Die Gabe des Staunens

Am nächsten Sonntag erhält Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani (47) den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er hat sich als Autor von Romanen, Essayist und Religionswissenschaftler einen Namen gemacht. Sein neues Buch „Ungläubiges Staunen“ ist eine persönliche Annäherung ans Christentum.

Im Mai 2014 nutzte Navid Kermani die Festrede, die er im Bundestag zum 65. Jahrestag des Grundgesetz hielt, zu einem leidenschaftlichen Appell für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen. Damals hatten erst 10 000 Syrer hier Zuflucht gefunden. 20 Monate nach seiner Rede muss sich Kermani, der am nächsten Sonntag in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird, wie erhört fühlen, so einschneidend hat sich die Flüchtlingspolitik unter Merkel seither gewandelt.

In seinem neuen Buch "Ungläubiges Staunen", einer nachgerade schwärmerischen Annäherung an das Christentum vermittels religiöser Bildwerke von Giotto und El Greco bis zu Botticelli und Caravaggio , widmet Kermani ein längeres Kapitel dem italienischen Jesuitenpater Paolo Dall' Oglio, der nördlich von Damaskus in den 80er Jahren das verfallene Kloster Mar Musa neu aufbaute und zu einem meditativen Ort religiösen Ausgleichs machte, wie wohl jeder bestätigen dürfte, der je dort war. Seit dem 28.Juli 2013 gibt es kein Lebenszeichen mehr von Pater Paolo, der von Dschihadisten entführt wurde. Er "verkörperte die Utopie, die Syrien sein könnte, an manchen Orten, zu manchen Zeiten sogar war", schreibt Kermani. Wenn man so will, ist er für ihn ein heutiger Franz von Asisi.

Dass es ansonsten vornehmlich italienische Renaissancegemälde sind, anhand derer Kermani sich in Bibelgeschichte versenkt, verdankt sich einem längeren Romaufenthalt des promovierten Orientalisten. 2008 war er ein Jahr lang Stipendiat der Villa Massimo, besuchte viele Kirchen und huldigte der im Überfluss vorhandenen christlichen Kunst. Je mehr sich Kermani in einzelne Gemälde hineindachte, umso mehr nahm dieses Ergründen von Heiligengeschichten und biblischen Schlüsselszenen Züge einer Bildmeditation an. Was so einnimmt für Kermanis daraus entstandenes neues Buch, Sammlung von gut 40 Bild-, Heiligen- und Begriffsbetrachtungen, ist die Sinnlichkeit seines Verfahrens. Er betreibt keine Bibelexegese, doziert nicht entlang der antagonistischen Spur von Anspruch und Wirklichkeit christlichen Lebens. Er sucht die ästhetischen Wahrheiten hinter Bildern und Begriffen. Die Texte diffundieren zwischen Assoziationen und Empfindungen hin und her, lenken den Blick auf leicht zu übersehende Details, verweisen auf Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam, denken das Dargestellte weiter. So, wenn Kermani sich fragt, wie es dem auferweckten Lazarus "danach" ergangen sein mag. Oder er ausführt, dass man als Muslim Jesus als "seinen - nicht nur: einen - Propheten innerhalb der Offenbarungsgeschichte betrachten (kann), die mit Mohammed lediglich zum Abschluss gelangt ist". Bellinis Gemälde "Segnender Jesus" ist für ihn deshalb ein Trostbildnis, weil es einen Gezeichneten zeigt: "Nichts vergisst der Auferstandene dem Leben, nichts beschönigt er am Sterben." Von manchen Bilddeutungen wünschte man, sie fänden Eingang in Schulen: etwa die famose Interpretation von Dürers "Hiob auf dem Misthaufen" oder Kermanis heilgeschichtliche Erdung von Caravaggios "Die Kreuzung Petri". Bisweilen verfällt er dem Pathos, meist aber fängt er sich wieder ein und bricht (selbst-)ironisch das Weihevolle mancher Bild-Exerzitien.

Navid Kermani : Ungläubiges Staunen. C. H. Beck. 303 Seiten, 49 farbige Abb., 24,95 Euro.