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„Der wahre Patient ist der Zuschauer“

„Der wahre Patient ist der Zuschauer“

Interview mit Erfolgsregisseur Gore Verbinski zum Grusel-Thriller „A Cure for Wellness“

Mit dem "Fluch der Karibik"-Franchise avancierte Gore Verbinski zum Goldesel von Hollywood: Mehr als drei Milliarden Dollar brachte der dreifache Piraten-Spaß weltweit in die Kinos. Sein Kinodebüt gab der ehemalige Werbefilmer vor 20 Jahren mit "Mäusejagd". Für sein zweites Animationsabenteuer "Rango" wurde Verbinski mit dem Oscar prämiert. Nun hat der Regisseur mit "A Cure for Wellness" eine schaurig schöne Gruselgeschichte um einen jungen Banker gedreht, der in einem Schweizer Sanatorium wahre Albträume erlebt. Gedreht wurde in Deutschland, unter anderem auf der Burg Hohenzollern sowie den Beelitz-Heilstätten nahe Potsdam - wofür es märchenhafte 9,4 Millionen Euro deutsches Fördergeld gab.

Mister Verbinski, weshalb kommt ein renommierter Hollywood-Regisseur nach Deutschland, um seinen Film zu drehen?

Verbinski: Für diese Geschichte mussten wir eine eigene Welt erschaffen, und die Elemente dafür haben wir hier gefunden. Wie benötigten einen geschichtsträchtigen Ort, der von über den Wolken auf die Gesellschaft herabblickt, so wie im "Zauberberg". Es ist ein Schauplatz, an dem sich die Krankheit des modernen Menschen aufzeigen lässt. Als unser Held dort ankommt, gerät er aus dem Gleichgewicht. Seine Uhr und das Handy funktionieren nicht mehr. Er betritt eine Welt, in der die Logik von Träumen gilt.

Wann war Ihre erste Begegnung mit dem "Zauberberg" von Thomas Mann?

Verbinski: Ich habe den "Zauberberg" tatsächlich erst voriges Jahr zum ersten Mal gelesen, aber natürlich wusste ich schon vorher, worum es darin geht. Dieser Roman ist schon ein echtes Bekenntnis und zudem ganz wunderbar geschrieben. Man bekommt ein ganz neues Gespür für die Zeit.

Wie steht es um weitere Vorbilder? Kafka? Kubrick? Jung?

Verbinski: Kafka, Kubrick, Jung und Polanski waren allesamt Inspirationen, die mir im Kopf herumgegangen sind. Man kann kein Bild vom Kopf eines Alligators entwerfen, wenn man zuvor kein Bild eines Alligatoren gesehen hat. Ich kann nur die Sprache benutzen, die ich gelernt habe.

Welche Rolle spielt das visuelle Konzept für Ihre Filme?

Verbinski: Stil ist ein entscheidendes Werkzeug, um die Zuschauer zu verzaubern. Da sollte man sich keine Fehler erlauben. Es ist sehr wichtig, dass die Komposition möglichst beklemmend ausfällt. Bei dieser Reise des Helden kommt es zunehmend zur Verschmelzung des Unausweichlichen mit dem Unerklärlichen. Wir leben ja in einer Welt, die zunehmend irrationaler wird - und das ist gespenstisch. Wenn ein Horrorfilm solche aktuellen Ängste aufgreift, dann funktioniert er umso besser. Wenn sich der Vorhang im Kino schließt, ist die Sache eben noch nicht vorüber.

Welche aktuellen Ängste meinen Sie damit?

Verbinski: Wir leben in einer Gesellschaft, die die Augen vor der Wahrheit verschließt. Wir wissen, dass es uns nicht gut geht. Wir kennen die Geschichte. Wir fahren mit dem Auto gegen die Wand, aber wir können das Steuer nicht bewegen - das ist der wahre Horror. "A Cure vor Wellness" handelt von solchen Themen.

Wie kamen Sie auf Dane DeHaan für die Hauptrolle?

Verbinski: Ich sah Dane in "The Place behind the Pines", wo er lediglich eine kleine Rolle spielte. Seine enorme Leinwandpräsenz und Wahrhaftigkeit hatten mich aber sofort begeistert. Für mich war Dane von Anfang an die ideale Besetzung für Lockhart. Er ist nicht der Typ, den man sofort mag - eher im Gegenteil. Und damit wird er zum perfekten Kandidaten für eine Diagnose. Dieses Genre bietet neuen Talenten traditionell eine gute Möglichkeit, sich zu beweisen. Und Dane nutzt diese Chance: Man möchte gar nicht mehr aufhören, ihm zuzusehen.

Wie geheimnisvoll darf die Story eines Thrillers ausfallen?

Verbinski: Entscheidend ist, die Zuschauer im Unklaren zu lassen. Sie sollen nicht wissen, wie weit der Regisseur gehen wird. Es gibt grundsätzlich zwei Arten des Geschichtenerzählens. Entweder legt der Erzähler seine Hand dem Publikum auf den Rücken und führt es durch die Dunkelheit. Oder er verteilt nur Brotkrumen auf dem Weg, wofür wir uns entschieden haben. Man glaubt, Lockhart wäre der Patient in diesem Film - doch der wahre Patient ist der Zuschauer.

Wie weit darf man bei den schockierenden Szenen gehen?

Verbinski: Dafür gibt es keine Regeln, das weiß man erst im Nachhinein. Bisweilen muss man an die Grenzen gehen und darauf tanzen. Dass ein Publikum dem Geschichtenerzähler nicht völlig vertrauen kann, ist für mich ein Wert als solcher. Wie weit man bei der Darstellung geht, hängt immer vom Kontext ab.

Wie unterscheidet sich der Dreh in Deutschland von Hollywood?

Verbinski: Die Arbeitszeiten der Crew sind kürzer. Wenn man zwei Stunden länger als geplant drehen möchte, geht das nicht. Es scheitert nicht am Geld, sondern weil die Leute lieber bei ihrer Familie sein möchten. Die Lebensqualität scheint in vielen Bereichen höher zu sein und die Menschen wirken zufriedener als in den USA: Es dreht sich nicht alles immer nur um die Arbeit. Last not least ist auch das Bier besser als bei uns.

Wie kamen Sie auf "Söhne Mannheims" für den Soundtrack?

Verbinski: Die Musik, die die Leute in dieser Bar im Dorf hören, sollte möglichst zeitgenössisch sein. Der Bezug zur aktuellen Welt ist der Kontrast zu dem Sanatorium auf dem Berg, wo die Zeit fast stehen geblieben zu sein scheint.

Das Gespräch führte Dieter Oßwald.

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