Es ist ein Monster!

Das durch Crowdfunding-finanzierte Rollenspiel „Pillars of Eternity“ verbeugt sich tief vor dem Ahnherrn „Baldurs Gate“. Es bietet dem Spieler klassische Rollenspielkost mit vielen Aufgaben, vielen Möglichkeiten – und viel Text.

Mann oder Frau? Mensch, Aumaua, Zwerg, Elf, Orlaner oder Gottähnlich? Von welcher Unterrasse? Und welche Klasse: Barbar, Medium, Kämpfer, Paladin, Waldläufer, Sänger, . . . ? An dieser Stelle sollten wir den Charakter-Baukasten von Obsidians Monster-Rollenspiel "Pillars of Eternity" verlassen, denn allein mit der Aufzählung der Optionen am Anfang des Spiels könnte man diesen Text komplett bestreiten.

So vollgestopft ist das Spiel nicht nur mit den Optionen bei der Charaktererstellung - sondern überall: Die Zauber, die ein Charakter lernen, die Antwortmöglichkeiten, die er in den Dialogen hat, sind groß. Überhaupt wird in "Pillars of Eternity" viel geredet und erzählt. Für den Spieler bedeutet das: Lesen , Lesen und nochmals lesen. Denn obwohl einige Dialoge vertont sind, allerdings nur auf Englisch, muss man sich doch das meiste selber zusammenlesen. Häufig muss man das nicht, um in der Geschichte voranzukommen. Aber wer stur alle Dialogoptionen wegklickt, verpasst die komplexe Hintergrundgeschichte um verlorene Seelen. Oder die komplexen Hintergrundgeschichten, die sich hinter den unzähligen Nebenmissionen verbergen. Oder den Geschichten, die einem die eigenen Wegbegleiter erzählen, wenn man mit ihnen spricht.

Natürlich wird nicht nur geredet. Je nach Geschick und Spielstil müssen der Spieler und seine Mitstreiter einige oder sehr viele Kämpfe bestehen. Die kann man, wie seit "Baldurs Gate" gewohnt, mit der Leertaste anhalten, um der Truppe Befehle zu geben. Das ist auch bitter nötig, denn ohne gutes Party-Management und den geschickten Einsatz der Spezialfähigkeiten jedes einzelnen Charakters wird der Trupp schon von mittleren Monstergruppen im Handumdrehen aufgerieben.

Die Mitstreiter sammelt der Spieler entweder im Verlauf seiner Reise ein, oder er bastelt sich beliebig viele in Tavernen oder seiner Festung selber. Diese Festung dient als Basis für die Abenteuer-Touren und kann auf vielfältige Art und Weise ausgebaut werden: Um mehr Geld zu generieren etwa oder um der Party, die dort rastet, alle möglichen Boni für den folgenden Tag mitzugeben.

Einen ungewöhnlichen Weg geht "Pillars of Eternity" in Sachen Erfahrungspunkte. Die gibt es fürs Entdecken von neuen Karten, das Knacken von Schlössern und das Absolvieren von Missionen - aber nicht fürs Monster-Abschlachten. Jedenfalls nicht richtig: Für Monster werden so lange Erfahrungspunkte verteilt, bis alle Fragezeichen im Bestiarium verschwunden sind. Belohnt wird hier also eigentlich das Studieren der Ungetüme.

So gut das alles zusammenpasst, an ein paar Schräubchen hätte man durchaus noch drehen können: Menüs etwa, insbesondere das Händlermenü, sind arg spartanisch geraten, die Vergleichsfunktion könnte komfortabler sein - und einiges ist entweder sehr einfallslos benannt (Waffenname: "Beweglichkeit +1") oder schlecht übersetzt. Aber das ist wirklich auf hohem Niveau gejammert. Alles in Allem ist "Pillars of Eternity" ein würdiger Nachfolger der alten Rollenspiel-Garde à la "Baldurs Gate".

Wertung (Schulnote): 1