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Einmal ins Schwarze, einmal drüber hinaus

Einmal ins Schwarze, einmal drüber hinaus

Ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist diese Woche Zweibrückens Oberbürgermeister Helmut Reichling. In seiner Rede zum Neujahrsempfang der Stadt sprach er vom "Mythos Zweibrücken". Nun ziert es ja den Oberbürgermeister, dass er, wenn er von seiner Stadt spricht, lobende, begeisternde Worte, findet. Aber Zweibrücken ein Mythos? Das ist starker Tobak

Ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist diese Woche Zweibrückens Oberbürgermeister Helmut Reichling. In seiner Rede zum Neujahrsempfang der Stadt sprach er vom "Mythos Zweibrücken". Nun ziert es ja den Oberbürgermeister, dass er, wenn er von seiner Stadt spricht, lobende, begeisternde Worte, findet. Aber Zweibrücken ein Mythos? Das ist starker Tobak. Wenn Metropolen wie Berlin, New York oder Tokio dies für sich in Anspruch nehmen würden, könnte man das ja noch verstehen. Obwohl selbst dann noch ein allzu selbstverliebter Unterton mitschwingen würde.Zweibrücken braucht gar kein Mythos zu sein. Wir "Zweebrigger" können gut darauf verzichten. Was wir wollen, ist, dass unsere Stadt ein liebenswertes Pflaster ist und bleibt, ein Städtchen mit angenehmer Lebensqualität, mit stabilen Unternehmen, die den Menschen sichere Arbeitsplätze bieten. Mit einem Angebot an Waren und Dienstleistungen, das so attraktiv ist, dass wir nicht mit dem Auto nach Saarbrücken, Kaiserslautern oder Mannheim fahren müssen, um dort Einkaufsspaß und Kurzweil zu erleben.

Und da sind wir bereits bei dem Punkt anbelangt, bei dem Reichling mit seiner Rede ins Schwarze traf. Die Kritik an den Einzelhändlern der Innenstadt, dass diese zuvörderst durch Wehklagen auffallen würden, war berechtigt. Tatsächlich hört man zumeist von diesen nur, wie ungerecht die Welt doch ist, dass die Style-Outlets-Kunden sich partout weigern, die Innenstadt zu besuchen. Wie schwierig es ist, Parkplätze zu finden. "Wartet nicht, bis jemand von außerhalb mit besserem Angebot und besserer Auswahl kommt", mahnte Reichling die Ladenbesitzer. Wohl war. Wobei: Gänzlich in der Hand der Händler liegt es nicht, welches Angebot in der Innenstadt feilgeboten wird. Da sprechen die Eigentümer der Immobilien, die die leerstehenden Flächen vermieten, das letztlich ausschlaggebende Wort. Und diese Eigentümer wollen (wer mag es ihnen verdenken?) Mieter, die auf absehbare Zeit Mieter bleiben werden, bei denen nicht nach kurzem Gastspiel das Aus und damit der nächste Leerstand droht, Mieter, die ihre Rate pünktlich zahlen. Dieses Kriterium erfüllen ganz offensichtlich Optiker-Ketten, Apotheker und Handy-Läden. Ein ausgewogener Waren-Mix sieht natürlich anders aus. Aber es sind nicht nur die Vermieter auf der Suche nach dem besten Mietzins. Die Händler müssen sich im stillen Kämmerlein einmal selbstkritisch fragen, welche Konkurrenten sie sich in den vergangenen Jahren durch Mauerpolitik vom Leib gehalten und so ein attraktives Angebot, das auch Auswärtige reizt, verhindert haben. Es dürften ihnen einige Konkurrenten einfallen . . .

So berechtigt Reichlings Schelte auch war: Werbegemeinschafts-Chef Mario Facco traf mit seiner Erwiderung gleichfalls in Schwarze: Der Oberbürgermeister sollte es als oberster Wirtschaftsführer der Stadt und Marketing-Experte nicht bei der Kritik belassen. Er sollte selbst Anstöße geben.