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„Ein persönliches Vorbild verloren“

„Ein persönliches Vorbild verloren“

Über Parteigrenzen hinweg lobten Zweibrücker Politiker gestern die Verdienste des verstorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt. Deutschland habe einen großen Staatsmann verloren, der aber auch innerhalb der eigenen Partei nicht immer unumstritten war.

Nach dem gestrigen Tod von Altkanzler Helmut Schmidt haben viele Zweibrücker die Lebensleistung des SPD-Politikers gewürdigt. Oberbürgermeister Kurt Pirmann, zugleich Stadtverbandsvorsitzender der Sozialdemokraten, bezeichnete Schmidt als "großen Politiker". Er selbst habe den Altkanzler bei einem Parteitag in Essen persönlich kennengelernt, was "bleibende Eindrücke" bei Pirmann hinterlassen habe. "Klarheit, Wahrheit und Entscheidungskraft" hätten Schmidt ausgezeichnet. Pirmann: "Ich habe ein persönliches Vorbild verloren, das trifft mich sehr."

Große Verdienste für das Land und die Partei habe Schmidt sich erworben, sagt SPD-Ratsfraktionschefin Sabine Wilhelm: "Er war ein großer Staatsmann." Vor allem mit seiner harten Haltung gegenüber der Terrororganisation RAF habe er sich Verdienste erworben. Wilhelm verschwieg aber auch nicht, dass es in der SPD auch Widerstände gegen einige Entscheidung Schmidts gegeben habe. Sie selbst habe bei den Jusos gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert, den sie heute aber nicht mehr ganz so kritisch wie früher sehe. Damals ging es um die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen in Deutschland, aber auch um Verhandlungen der Supermächte über die Begrenzung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen .

"Ein sehr markanter Mensch" sei Schmidt gewesen, sagt der Zweibrücker SPD-Landtagsabgeordnete Fritz Presl. Ein erfolgreicher Politiker, der auch kantig gewesen sei und nicht drumherum geredet habe. Deswegen seien auch nicht immer alle einverstanden mit ihm gewesen. Dennoch: "Insgesamt hat Deutschland einen großen Politiker verloren", sagt Presl. Auch außerhalb der SPD und im Ausland habe Schmidt großes Ansehen als Staatsmann genossen.

Und so würdigten auch Zweibrücker CDU-Politiker Schmidts Lebensleistung: Die Bundestags-Wahlkreisabgeordnete Anita Schäfer hat Schmidt noch als Mitarbeiterin im Bundestag erlebt. "Er hat eine Politik gemacht, die vielfach auch im Sinne der CDU war; gerade der Doppelbeschluss ist ja dann auch von der Bundesregierung unter Helmut Kohl umgesetzt worden und hat zum Vertrag über die Abschaffung der nuklearen Mittelstreckenwaffen geführt, der ein wichtiger Schritt zum Ende des Kalten Krieges war."

Der Zweibrücker CDU-Ratsfraktionschef Christoph Gensch lobt Schmidt als Politiker von Weltrang: "Ein Mann, der auch nach seiner Kanzlerschaft mit seinen präzisen Analysen jede politische Debatte bereichert hat. Sein Rat, seine Lebensweisheit wird fehlen."

Jürgen Lambert war während der gesamten Kanzlerschaft Schmidts Bürgermeister in Zweibrücken . Der CDU-Politiker würdigt Schmidt als "großen Kanzler ". Vor allem Schmidts "Standhaftigkeit" habe er "sehr hoch geschätzt". Insbesondere beim Nato-Doppelbeschluss: "In dieser teils heftigen Debatte hatte Schmidt die sehr eindeutige Haltung, gegen die sowjetische Bedrohung ein Abwehrbollwerk zu errichten und abzubauen, wenn es eines Tages unnötig wird." Schmidt habe sich über die Parteigrenzen hinweg hohes Ansehen erworben. Lambert berichtet aus der Zweibrücker CDU : "Es hat immer mal wieder Stimmen bei uns gegeben: Warum ist der Helmut Schmidt nicht bei uns?" Lambert erinnert sich aber auch noch an andere Zeiten. Der Bundestagswahlkampf 1976 zwischen Kanzler Schmidt und Oppositionsführer Helmut Kohl sei so polarisiert gewesen, dass "ich mal den Fernseher abgeschaltet habe, weil ich nicht mehr anhören wollte, wie Schmidt mit Kohl umgesprungen ist. Da hat man nicht geahnt, dass er später mal mild und weise werden würde - man nannte ihn nicht umsonst auch ,Schmidt-Schnauze'".

Walter Hitschler, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter aus Zweibrücken , lobt Schmidt als sehr klugen und bedeutenden Staatsmann. Seine wichtigste Entscheidung sei der Nato-Doppelbeschluss gewesen, dieser sei ein Grundstein für die spätere Wiedervereinigung gewesen.

Grünen-Ratsfraktionschef Norbert Pohlmann hatte Anfang der achtziger Jahre in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert: "Dass wir Grünen nicht immer Schmidts Politik übereinstimmten, ist bekannt." Dennoch lobt auch Pohlmann den Altkanzler: "Er hat immer eine klare Linie gehabt - eine Eigenschaft, die heutige Politiker nicht immer beweisen."

Auch Nicht-Politiker würdigen die Lebensleistung Schmidts: "Er war ein souveräner Kanzler , der ganz feste Vorstellungen hatte", sagt der Vorsitzende der VT Zweibrücken , Otto Graßhoff. Vor allem mit seinem Kampf gegen den Terror habe Schmidt sich Verdienste erworben: "Gegen die RAF hat er den Staat ganz fest verteidigt." Er selbst habe Schmidt zu dessen aktiver Zeit aber eher neutral gegenübergestanden. Ein deutscher John F. Kennedy, dem die Herzen zuflogen, sei der Kanzler nicht gewesen.

Schmidt sei ein Vorbild gewesen, sagt Dieter Weber, der Vorsitzende des Bündnisses Zweibrücker Wirtschaft. "Wir haben ein Idol, einen charismatischen Politiker verloren", bedauert er. Solche seien in der heutigen Zeit selten geworden. Er sei traurig darüber, allerdings habe Schmidt ein gesegnetes Alter erreicht. "Gradlinigkeit, Verlässlichkeit und Einsatzbereitschaft" hätten den Altkanzler ausgezeichnet, sagt Weber. Zudem sei er die Dinge mit viel Besonnenheit angegangen.