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Kinderpflegedienst : Hängepartie ums Haus Bickenalb

Kinderpflegedienst : Hängepartie ums Haus Bickenalb

Das Land gewährt dem Kinderpflegedienst bisher keine Zulassung als Klinik. Daran hängt viel Geld.

Eine hiesige Pflegeeinrichtung für kranke Kinder, in der auch viele frühere Angestellte des Evangelischen Krankenhauses Arbeit finden – das war die Hoffnung, die der Karlsruher Kinderpflegedienst vor rund anderthalb Jahren in Zweibrücken säte. Das Unternehmen hatte schon dem LVIM 2016 angeboten, das Evangelische zu übernehmen und seine Klinikpläne dort umzusetzen, kam aber nicht zum Zuge. Dann sollte das Konzept in kleinerem Maßstab im Haus Bickenalb bei Mittelbach realisiert werden, nachdem der LVIM dieses Pflegeheim aufgegeben und als Mieter aus dem städtischen Eigentum ausgezogen war. Der Kinderpflegedienst mietete sich zu Jahresbeginn ein, schleifte das Parkett ab, verlegte neuen Böden, zog Wände ein, investierte in Büromöbel und ließ eine Machbarkeitsstudie für sein Projekt erstellen, rund 100 000 Euro kostete das laut Unternehmen.

Doch jetzt steht der Kinderpflegedienst in Zweibrücken am Scheideweg, das erhoffte deutschlandweite Leuchtturmprojekt steht in den Sternen. Gearbeitet werden kann dort nicht, die Zweibrücker Angestellten müssen nach Karlsruhe pendeln. In das Gebäude wurde schon eingebrochen (wir berichteten), Spaziergänger berichteten von Jugendlichen, die sich dort herumtrieben.

Vorgesehen ist eine stationäre Einrichtung für zu beatmende Kinder, ein Reha-Zentrum, Weaning-Station (die Entwöhnung von einer Beatmungsmaschine), ein Hospiz mit Feriengestaltung und ein ambulanter Intensivpflegedienst für schwerkranke Kinder. Das Problem: Insgesamt neun Millionen Euro würde der umfangreiche Umbau des Hauses kosten. Eine Investition, die für das Unternehmen aktuell zu unsicher ist, weil sowohl Stadt als auch Land noch nicht die notwendige Sicherheit und Unterstützung geben, wie es Achim Momm umschreibt, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Berater des Projektes.

Aktuell liefen die Vorarbeiten für das Bebauungsplanverfahren. Fast 170 000 Euro würden den Kinderpflegedienst die Baupläne inklusive Rettungs-, Notfallkonzept und Lärm- sowie Staubbelastungsgutachten kosten, auf deren Basis die Stadt über eine Genehmigung entscheiden soll. Fast die Hälfte des Gebäudes, die nachträglich angebaut wurde, soll abgerissen und durch einen Glasanbau ersetzt werden. In dem Zuge soll das Haus Bickenalb einen Innenhof und darüber auch eine neue Patientenzufahrt erhalten. Teile stünden zu nahe am Hang und seien nie saniert worden, weshalb sie verfault und marode seien, schildert Momm und betont: „Das Gebäude soll in seiner Würde und Herrlichkeit erhalten bleiben.“ Auch sei angedacht, wieder eine Turbine in den unter dem Haus vorbeiführenden Bickenalb-Kanal zu installieren, um Strom zu erzeugen. Die Einrichtung soll in drei Schritten saniert und abschnittsweise vergrößert werden. Man rechnet mit einer Bauzeit von zwei Jahren.

Die Stadtverwaltung habe bereits signalisiert, dass die vorgelegten Ideen nicht so ohne Weiteres genehmigungsfähig seien. Etwa weil das Gelände in einem Trinkwasserschutzgebiet liege oder nahe des Gebäudes der Eisvogel vorkomme. Kurios indes: Das Haus wird mit Heizöl versorgt, das in nebenstehenden Tanks lagert. Die weisen keine vorgeschriebene Ölwanne auf – die Gefahr einer Verunreinigung scheint also gegeben. Und zwar nicht nur für den Fall eines extremen Hochwassers durch die unmittelbar daneben verlaufende Bickenalb.

Ein noch größeres Problem des Kinderpflegedienstes liegt aber fernab der Baumaßnahmen: Aktuell darf in dem Gebäude nur ein Pflegeheim betrieben werden, das gerade nicht angedacht ist. Für die geplante Klinik braucht das Unternehmen eine entsprechende Zulassung der Einrichtung vom Land und damit den Einzug in den neuen Landeskrankenhausbedarfsplan – sonst könnte die Einrichtung, deren Personalbestand letztlich bei etwa 160 Angestellten liegen soll, sich nicht tragen, schildert Momm. Nur für eine vom Land anerkannte Klinik flössen Zuschüsse. Momm: „Es ist die Herausforderung, dafür zu sorgen, dass  das Vorhaben den Fördervorgaben des Landes entspricht.“

Doch das Land fordere einen Nachweis des Bedarfs für ein solches Projekt nur für Rheinland-Pfalz. Die Macher sehen den auch überregional. Neben bestehenden Patienten aus Rheinland-Pfalz, die derzeit noch von Karlsruhe aus betreut werden, habe man Gespräche mit der Marienhausklinik Kohlhof, der Saarbrücker Winterbergklinik oder einem Krankenhaus in Mannheim geführt – alle könnten jeweils zwei bis drei intensivpflegebedürftige Kinder pro Monat nach Zweibrücken verlegen, sodass der Bedarf gegeben wäre, erklärt Momm. Das würde in den Häusern die Vorhaltung sehr teurer Spezialplätze sparen und eine bessere Zentralbetreuung in Mittelbach garantieren, so der Kinderpflegedienst. 42 Betten sind im Haus Bickenalb vorgesehen.

Dass der Kinderpflegedienst mit seinem Klinikkonzept kein Luftschloss zeichnet, deutet die Unternehmenshistorie an. Als man seine Ambitionen für Zweibrücken Mitte 2016 anmeldete, lag der Personalbestand des es 2012 von betroffenen Eltern gegründeten Unternehmens bei rund 100 Leuten. Mehrere Mitarbeiter des Evangelischen Krankenhauses Zweibrücken schlossen sich ihm nach dessen Aus an. Inzwischen beschäftigt man laut Momm insgesamt knapp 200, von denen viele, teils wegen der stockenden Maßnahmen am Haus Bickenalb nach Karlsruhe pendeln müssen.

Gerade hat das Unternehmen drei Firmen deutschlandweit aufgekauft, ein Berliner Unternehmen just letzte Woche. In einer Studie von Focus und Statista  wurde es als „Wachstumschampions des Jahres 2018“ ausgezeichnet. Zu den 140 festangestellten Pflegekräften zählen etwa 40 bis 50 Honorarkräfte, die aktuell in Teams von fünf bis acht jeweils die Rund-um-die-Uhr-Versorgung von 35 Kindern deutschlandweit sicherstellen.

Auf den Stand der Dinge angesprochen, schreibt das Mainzer Gesundheitsministerium von einem „Orientierungsgespräch“, das es Anfang 2017 mit dem Träger gegeben habe. Der Kinderpflegedienst habe seine Ideen eines Versorgungsangebotes im Haus Bickenalb dargestellt. Ministeriumssprecherin Stefanie Schneider: „Dabei zeigte sich, dass es sich explizit nicht um eine Kinderklinik handelt. Deshalb können auch keine Maßnahmen der Krankenhausförderung greifen.“ Seitdem sei der Kontakt abgerissen.  Hat man da aneinander vorbeigeredet? Auf Merkur-Nachfrage, dass die Karlsruher den Klinikstatus für eine Kinderpflege- oder rehaeinrichtung wollen, sagt Schneider, dafür liege kein Konzept vor, man halte ein solches Angebot auch für unrealistisch.

 Der nach Birkhausen ausgerichtete Gebäudeteil soll der Abrissbirne zum Opfer fallen und durch einen verglasten Bereich ersetzt werden.
Der nach Birkhausen ausgerichtete Gebäudeteil soll der Abrissbirne zum Opfer fallen und durch einen verglasten Bereich ersetzt werden. Foto: Eric Kolling
 Geheizt wird das Gebäude mit Öl, das in Behältern im Freien, neben der Bickenalb, lagert.
Geheizt wird das Gebäude mit Öl, das in Behältern im Freien, neben der Bickenalb, lagert. Foto: Eric Kolling

Die Stadt kennt laut Sprecher Heinz Braun das Dilemma des Kinderpflegedienstes, dort aktuell nicht das Geplante betreiben zu dürfen. Das müsse das Unternehmen aber mit Land und Krankenkassen klären, die Stadt könne da nicht unterstützen. Nachdem das geklärt sei, erwarte man die Umbaupläne, ohne die man  nicht ins Verfahren einsteigen könne. Der Mietvertrag sei bis Sommer 2018 verlängert und könne auch weiter verlängert werden. „Wir haben ein Interesse daran, dass das umgesetzt wird. Es ist uns lieb, wenn dort Arbeitsplätze entstehen. Je mehr, desto lieber“, sagt Braun. Im Rahmen der Möglichkeiten könne der Dienst beim Bebauungsplanverfahren auf Unterstützung der Stadt bauen, sichert Braun zu. „Soweit ist es aber noch nicht.“ Und: „Im schlimmsten Fall kaufen sie das Gebäude nicht. Dann müssen wir einen anderen Interessenten suchen.“  Der Kinderpflegedienst will Anfang 2018 erneut das Gespräch mit dem Land suchen.