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„Es ist alles unglaublich gewachsen“

„Es ist alles unglaublich gewachsen“

Keine Retortenmusik, keine Starallüren – Max Mutzke gilt vielen als sympathischer Typ von nebenan, der sich nicht verbiegen lässt. Angefangen hat seine Karriere 2004 bei Stefan Raabs Casting für den „Super-Grand-Prix-Star“, jüngst war er mit „Welt hinter Glas“ in den Charts. Im Rahmen des Musikfestivals Euroclassic kommt der 34-Jährige am Freitag, 7. Oktober, nach Zweibrücken in die Festhalle. Was die Fans dabei erwartet und einiges mehr verrät er im Interview mit Merkur -Mitarbeiterin Anika Meyer.

Herr Mutzke, viele Casting-Sternchen sind so schnell wieder verschwunden wie sie aufgetaucht waren, Ihre Musik aber läuft noch immer im Radio. Warum glauben Sie ist das so?

Max Mutzke: Ich hatte damals das Glück, dass mein Management nicht auf meinen Erfolg angewiesen war, sondern mich eher als leidenschaftliches Projekt betrachtet hat. Diese Leute wollten meine Karriere solide aufbauen und hatten da richtig Bock drauf. Das passte auch total zu meiner Natur, für mich war immer klar, ich gehe nur an die Öffentlichkeit, wenn ich auch etwas zu Singen habe. So haben wir nur Konzerte mit Niveau gemacht und nur Medien mit gutem Ruf Interviews gegeben. Wir haben auch sehr lukrative Werbeangebote abgelehnt. Dadurch haben wir uns nicht verbrannt im ersten Jahr.

Ein weiterer Punkt ist sicher, dass ich eine Art künstlerisches Fundament habe. Meine Mutter war Schauspielerin, mein Vater, ein Arzt, war mindestens zwei Mal im Monat auf Livekonzerten. Ich habe sehr früh angefangen, Schlagzeug zu spielen, was ich ja später auch zwei Jahre lang studiert habe. Ich habe das früher immer nur als Hobby gesehen, erst später wurde mir bewusst, dass die Musik meinen Alltag bestimmt hat. Mit elf Jahren hatte ich meinen ersten Auftritt und ab dann regelmäßig. Ich glaube, dieses Fundament fehlt vielen. Wenn man ein, zwei Songs gut nachsingen kann, die Musik aber nichts Eigenes, keine Substanz hat, dann merken die Leute das sehr schnell.

Ihre Musik und Ihr ganzes Image passen eigentlich gar nicht zu einem Casting-Show-Kandidaten. Ist Ihnen der Ausgangspunkt Ihrer Karriere unangenehm?

Mutzke: Unangenehm nicht, aber ich denke mittlerweile schon: Hey, ich habe in den letzten zwölf Jahren sieben Alben veröffentlicht und selbst darüber gestaunt, welchen Erfolg ich nach dem ganzen Casting-Hype hatte. Es ist alles unglaublich gewachsen. Ich kann davon leben, das ist ein großes Privileg, für das ich sehr dankbar bin. Deshalb finde ich es etwas ungerecht, wenn man mich noch immer so stark als Casting-Kandidat sieht.

Jazz, Soul, Pop, Big Band, Klassik, deutschsprachig, englischsprachig - Sie lassen sich stilistisch nicht gerne einschränken. Wo geht die Reise in Zukunft hin?

Mutzke: Ich habe mich nach langer Zeit entschieden, mich nicht zu entscheiden - weder bezüglich Musikrichtung noch Sprache oder Besetzung. Ich will einfach auf einer Welle der Energie surfen, die mal schwächer oder stärker, mal aufbrausender oder entspannter ist. Wenn Max Mutzke etwas rausbringt, muss es etwas anderes sein als zuvor, sonst ist es nicht Max Mutzke. Für das nächste Album, das im Herbst rauskommt, arbeite ich mit dem NDR-Radio-Philharmonie-Orchester zusammen. Da steckt sehr viel Klassik drin, die aber durch meine Stimme und meine Songs einen ganz eigenen Charakter bekommt. Das darauf folgende Album, für das ich gerade mit Clueso Songs schreibe, wird ein ganz klares, deutsches Album, unheimlich intensiv in Texten und Sprache, dabei reifer und sehr entspannt. Wenn ich immer wieder das Gleiche machen müsste, das wäre für mich Mangelernährung, ich würde eingehen.

Eine weitere große Leidenschaft neben der Musik sind für Sie Lkw. Warum Lkw?

Mutzke: Das liegt wohl an meiner Herkunft. In dem 200-Einwohner-Dorf im Schwarzwald, in dem ich aufgewachsen bin, waren fast alle Handwerker und Landwirte, und es war ganz normal, dass wir mit dem Traktor oder unserem Unimog gefahren sind. Ein Freund und ich sind sonntagsmorgens oft mit dem Unimog aufs Feld und haben dort gefrühstückt. Wir sind zwar immer nur einen Kilometer weit gefahren, hatten aber das Gefühl, wir wären auf Weltreise. Wir haben uns vorgenommen, mit 18 wirklich eine große Reise zu machen und haben gleich eine Liste angelegt, was wir alles mitnehmen. Diese Liste habe ich immer im Kopf behalten. Allerdings wurde mir klar, dass man etwas Größeres braucht als den Unimog, und das wären dann eben Lkw. Vor zwei Jahren haben mein Bruder und ich festgestellt, dass wir beide diesen gleichen Traum haben. Wir bauen uns nun seit zwei Jahren einen Lkw um, brauchen aber noch mindestens ein weiteres Jahr. Dann geht's erst auf kleine Touren, und wenn das gut läuft, auch auf größere.

Hätte es bei der Musik mit dem großen Erfolg nicht geklappt, sähe Ihr Leben dann heute grundlegend anders aus? Wären Sie vielleicht Lkw-Fahrer?

Mutzke: Nein, das wohl nicht. Ich hatte ja mit 16 nach der Hauptschule erst mal zwei Jahre Musik gemacht. Das war desillusionierend für mich, ich fand es unromantisch und nervig. Ich habe auch gemerkt, dass Musiker ein Sklavenjob sein kann - wenn man nämlich alles machen muss, um zu überleben, auch Musik, die man gar nicht mag. Ich habe dann die Realschule gemacht und später mein Abitur. Und dazwischen kam diese mega Erfolgswelle und hat mich mitgerissen. Ich habe mich dann voll auf die Musik konzentriert. Lange aber war alles offen. Zuerst dachte ich, ich mache etwas Handwerkliches, dann wollte ich mit meinem Realschulabschluss etwas im medizinischen oder sozialen Bereich machen. Dann überlegte ich, nach dem Abi Medizin oder Pädagogik zu studieren. Mit Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, zu arbeiten, das wäre auch etwas für mich gewesen.

Sie geben in der Öffentlichkeit kaum etwas über Ihr Privatleben preis, gleichzeitig offenbaren Sie aber in Ihrer Musik sehr Intimes - so etwa in "Schwarz auf Weiß", in dem es um Ihre große Liebe geht. Wie passt das zusammen?

Mutzke: In Interviews kommentiere ich in der Tat viele Songs nicht, gerade Songs von meinem neuen Album, in denen es um meine Mutter und ihren Tod geht. Das sind sehr intime Dinge. Keine Geheimnisse, die ich hüten wollte, aber ich stelle mich auch nicht vor Journalisten und kommentiere das. Ich will, dass man sich über meine Musik ein Bild von mir macht. Wenn ich beispielweise sehe, dass Kollegen bei Casting Shows als Juroren mitmachen, frage ich mich, warum. Da geht es um Entertainment, um ein ganz anderes Verständnis von Karriere , als ich es habe. Ich lehne solche Anfragen immer ab, weil ich nicht in die Klatsch-und-Tratsch-Ecke will. Wenn Musiker der Aufmerksamkeit hinterherhechten, liefern sie Stoff für die Bunte, Gala oder Bild. Das sind Blätter, in denen ich nicht auftauchen will. Ich will ins Feuilleton der FAZ oder der Süddeutschen. Auf diese Weise laufen einem zwar nicht die Leute hinterher, aber man wird ernst genommen - als echter Musiker und nicht als bloßer Entertainer, der singen kann.

Sie arbeiten immer wieder gerne mit anderen Künstlern zusammen. Wenn Sie völlig freie Wahl hätten, mit wem würden Sie gerne ein Projekt starten?

Mutzke: Ich habe in den vergangenen Jahren festgestellt, dass sich immer wieder tolle Begegnungen ergeben, die man gar nicht forciert. Das war so mit Clueso , den ich wahnsinnig schätze, Carolin Kebekus, für die ich Filmmusik mache, Eko Fresh und verschiedenen Big Bands. Sehr wichtig ist für mich auch Enrique Urgate, ein weltweit erfolgreicher Akkordeonspieler. Auf die wäre ich bei einer solchen Frage nie gekommen. Aber gerade aus solchen nicht forcierten Begegnungen ergeben sich unheimlich fruchtbare Verbindungen und tolle Projekte.

Beim Musikfestival Euroclassic treten Sie nun in Zweibrücken mit der SWR Big Band auf. Was erwartet das Publikum?

Mutzke: Die SWR-Big Band war ja bereits zwei Mal für den Grammy nominiert, ist aber trotzdem eine relativ kleine Big Band. Sie trifft sich aus Leidenschaft und das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen. Man spürt das auf der Bühne. Das Publikum erwarten also eine gut gelaunte Big Band, eine krasse Dynamik und eine hohe Qualität.