Die verkannte Avantgarde?

Einen „Missstand nachhaltig beheben“ will die Schirn-Kunsthalle, wie ihr Leiter Max Hollein im Katalog der Ausstellung schreibt: die Ignoranz seitens der Hochkultur angesichts des Comic. Deshalb erweist das Frankfurter Museum sechs Pionieren dieser Kunst ihre Ehre: Cliff Sterrett, Frank King, Winsor McCay, Charles Forbell, George Herriman – und Lyonel Feininger, den man bei uns vor allem als Maler und Grafiker des Bauhaus kennt. Die Grundthese der sehenswerten Ausstellung: Die Comic-Pioniere waren Avantgardisten – auch wenn die Hochkultur das nicht zur Kenntnis nehmen will.

Nanu, wer hätte das vor Jahren für möglich gehalten - eine Comic-Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle? Es scheint, dass das hiesige Stigma des Comic als niedere Kunst und Kinderkram (was der Rest Europas ganz anders sieht) langsam verblasst. Die große Schau in der Schirn ist dafür ein Zeichen und möchte diesen Prozess weiter befeuern: indem es Pioniere des Comic vorstellt und zeigt, wie sich in dieser jungen Kunst schon Avantagarde und Surrealismus lustvoll tummelten, Jahre, Jahrzehnte, bevor André Breton 1924 sein "Manifeste du Surréalisme" veröffentlichte.

Kuratiert hat die Schau der Comic-Experte, Künstler und Kunsthistoriker Alexander Braun - im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen hatte er im März die sehenswerte Schau "Going West!" gezeigt, über den Mythos des Wilden Westens im Comic. Für die Schirn hat er nun um die 230 seltene Zeitungsseiten zusammentragen, die zwischen 1905 und den 1940er Jahren gedruckt wurden - gestaltet von sechs Künstlern, die als Comic-Gründerväter gelten. Einer von ihnen, Lyonel Feininger (1871-1956), ist heute als Meister des Bauhaus legendär, während seine Comics kaum gewürdigt werden. Braun schreibt das "chauvinistischen Tendenzen der Kunstwissenschaften" zu.

Erst Comic, dann Bauhaus

In der Schirn jedenfalls kann man sehen, was Feiniger schuf, nachdem er die Berliner Auftragsarbeiten als Karikaturist hatte hinter sich lassen können: Der Konkurrenzkampf der US-Zeitungen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden nicht zuletzt durch die enorm beliebten Comicstrips an Wochentagen und in den bunten Sonntagsbeilagen entschieden. Die "Chicago Tribune" engagierte Feininger 1906 als Zeichner, gab ihm ein gutes Gehalt (mit dem er nach Paris ziehen konnte), freie Hand und kündigte ihn beim US-Publikum mit hohem deutschen Einwandereranteil als "famous german artist" an. Das Ergebnis, die Reihen "The Kin-der-Kids" und "Wee Willie Winkie's World", waren wenig erfolgreich und deshalb kurzlebig - aber sie zeigen, dass Feininger hier schon jene Motive und Themen im Fundus hatte, mit denen er sich immer wieder beschäftigte: Einflüsse von Caspar David Friedrich , Fesselballone, betagte Kirchen, alte deutsche Städte und Dörfer.

Der Comic-Übervater in der Ausstellung ist Winsor McCay (1871-1934); ob man der These des Kurators, McCay sei "der erste Surrealist des 20. Jahrhunderts", nun ganz folgen mag oder nicht - das Gezeigte ist eine Augenweide. Seine Reihen "Dream of the Rarebit Fiend" (ab 1904) und "Little Nemo in Slumberland" (ab 1905) kreisen um das Geheimnis des Traums - der kleine Nemo wird jede Nacht von Morpheus' Vasallen ins Schlummerland entführt, auf dass er Spielgefährte der Prinzessin werde. McCay erzählt das mit unbändiger Fantasie und zeichnerischer Schönheit (siehe unser großes Foto). "Rarebit Fiend" dagegen hat keine festen Figuren, sondern als Thema einen Albtraum, den ein allzu fettes Käsegericht auslöst. Da träumt ein Liebeskummergeplagter, dass die Angebetete sich in kleine Puzzle-Stücke auflöst; ein anderer Träumer steckt sich, um die Leere in seinem Kopf zu demonstrieren, einen Arm quer durch den Schädel, der wiederum kleine Köpfe gebiert - humoristischer Körper-Horror. Nach einem Streit beginnt ein Mann angesichts der Gattin auf Insektengröße zu schrumpfen und will am Ende in eine Rattengift-Dose steigen - Freud hätte seine Freude. Die wiederum hatte McCay am jungen Medium Kino: Ab 1911 animiert er seine Bilder in kurzen Filmen, 1914 lässt er den Dinosaurier Gertie per Einzelbildtrick herumtrotten, zusammen mit seinem künstlerischen Dompteur, dem Zeichner selbst.

Heute nahezu vergessen ist Charles Forbell (1885-1946), zumal wenig von seinem Werk erhalten ist, war (und ist) die Tageszeitung doch ein Lese-und-Entsorg-Medium. In der Schirn sieht man, wie er die Aufteilung und Form der Panels, der einzelnen Bilder, variiert und damit auch die Geschichten seiner Figur "Naughty Pete" beeinflusst. Forbell jongliert mit Formen und stellt sich dazu sozusagen auf die Meta-Ebene. Kollege Cliff Sterrett (1883-1964) spielt in der Reihe "Polly and her pals" mit Farben, Formen und Architektur: Bizarre Fenster und schwungvolle Treppengeländer sind deutlich vom expressionistischen Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920) beeinflusst - ein gedrucktes Massenmedium nimmt sich der Avantgarde an.

Zwei Klassiker beschließen die Schau: Da ist George Herriman (1880-1944) mit der Reihe "Krazy Kat" über die unermüdliche und unerwiderte Liebe einer Katze zu einem zynischen Mäuserich. Um ewig unerfüllte Sehnsucht geht es da, ums Hoffen und Warten. Frank King (1883-1969) mag im Vergleich zu den anderen Künstlern zeichnerisch nicht revolutionär sein, der erzählerische Ansatz seiner Serie "Gasoline Alley" aber schon. Denn sie begleitet ihre Figuren in Echtzeit, von 1919 bis 1959: Kindheit und Jugend im Hinterland, das Überleben im Krieg, die Rückkehr in die Heimat, das Gründen einer Familie. Der Comic als Lebenschronik und auch als Lebensbegleiter seiner Leser.

Viel zu sehen, zu entdecken gibt es hier. Wer die Kunst des Comic schätzt, kommt an der opulenten Ausstellung mit seltenen Stücken und wahren Schönheiten ohnehin nicht vorbei; wer sie noch als Kinderkram abtut, wird das nach dem Besuch nicht mehr tun.

Bis 18. September. Di-So:

10-18 Uhr. Führungen mit dem Kurator: 30. August, 19 Uhr; 18. September, 16 Uhr. Info:

Ein ironisches Selbstporträt Lyonel Feiningers in der „Chicago Tribune“ vom 29. April 1906.Foto: Sammlung Achim Moeller, NY/VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Sammlung Achim Moeller, NY/VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Die Bildkomposition passt sich dem Plot an: Charles Forbells „Naughty Pete“ beim Geländerrutschen („New York Herald“, 1913). Foto: Privatsammlung Foto: Privatsammlung

Tel. (0 69) 299 88 21 12 und www.schirn.de . Der sehr empfehlenswerte Katalog (Hatje Cantz, 272 Seiten, ca. 400 Abbildungen) kostet im Buchhandel 35 Euro, im Museum 30.