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Biblische Geschichten und moderne Zeiten

Biblische Geschichten und moderne Zeiten

Was Goethes Erlkönig mit dem Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer und Abraham mit Viagra zu tun haben, erfuhren am Freitag die Besucher des Kabarett-Abends mit Aydin Isik. Gekommen waren rund 90 Kabarett-Freunde.

"Bevor der Messias kommt" hieß es am Freitagbend im Wintergarten der Zweibrücker Festhalle. Der Kölner Kabarettist Aydin Isik stellte seine Interpretation des biblischen Stoffes dar, gemischt mit viel Zeitkritik im Gewand einer lebhaft vorgetragenen Satire . 80 Karten waren schon im Vorverkauf weg gegangen, zehn weitere dann an der Abendkasse. Einen "Kabarettabend mit sehr unreligiösen Ansätzen" erwartete an diesem Abend jeden, der Ironie, beißende Kritik und milde eingestreuten Zynismus zu schätzen wusste. Isik begann humorvoll mit einer eigenwilligen Interpretation der Bergpredigt, die "vor 2000 Jahren ein gebürtiger Palästinenser gehalten hat". Somit war schon gleich zu Beginn klar: Hier wird keine Religion geschont, keine inhumae Sicht davor bewahrt, in ätzender Kritik an die Wand gestellt oder ausgelacht zu werden. Aber warum Religion, weswegen ist es laut Isik wichtig, sich darüber Gedanken zu machen und Unschönes durch den Zerrspiegel der Satire an der Oberfläche sichtbar zu machen? "Wir müssen über Religion reden, so lange es immer noch auf der Welt Vollidioten gibt, die andere wegen ihres Glaubens umbringen", war seine Antwort.

Wie man Alltagsthemen süffisant und kritisch aufs Korn nehmen kann, zeigten die über zwei Stunden Programm beispielhaft. Die bekanntesten Geschichten aus der Bibel, also dem christlichen Glaubenskontext, liefern Isik in seinem Programm die Basis, um das Hier und Jetzt kritisch zu betrachten: AfD und politisches Zeitgeschehen, den Umgang mit Flüchtlingen, Doppelzüngigkeit in Wirtschaft und Kirche, Kopftuchverbot, das Drama um Mann und Frau anhand von Adam und Eva, Genderfragen im Zeitalter des Postfaktischen. Selbst Fragen der Reproduktion und das Problem erektiler Dysfunktion hatten seinen Platz, als Isik die Geschichte von Abraham humorvoll ins Szene setzte. Dieser musste erst 86 werden, bevor Gott Viagra schuf, dann erst kam ein Sohn. "Ab da ging es rund"

Einer der Höhepunkte: die höchst eigenwillige Interpretation von Goethes Erlkönig. Was bei Goethe noch das Naturmagische im Widerstreit mit der Ratio darstellte, wird bei Isik zu einem Vater auf der Flucht, der seinen Sohn retten will und es doch nicht schafft. Das passte gut zu den Szenen, die sich seit über zwei Jahren auf dem Mittelmeer abspielen. "Oh Mittelmeer, wie schön sind deine Leichen?", sang Isik dazu nur noch zynisch.