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Die Zweibrücker Sopranistin Hildegard Baum nutzt Corona-Zeit kreativ

Die Zweibrücker Sopranistin Hildegard Baum nutzt die Corona-Zeit kreativ : Singend in den Startlöchern

Die Zweibrücker Sopranistin Hildegard Baum nutzt die Corona-Zeit kreativ und produktiv. Sie studiert, vervollkommnet ihre eigene künstlerische Fähigkeit, konzipiert Konzertprogramme und neue Lernkonzepte der Funktionalen Stimmbildung für ihr Gesangsstudio Canto.

Hildegard Baum war voll im Aufwind. Die 58-jährige Sopranistin, die für ihre Musik-Karriere ihren Arztkittel frühzeitig an den Haken gehängt hatte, war gerade dabei, neben ihrer Solo-Karriere auch ihr Gesangsstudio Canto, in dem sie „Funktionale Stimmbildung“ unterrichtet, aufzubauen. Die ersten Schüler verzeichneten bereits schöne Lernerfolge, weitere Interessenten hatten angefragten, sowohl solistisch als auch mit dem neu gegründeten Trio „Die Resonanzen“ waren Konzerte geplant und terminiert.

Die Zweibrückerin erinnert sich: „Alle Weichen standen auf Durchstarten.“ Doch dann kam Corona. Nach der lähmenden Schockstarre der ersten Enttäuschung beschloss die agile Künstlerin, ihr Leben und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: „Anstatt auf Besserung irgendwann zu warten, nutze ich die Zeit, die jetzt ist, bestmöglich für mich.“

Intensiv bereitete sie sich auf die schriftliche Zwischenprüfung ihres Studiums der Funktionalen Stimmbildung am Rabine-Institut in Wachenheim vor. In gemeinsamen Online-Konferenzen vertiefte sie zusammen mit ihren Kommilitoninnen, den beiden „Resonanzen“ Beate Günther und Ulla Teuscher, das Gelernte. Eine Zeit, die sie als sehr befruchtend empfand und in der die drei Frauen sich noch besser kennen lernten, noch enger zusammen wuchsen. Sie beschreibt: „Wir sind einfach ein tolles Team: jede kennt ihre eigenen Kompetenzen, erkennt und anerkennt die Kompetenzen der anderen.“

Daraus entwickele sich eine enorme Lerndynamik, die das Potenzial potenziere. „Das Ergebnis ist weitaus mehr als die Summe der Einzelbeiträge.“ Aus dieser Erfahrung heraus will sie ihren Canto-Schülern künftig zweimal jährlich eine Art „Werkstattlernen“ anbieten: Jeder singt den Anderen seine aktuelle Herausforderung vor, beschreibt seine Herangehensweise und seinen Lösungsansatz und gibt damit wertvolle Impulse.

„Jede Musikrichtung, ob Gospel, Volkslied oder Klassik, stellt andere körperliche Herausforderungen.“ Denn Funktionale Stimmbildung will bei den Sängern ein Bewusstsein schaffen für das „Instrument Körper“ und dessen Fähigkeiten. Deshalb wolle selbst das Üben geübt sein, denn „zehnmal eine Stelle singen, ohne über den Körpereinsatz zu reflektieren, verbessert nichts“, gibt Hildegard Baum zu bedenken.

Die Ärztin nutzt die freie Zeit auch, um die anatomischen, physiologischen und neurologischen Aspekte des Singenlernens zu studieren und mit neuen Erkenntnissen an ihrer eigenen Stimme weiter zu feilen – mit großer Lust und mit sehr viel Experimentierfreude. Ihre Überzeugung: „Wissen ohne praktische Erfahrung bringt nix und praktische Erfahrung ohne Hintergrundwissen hat auch keinen Lerneffekt.“

Nach der erfolgreichen Trainingsphase mit ihrer langjährigsten Schülerin Katharina Nowak im ersten Lockdown, bietet Hildegard Baum jetzt auch Online-Unterricht für alle Bestandsschüler an. „Mit Ohrstöpseln geht es besser, doch ich muss mich wahnsinnig konzentrieren, auf das Hören und die Wahrnehmung, was auch körperlich beim Schüler gerade abläuft.“ Dies sei viel anstrengender und erfordere eine deutlich gezieltere Unterrichtsvorbereitung, weil die Spontaneität des Analogunterrichts dabei ausfalle.

Im Sommer hatte sie auf Einladung von Pfarrer Wolfgang Emanuel im Chorraum des Pfarrheims Heilig Kreuz mit mehr als den geforderten drei Metern Mindestabstand unterrichten können. Da viele Chorsänger zur Zeit wenig motiviert seien, nutzten das Angebot einige wenige Schüler.

„Ich freue mich, gesichert wieder mit Menschen in Kontakt zu treten. Singen ist Kommunikation und Gemeinschaft“, blickt die Sopranistin voraus.

Neben neuen Lehrprogrammen hat die Künstlerin neue Solo-Programme kreiert: „Duft und Dornen“ richtet sich als typisches Zweibrücker Thema an die Rose, Symbol nicht nur für Sehnsucht und Hoffnung und die Liebe schlechthin, sondern ebenfalls geschätzt in der Mythologie.

Hierhin führt sie auch ihr erster Auftritt mit Opernarien. Wer sie kennt, versteht sofort: Nicht die Diven haben es ihr angetan, sondern die Hosenrollen in der Barockoper, die eigentlichen Helden, die die Wandlungsfähigkeit eines Charakters verkörpern dürfen, sowie die allegorischen Figuren, etwa in „Hoffmanns Erzählungen“.

Das ausgefallene Konzert zu Gunsten von Togo mit schottischen, irischen oder walisischen Volksliedern von Ludwig van Beethoven wartet ebenso auf seine Aufführung, wie die Programme der drei „Resonanzen“. Hildegard Baum ist bestens gerüstet: „Wenn es wieder losgeht, sind die Menschen garantiert hungrig auf Live-Konzerte. Wir können sofort starten.“