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Jahresrückblick 2018: Ein Macher, der viel(e) bewegte: Kurt Pirmann †

Jahresrückblick 2018 : Ein Macher, der viel(e) bewegte: Kurt Pirmann †

Mit dem Tod des Oberbürgermeisters hat Zweibrücken auch einen in Deutschland selten gewordenen Politiker-Typ verloren. Überraschend klar war die Wahl seines Nachfolgers.

„Ab dem 25. Juni um 15.30 Uhr war alles anders.“ Da nämlich erfuhr die Stadtverwaltung, dass Oberbürgermeister Kurt Pirmann an diesem Tag gestorben ist, erinnerte Bürgermeister Christian Gauf bei der Trauerfeier für den 63-Jährigen. Der Krebs-Tod Pirmanns löste nicht nur im Rathaus tiefe Betroffenheit und Bestürzung aus. Denn er war ein Politiker, der nicht nur 20 Jahre als Verbandsgemeindebürgermeister von Zweibrücken-Land und danach seit 2012 als Zweibrücker OB viel für unsere Region bewegt hatte. Er war ein Politiker, wie sie selten geworden sind in Deutschland. Auch bei seiner SPD.

„Kurt Pirmann war volksnah, hemdsärmelig und ein Schaffer, der sich für nichts zu schade war“, brachte das FWG-Fraktionschef Kurt Dettweiler auf den Punkt. Pirmann war ein schlitzohriger politischer Stratege, hatte das aber nicht im (Politik-)Studium gelernt, sondern sich sein politisches Wissen selbst angeeignet. In die Politik kam er als junger Maschinenschlosser, er war Arbeiter und (Nebenerwerbs-)Bauer in einer Partei, die diese Wurzeln teilt, aber heute von Beamten und Studierten dominiert wird. Pirmann habe es stets geschafft, „einen langweiligen Parteiabend“ zu „elektrisieren“, erinnerte SPD-Ratsfraktionschef Stéphane Moulin bei der Trauerfeier.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer würdigte Pirmann als „Macher“, der „in Zweibrücken in schwierigen Zeiten viel bewegt hat“. Sichtbarstes Beispiel ist die Neugestaltung der Fußgängerzone: Über ein Jahrzehnt lang hatten Stadtpolitiker viel darüber geredet, dass man mal was tun müsse, um die Hauptstraße zu sanieren, nur leider fehle dafür das Geld. Und manchen fehlte wohl auch der Mut, aufwendige Umbauarbeiten zu starten gegen die weit verbreitete Stimmung bei den Bürgern, der Belag sei doch noch ganz okay, da müsse die hoch verschuldete Stadt keine Steuergelder verbuddeln. Pirmann scheute das Risiko nicht. Er fand eine kluge Lösung, wie man den Großteil der Kosten Stadtwerke und UBZ bezahlen lassen kann, zog die Sanierung im Rekordtempo durch – und als am Ende nicht nur die Hauptstraße, sondern auch noch der Alexanderplatz in neuem Glanz erstrahlte, waren auch die Zweifler überzeugt.

Auch bei der Sanierung des Stadthaushalts hatte Pirmann erste große Erfolge, mit der „Stadt am Wasser“ hinterlässt er weitere Spuren im Stadtbild und mit dem Projekt „Soziale Stadt“ wird ein Erbe Pirmanns Kommunalpolitiker und Bürger noch ein Jahrzehnt beschäftigen.

Viele Politiker würdigten nach seinem Tod auch die Bürgernähe Pirmanns, und dass er die anderen Parteien immer eingebunden habe. Das war ein ehrlicher Teil der Wahrheit, denn grundsätzlich war dies Pirmann durchaus erkennbar ein wichtiges Anliegen, weshalb denn auch nicht nur 600 Menschen zu seiner Trauerfeier in die Alexanderskirche kamen, sondern diese davor noch übertragen werden musste. Aber es war nicht die ganze Wahrheit – zu der gehörte nämlich auch, dass Pirmann manchmal (zu) sehr polarisierte und als „Macher“ über Widerstände teils recht rüde hinweg ging, wenn Bürger oder Kommunalpolitiker anderer Ansicht waren als er und er diese Ansichten für unsachlich hielt.

Weshalb die meisten Kandidaten im durch Pirmanns Tod erforderlichen Oberbürgermeister-Wahlkampf zwar inhaltlich gelobten, sein Erbe fortzusetzen, aber einen anderen Politik-Stil versprachen.

Was daraus wird, liegt nun in den Händen von Marold Wosnitza. Für ihn kam die OB-Wahl eigentlich viel zu früh – denn er ist zwar Zweibrücker, war vor dem Wahlkampf aber nur wenigen Bürgern bekannt, weil er als Professor in Aachen arbeitete. „Wosnitza wer?“ gegen Bürgermeister Christian Gauf (CDU), der nicht nur mit seinem in Zweibrücken berühmten Namen und gewinnendem Wesen, sondern auch mit dem Amtsbonus punkten konnte – die meisten hatten zu Beginn des kurzen Wahlkampfs Gauf als Favoriten gesehen, eine repräsentative Umfrage deutete auf einen klaren Sieg hin. Dann wurde die Zweibrücker Politik auch noch durch den Ex-Linken Atilla Eren durcheinandergewirbelt. Der Gerüstbauer und Ex-Türsteher versprach, als OB für „die kleinen Leute“ da zu sein, wollte „faule“ Amtsleiter feuern und fand Unterstützer quer durch das politische Spektrum. Bei den Facebook-Nutzern in Zweibrücken hatte er in einer nicht repräsentativen Umfrage eine Zweidrittel-Mehrheit. Dass Facebook mit der realen Welt nur wenig zu tun hat, zeigte dann das Wahlergebnis: Eren verfehlte die von ihm sicher erwartete Stichwahl klar. Von dieser falschen Erwartungshaltung abgesehen, war sein 13,3-Prozent-Ergebnis für einen Einzelbewerber ohne Verwaltungs- und Kommunalpolitik-Erfahrung mehr als respektabel.

Gauf landete im ersten Wahlgang nicht nur zu seiner eigenen Überraschung mit 36,4 Prozent deutlich hinter Wosnitza mit 42,7 Prozent. Weil alle vier ausgeschiedenen Kandidaten für die Stichwahl Gauf empfahlen und der nun wie zuvor schon Wosnitza intensiv in den Haustürwahlkampf einstieg, schöpfte die CDU noch einmal Hoffnung. Eine Überraschung gab es denn auch bei der Stichwahl – allerdings zur Freude der SPD, denn Wosnitza konnte seinen Vorsprung sogar noch auszubauen (56,1 zu 43,9 Prozent). Den Ausschlag dürfte gegeben haben, dass es Wosnitza besser als Gauf gelang, die Wähler davon zu überzeugen, dass er gute Ideen für die Stadtentwicklung hat und auch Macher-Qualitäten, sie umzusetzen. Sein Amt hat Wosnitza am 20. Dezember angetreten. Ob der neue Messias die Erwartungen in ihn erfüllen kann, werden die nächsten acht Jahre zeigen.

Die SPD war im OB-Wahlkampf so geschlossen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch dann gab es bei der Listenaufstellung für die Stadtratswahl 2019 Querelen, in deren Folge Alt-OB Hans Otto Streuber sowie die Räte Elke Streuber und Wolfgang Ohler verärgert auf eine Kandidatur verzichteten. Schlimmer waren die Turbulenzen bei den Linken: Deren Fraktion löste sich auf, danach trat noch der schon gewählte Spitzenkandidat für 2019 zurück. Dass CDU-Fraktionschef Christoph Gensch die Partei als „Hort von Sektierern und Kriminellen“ beschimpfte, weil ein Vorstandmitglied einmal im Gefängnis saß, sorgte allerdings für Solidarisierung weit über die Linke hinaus.

Auch in Martinshöhe musste 2018 überraschend neu gewählt werden, weil die hoch angesehene Ortsbürgermeisterin Barbara Schommer (SPD) Ende April wegen eines Krankheitsfalls in der Familie zurücktrat. Monatelang fand sich überhaupt kein Nachfolge-Kandidat für das Ehrenamt, weshalb die terminierte Urwahl platzte. Dann trat auch noch die kommissarische Ortschefin, die Beigeordnete Jutta Theis, ohne Angaben von Gründen zurück. Bei einem erneutem Wahlversuch im Gemeinderat gab es dann am 17. August überraschend gleich vier Kandidaten, Hartwig Schneider (unabhängig) gewann 9:7 gegen Ursula Höh-Berberich (SPD), für die beiden anderen stimmte niemand.

Auch aus Zweibrücken-Land gibt es einen neuen Oberbürgermeister. Allerdings nicht in unserer Region, sondern in Freiburg. Dort ging die OB-Wahl noch überraschender als in Zweibrücken aus: Es siegte der erst 33-jährige in Hornbach aufgewachsene Pfarrerssohn Martin Horn (geb. Hoffmann) gegen den bundesweit bekannten Amtsinhaber Dieter Salomon.