Helmut Seebach - „Schweizer – Pfälzer – Palatines“ Wie viel Schweiz steckt in der Pfalz?

Zweibrücken · Der siebte und letzte Band von Helmut Seebachs Reihe zu den kulturellen Folgen der Schweizer Reformation für Europa und Pennsylvania beschreibt unter anderem die Sprache der Kolonisten.

 „Schweizer – Pfälzer – Palatines“ heißt das Werk des pfälzischen Volkskundlers Helmut Seebach.

„Schweizer – Pfälzer – Palatines“ heißt das Werk des pfälzischen Volkskundlers Helmut Seebach.

Foto: Helmut Seebach / Bachstelz-Verlag/Helmut Seebach

Bis in die etablierte Historiografie der Pfalz und ins allgemeine pfälzische Geschichtsbewusstsein hat es die Erkenntnis des bekannten Volkskundlers Helmut Seebach noch immer nicht geschafft, nämlich dass der typische Pfälzer ein halber Schweizer und die Pfalz, wie wir sie heute kennen, ethnisch und kulturell vor gerade 350 Jahren entstanden ist. Gut, mit dem halben Schweizer, also den 50 Prozent, will es der Autor nicht so genau nehmen, die Fakten aber sind für Seebach unumstößlich.

Der in Queichhambach lebende und arbeitende Volkskundler beruft sich auf die Ergebnisse seiner vor 40 Jahren begonnenen Forschungen, die er in bisher sechs Büchern niedergelegt hat. Das diese Reihe beschließende siebte Buch ist jetzt erschienen: „Schweizer – Pfälzer – Palatines“, mit dem Untertitel „Dokumentation und Analyse eines populären Missverständnisses“.

Dieses Missverständnis ist vor allem die Auffassung auch namhafter pfälzischer Historiker, dass es „eine ungebrochene Kontinuität“ von den Urpfälzern in der fränkischen Zeit, also vor 1200 Jahren, bis heute gäbe. Aber dazwischen war der Dreißigjährige Krieg (1618 - 1648), und seitdem gibt es die alte Pfalz nicht mehr, sie ist unwiederbringlich untergegangen, gibt Seebach zu bedenken.

Ein Zeitzeuge, der Gelehrte und Dichter Balthasar Venator (1594 - 1664), schreibt in einem Brief aus dem Herzogtum Zweibrücken: „Elend überall, wohin du schaust…Fürwahr, nirgends findet sich etwas, was den Verheerungen bei uns ähnlich oder gleich gelten könnte, da weit und breit die Weiler und einzelnen Häuser abgebrannt oder zusammengefallen sind, und sind noch welche erhalten, so findet man in ihnen nichts als wertloses Spinnengewebe, keinen Menschen, nicht Hund, noch Ratte. Die furchtbare Öde hat allenthalben jeglichen Ton, jegliches Geräusch verbannt, und diese Menschenleere wurde nicht sowohl durch eine allgemeine Flucht der Bevölkerung hervorgerufen, als vielmehr durch eine Art Ausrottung des menschlichen Geschlechts in diesen Gegenden…“. Balthasar Venator war Hofmeister des Zweibrücker Herzogs Johann II.

Nach der zerstörerischen Zäsur des Krieges stießen Schweizer Auswanderer – „Hunger-Wirtschafts- und Religionsflüchtlinge in persona“ – in diese Leere. Neuere Schweizer Forschungen sprechen „von einem Strom von Auswanderern, vornehmlich aus der reformierten Schweiz, dessen Umfang man sich heute kaum mehr vorzustellen vermag. Man kann in der Pfalz stellenweise fast mit einer völligen Neubesiedlung rechnen“. In die linksrheinische Pfalz, so schreibt Seebach, „sind zwischen 1650 und 1750 circa 30 000 Schweizer eingewandert“. Noch heute erinnern viele Familiennamen daran: Bächle, Berner, Brünesholz, Flickinger, Hunsicker, Sutter oder Zinsmeister sind Beispiele – sowie Namen, die auf -i oder -y enden: Ludy, Stucki, Ruby, Roschy.

Die Schweizer Einwanderer haben aber nicht nur das ausgeblutete Land neu belebt, sondern auch ihre Lebenskultur mitgebracht. Und diese – von der fortschrittlichen Landwirtschaft mit neuen Methoden, wie sie vor allem die Mennoniten um Zweibrücken praktizierten, über den Hausbau, über Handwerk, Kleidung und Brauchtum, von dem Relikte noch im Bliestal lebendig sind, ja bis zur Ernährung, – hat die wiederbesiedelte Pfalz geprägt und eine neue Identität geschaffen.

Natürlich wissen die Pfälzer Geschichtswissenschaftler von der Schweizer Einwanderung und man erkannte auch, „dass diese eine Fülle außerordentlich bedeutungsvoller Fragen in sich birgt, die den Hístoriker und Kirchengeschichtler ebenso ansprechen wie den Volkswirt und Volkskundler“, aber die Fragen sind nie aufgegriffen und beantwortet worden. „Dabei ermöglicht erst ein ganz anderer Standpunkt eine völlig neue Sicht auf die Dinge und eine fundamental andere Einschätzung“.

Einer der wenigen, die die Bedeutung solcher Forschungen erkannt haben, war Dr. Fritz Braun (1905 - 1976), dem Helmut Seebach auch sein neues Buch gewidmet hat. Fritz Braun war Leiter der Heimatstelle Pfalz, aus der das heutige Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde hervorgegangen ist.

Aber nicht alle Schweizer hielt es für immer in der Pfalz. Zeitgleich mit Pfälzer Auswanderern verließen viele Ende des 17. und anfangs des 18. Jahrhunderts die Heimat, zogen vor allem in die USA, ins heutige Pennsylvania. Dort fanden sie, wie die Pfälzer, die Palatines, ihren zweiten neuen Lebensraum. Da ihr „Schwiizer Dütsch“ als deutscher Dialekt angesehen wurde, waren auch sie Palatines, und so wurde dieser Begriff im Amerikanischen bald zum Synonym für alle süddeutschen Einwanderer – ein Missverständnis.

Als Volkskundler beschäftigt Seebach sich auch mit der Sprache, mit den Folgen der Schweizer Reformation, mit Ritzzeichen der Glaubensflüchtlinge in Fels und Haus, er zitiert literarische Stimmen zu den pfälzischen Auswanderern von Daniel Defoe (Robinson Crusoe) bis zum deutschen Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse, schildert seine Begegnungen mit „Gegenwelten“ und schließt mit einem mehr als 60-seitigen Anhang von Wolfgang Jung „Zur Geschichte der Täufer im 16. und 17. Jahrhundert in der Pfalz“.

Und so lautet schließlich Helmut Seebachs Fazit: „Die Pfalz als Kultur- und Brauchlandschaft ist eine Tochtergründung von Schweizern. Die Pfalz war Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts eine fast reine Schweizer Kolonie ... Jede auffallende volkskundliche Erscheinung in der Pfalz und in Pennsylvania finden wir irgendwo auch in der Schweiz, bis hin zu scheinbar abseitigen Details“.

Übrigens: Die ethnische Vielfalt des Landes am Rhein hat auch Carl Zuckmayer sehr bewegt, sprach er von ihm doch als von der Völkermühle, der Kelter Europas. Darüber lässt er in seinem Schauspiel „Des Teufels General“ General Harras so wunderbar plaudern, dass ihm Szenenbeifall sicher ist.

Helmut Seebach, „Schweizer – Pfälzer – Palatines / Dokumentation und Analyse eines populären Missverständnisses“, 228 Seiten, illustriert, Literaturverzeichnis, Bildnachweis, Ortsverzeichnis, Hardcover, Bachstelz-Verlag, Mainz-Gonsenheim, 29,80 Euro.

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