Sprachen hinweg. Das meine ich ganz konkret: Ich stand einmal mit meiner Frau in Japan, in Tokio, um es genauer zu sagen, vor dem Kaiserpalast. Wir waren deutlich unter allen Anwesenden als Europäer und Deutsche zu erkennen. Plötzlich kam eine junge Japanerin auf uns zu. Sie war auf uns aufmerksam geworden offenbar. Und nach wenigen Sätzen begann diese dann in einer klaren und festen Stimme das Lied "Sah ein Knab ein Röslein stehn" zu singen. Das muss man sich mal vorstellen: ein deutscher Klassiker aus der Sammlung des Paul von der Aelst aus dem Jahre 1602, gesungen von einer japanischen Studentin mitten am Tag in einem asiatischen Park. Das war eine zutiefst anrührende Szene, aber genau das leistet Musik : Sie verbindet Jung und Alt, wirkt überall und macht einfach froh. Grund genug, dass wir uns ihrer weiterhin widmen.