Fahrstunde in Freiheit

Wer im Gefängnis sitzt, kann keinen Führerschein machen, sollte man meinen. Irrtum. In Zweibrücken geht das. Bislang schon 262 Mal.

Ein leichtes Ruckeln beim Anfahren, eine stark ausgefahrene Kurve: Wenn Kevin Roller den silberfarbenen Astra-Kombi durch Zweibrücken lenkt, wirkt er wie jeder andere Fahrschüler auch. Aber der 24-Jährige, der mit Fahrlehrer Joachim Klein im Auto sitzt, ist kein gewöhnlicher Führerscheinanwärter - er ist Häftling im Gefängnis. Dort dürfen Gefangene unter bestimmten Umständen den Führerschein machen.

Das Angebot ist nach Fahrlehrer Kleins Angaben bundesweit einmalig - und es ist hilfreich. "In einem ländlichen Gebiet kommt man ohne Führerschein gar nicht erst zur Arbeit", sagt der 54-Jährige, der hauptberuflich Vollzugsbeamter in der JVA ist.

Roller, ein schlaksiger Mann, sitzt wegen Einbruchs. Er besucht den aktuellen Fahrschulkurs. Zwei davon organisiert Klein im Jahr. "Wir haben immer 40 bis 50 Bewerber, aber wir können nur 14 auswählen", sagt er. Mehr passen nicht in den Unterrichtsraum mit den vergitterten Fenstern. Interessenten werden genau unter die Lupe genommen. Dabei spielt eine Rolle, was sie ausgefressen haben, wie lange sie noch in der JVA einsitzen müssen und ob sie schon Vollzugslockerungen genießen, denn nur dann dürften sie auch ans Steuer. Wer fahren darf, entscheidet letzten Endes die Führerscheinstelle.

Keine Chance haben Häftlinge , die wegen Gewaltdelikten oder Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte in Haft sind. "Da schüttelt jede Führerscheinstelle den Kopf", sagt Klein. Auch wer wegen Drogen verurteilt wurde, darf vorerst nicht fahren - er muss zuerst in Freiheit ein Jahr abstinent leben und eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung bestehen. Meist keine Probleme gibt es bei Verurteilungen wegen Diebstahls, Einbruchs oder Betrugs. Der klassische Fall des Fahrschülers sei der Jugendliche, der Mist gebaut habe, drei bis vier Jahre absitze und in der Haft eine Ausbildung zum Mechatroniker mache, sagt Klein. "Dem wollen wir den Schein mitgeben."

Geschenkt gibt es den "Lappen" nicht. Die Schüler müssen dafür bezahlen, allerdings weniger als auf dem "freien Markt". So kostet die Knast-Fahrstunde sechs Euro, während sie sonst - je nach Region - mit 30 bis 40 Euro zu Buche schlagen kann. Und die Theorie, die anderswo zwischen 250 und 350 Euro kostet, ist im Gefängnis für 80 Euro zu haben. Im Gegenzug müssen die Häftlinge arbeiten. "Es ist auch ein bisschen Erziehungsarbeit", sagt Klein, der seine Fahrlehrerausbildung beim Bund gemacht hat.

Vor 26 Jahren war an der JVA beschlossen worden, den Gefangenen etwas über Verkehrserziehung zu erzählen, denn viele saßen wegen Fahrens ohne Führerschein ein. Zwei Jahre später tauchte die Frage auf, ob sie nicht auch das Fahren lernen sollten. Um dies zu organisieren, wurde ein Verein gegründet, dessen Vorsitzender heute Klein ist. Seit damals haben in der JVA 262 Männer und Frauen den Führerschein gemacht, 630 machten nur die Theorieausbildung, die ohne Prüfung zwei Jahre gültig ist. "Ob Berufsausbildung oder Führerschein oder Hauptschulabschluss: Wenn die Leute motiviert sind, sind wir in der Pflicht zu helfen", sagt Klein. Besonders motiviert ist in seinen Augen Kevin Roller. Seine 45-minütige Fahrt durch die Stadt hat er ohne Probleme absolviert - begleitet von Kleins Tipps und Ratschlägen. Der 24-Jährige, der seit fast zwei Jahren sitzt, macht nicht nur den Führerschein , sondern auch eine Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter. Die hat er als Lehrgangsbester abgeschlossen. Er hat zwei Drittel seiner Strafe verbüßt und könnte schon raus, aber er will den Führerschein noch machen. Im Januar soll die Prüfung sein.