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Was kommt nach „Islamischem Staat“?: Experte: Ende des IS allein bringt noch keinen Frieden in Nahost

Was kommt nach „Islamischem Staat“? : Experte: Ende des IS allein bringt noch keinen Frieden in Nahost

Kinan Jaeger aus Bonn bot auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik in Zweibrücken einen Blick in eine der international beunruhigendsten Krisenregionen. „Steht der Nahe Osten vor dem Abgrund?“ hieß es in seinem gut 90-minütigen Vortrag in der Versöhnungskirche, den der Politologe und Geograph vor knapp 50 Gästen mit einer Vielzahl an Schaubildern, Fotografien und Grafiken sehr anschaulich bestritt. Jaeger gilt als ausgewiesener Experte zu Fragen des Nahostkonflikts und der internationalen Sicherheitspolitik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen insbesondere Themen rund um die Politik und Kultur Syriens, des Libanon, des Iran und Israels.

Jaeger fand eine gelöste und entspannte Art, um das in vielen Details komplexe Thema seinen Zuhörern geschickt näherzubringen. In Nahost zeichnet sich laut Jaeger für den Islamischen Staat immer klarer eine Niederlage ab. Seine radikal-islamistische Ideologie sei jedoch weiterhin eine Bedrohung für die westlichen Demokratien. „Wir leben in einer Phase von bisher 70 Jahren Frieden in Deutschland, das ist sehr besonders“, verwies Jaeger auf den politischen Unterschied zwischen unserer Kultur und den Staaten im Nahen Osten. Dort bleibe die Lage unklar, vor allem, welche politische Kraft das Machtvakuum mittelfristig ausfüllen wird, sei derzeit nicht auszumachen. Gelingt es Assad etwa, ganz Syrien zurückzuerobern? Oder können die Kurden jetzt die Chance nutzen, die Idee eines eigenen Staates umzusetzen?

Jaeger verwies durchgängig mit wechselnden Perspektiven auf die besondere geopolitische Lage der gesamten Region. Und damit auf die vielen Akteure wie die angrenzende Türkei, Russland, Iran und die Vereinigten Staaten, die jeweils eigene Anliegen verfolgen und daher eine Lösung erschweren. Auch die Außenpolitik Israels und Saudi-Arabiens spielt eine gewichte Rolle in den bestehenden Konflikten.

Fest stehe aber laut Jaeger, dass der südöstliche Mittelmeerrand Hilfe von außen benötige. Er brachte dabei die Idee eines „Marshall-Planes“ für den Nahen Osten ins Spiel: Ein Plan für wirtschaftliche Entwicklung und die Etablierung einer stabilen Infrastruktur also, auf Basis dessen sich die Kulturen vor Ort erholen und eigenständig entwickeln können. Diese sicherlich idealtypische Antwort auf die Flucht so vieler Menschen, die verschiedenen Kriegsschauplätze und neue Auseinandersetzungen ist derzeit fern. Wesentlich näher liegen ganz andere Prognosen, zum Beispiel diese, dass „Syrien wahrscheinlich zerfallen wird“, wie Jaeger anmerkte. Angesichts von 402 Konflikten weltweit in 2016, laut dem Heidelberger Institut für internationale Konflikte, ist die Lage im Nahen Osten nur einer von vielen Unruheherden. Aber gleichwohl derjenige, der durch Anschläge einzelner Terrorzellen am meisten die innere Sicherheit westlicher Demokratien beeinflusst.