Für eine Handvoll Euro

Das Musikprogramm außerhalb offizieller Festivitäten wie dem Stadtfest oder der Feierabend-Reihe ist in Zweibrücken eher spärlich. Der Pfälzische Merkur hat sich die Straßenmusik-Szene einmal angesehen und einen Selbstversuch gestartet.

Jetzt dudelt er wieder. Oder wie man das nennt, was Viktor aus Russland mit seinem Akkordeon tut. "Kalinka" spielt er, "La Paloma", "A la turca", "O sole mio". Und immer wieder "Rosamunde". In Endlosschleife. Wenn es nicht gerade regnet, sieht und hört man ihn dieser Tage oft in der Zweibrücker Fußgängerzone. Breitbeinig auf seinem Holzschemel sitzend, eine blaue Mütze auf dem Kopf. Ein weißes Etwas für Spenden der Passanten vor sich, der rechte Fuß ständig in Bewegung.

Auf Youtube gibt es ein kurzes Video zu der Straßenmusik-Tour zu sehen.

Für den Passanten mag das durchaus zum Flair der Fußgängerzone beitragen. Für Menschen, die hier arbeiten oder leben, sieht es anders aus. Ein wenig wie die Quetschkommoden-Version von "Und täglich grüßt das Murmeltier": Jeden Tag stundenlang die immer gleichen Lieder. Und wieder. Und wieder.

Wenn wenigstens die Zahl der Straßenmusiker in Zweibrücker größer wäre. Ist sie aber nicht. Tummeln sich in - zugegeben größeren - Städten zur Sommerzeit diverse Dauer- und Gelegenheits-Musiker auf den Straßen und Plätzen, die alles von filigraner Klassik bis brachialem Schrummel-Punk bieten, bleibt die Stadt der Rosen und Rösser beim Altbewährten. Meist hat Viktor die Hauptstraße für sich allein. Manchmal ist noch ein konkurrierender Akkordeonist oder ein Klarinettist unterwegs, der schmachtend sein Tonband begleitet - gerne zu "Ave Maria". Vergangenes Jahr verirrten sich zwei junge Menschen in schottischer Kostümierung eines Nachmittags in die Fußgängerzone - das war allerdings in der Vorweihnachtszeit und überhaupt eine mittelgroße Sensation.

Soviel zum Stand der Dinge. Kann man ihn verändern? Seit einigen Tagen können wir sagen: Wir haben es zumindest versucht. Wir, das sind Nico-Romeo Baumann, Tilo Herrmann, und ich. Einen Nachmittag lang haben wir versucht, Zweibrücken straßenmusiktechnisch zu einem besseren Ort zu machen - und dabei einmal zu schauen, wie man sich so fühlt, als Straßenmusiker.

Die Grundfrage ist: Was soll man spielen? Am besten bekannte und simple Songs. Finde ich und schlage Lieder mit wenigen Akkorden und eingängigen Melodien vor - will sagen: eingängig für rockaffine Menschen. "51st State" zum Beispiel, ein wütender Protestsong der britischen Band New Model Army. Er besteht aus genau drei Akkorden (es handelt sich dabei, falls es jemand ausprobieren will, um Am, F und G). Marius Müller-Westernhagens "Dicke" kommt ebenfalls auf die Liste. Denn erstens enthält es nur viereinhalb Akkorde, zweitens hat es einen deutschen Text und drittens hat es jeder schon einmal gehört. Was für Nicos Vorschläge ehrlich gesagt nur eingeschränkt gilt. Darum wollen wir sie hier nicht noch weiter ausbreiten. Bis auf "Hinterland", grandioses Stück Musik des deutsch-amerikanischen Rappers Casper. Unbedingt mal anhören!

Einige Titel schaffen es auch nicht in die Endauswahl. "Boys don't cry" von The Cure zum Beispiel hat zu viele Akkorde und fällt außerdem beim Probenpublikum im s'Bonni durch. Oder Helene Fischers "Atemlos": Plötzlich steht der Verdacht im Raum, sie könne in diesem Lied den Sex mit Florian Silbereisen besingen. Und wenn Nico Baumann das jetzt als Helene Fischer praktisch an Herrn Silbereisen . . . Nee, lieber nicht.

Vier Proben à 70 Minuten brauchen wir, bis wir uns auf die Straße trauen. Denn über Viktors Repertoire kann man denken, was man will, aber er beherrscht es zweifelsfrei im Schlaf. Wer weiß, vielleicht schläft er sogar wirklich beim Spielen.

Das Ordnungsamt legt Straßenmusikern keine nennenswerten Hindernisse in den Weg: Man sollte vorher Bescheid sagen, hieß es, und nicht länger als 30 Minuten an einem Ort bleiben. Das ist zwar im Interesse der Anlieger nett gedacht, angesichts der doch recht übersichtlichen Fußgängerzone eher von symbolischem Wert. Wenn Viktor in die Tasten greift, hört man ihn überall. Egal, wo er gerade sitzt.

Wir beginnen, es geht auf halb Zwei, vor Spielwaren Cleemann. Schön im Schatten, nicht neben einem Straßencafé (die potenziellen Hörer sollen eine faire Chance zur Flucht haben), nicht direkt vor dem Schaufenster (man will ja nicht für eventuelle Mindereinnahmen verantwortlich gemacht werden). Mit den wuchtigen Notenständern, die wir uns aus dem reichhaltigen Fundus des Bonnhoeffer-Hauses geliehen haben, gehören wir rein optisch eher in die Rubrik übertalentierte Musikstudenten. Akustisch nicht so sehr. Ich verliere gelegentlich harmonisch den Faden, Nicos Stimme schlängelt sich phasenweise in kleineren und größeren Bögen um die eigentliche Gesangsmelodie.

So richtig toll fühlt sich das Ganze nicht an. Nicht so sehr, weil wir, obgleich dem Kindergartenalter entwachsen, ohne erkennbaren Anlass öffentlich singen. Sondern wegen der aufgeklappten Gitarrentasche, die wie ein hungriges Fischmaul zu unseren Füßen liegt und sagt: "Gib uns Geld!"

Und - kommt mir das nur so vor, oder ist unser Teil der Fußgängerzone in den letzten Minuten wirklich viel leerer geworden? War das da eben wirklich ein kleiner Hund? Oder doch eher einer dieser Grasbälle, die der Wind im Western durch die Prärie treibt? Die Dinger heißen übrigens, wie ich gerade im Internet gelesen habe, Steppenläufer, auf Englisch "tumbleweed".

Sollten es wirklich welche sein, dann sind es bisher von der Biologie noch nicht beschriebene Arten mit eigenen Bargeldbeständen. Denn die Gitarrentasche füllt sich - nicht nur dank der Kollegen, die sich die ersten 20 Minuten des Spektakels nicht entgehen lassen wollen. Sogar aus dem Spielwarenladen wird ein junges Menschenkind geschickt, das eine Münze hineinwirft. Und zwar nicht mit der Aufforderung verbunden, im Gegenzug anderswo weiterzulärmen. Das beflügelt. Gegeben werden meist Ein- oder Zwei-Euro-Münzen. Besonders gern von Kindern. Denn junge Menschen haben, Eltern wissen das, die lästige Neigung, fasziniert vor jedem Bettler oder Musiker stehenzubleiben und ihm Geld ins Töpfchen werfen zu wollen - nicht das eigene natürlich, sondern das von Mama und Papa. Toll, bei diesem Spiel endlich mal auf der Gewinnerseite zu stehen!

Wir beenden die erste Hälfte unserer Konzert-Tournee mit einem bereits leicht zweistelligen Betrag in der Gitarrentasche. Und dem Vorsatz, Marius' "Dicke" beim zweiten Mal nicht zu spielen. Die Temperatur in unserem Teil der Fußgängerzone war bei diesem Lied spürbar gefallen. Trotzdem aus nicht mit Händen zu greifenden Gründen ein wenig euphorisiert, nehmen wir die Notenständer und ziehen 150 Meter weiter bis zu Musik Müller. Dort versperren wir akustisch einen Flaschenhals in der Fußgängerzone. Hier müssen sie (fast) alle vorbei. Kein Entkommen! Nicht umsonst sitzt hier gewöhnlich alles, was an Straßenarbeitern aller Art in Zweibrücken angeschwemmt wird.

Und es funktioniert. Ahnungslose Menschen biegen um die Ecke und können gar nicht anders, als sich von unseren Tönen umschmeicheln zu lassen. Das Geld sprudelt nicht gerade, aber die Gitarrentasche füllt sich. Ein Pärchen lässt sich sogar gegenüber vor dem ehemaligen Gecko Island nieder. "Darf man sich auch was wünschen?" - "Kommt drauf an." - "Könnt ihr ‚Heart of Gold'?" - "Nee, vielleicht ‚Fields of gold'?" - Kopfschütteln. Vielleicht besser so. "Fields of Gold" hätten wir sowieso nicht gekonnt.

30 Minuten später sind wir ein bisschen heiser und um 27,49 Euro reicher. Vorübergehend, denn das Geld wandert umgehend in die Kasse des Jugendcafés "s'Bonni" im Bonhoeffer-Haus, in dem Nico Baumann ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Wenn man sich die Proben wegdenkt, gar kein schlechter Verdienst - jedenfalls knapp über dem Mindestlohn. Wenn man sich mit dem einmal eingeübten Programm jeden Tag in der Fußgängerzone herumtriebe, vielleicht noch einen Schwenk durch die Nachbargemeinden einbezöge, könnte man so sicher den einen oder anderen Euro verdienen - und den Stundenlohn in unvorstellbare Höhen treiben.

Und wenn sich von diesem Beispiel all die Hobbymusiker in und um Zweibrücken anregen ließen und ein paar Tage pro Jahr mit ihrer Musik vor die Tür gingen, wäre Zweibrücken in Nullkommanix eine Riesen-Nummer am südwestdeutschen Musikhimmel. Und mittendrin, quasi als musikalischer Elder Statesman mit der Quetsche: Viktor.