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Beirat für Migration und Integration Zweibrücken beklagt Sprachprobleme

Stadt überrascht von Kritik des Migrationsbeirats – Neueröffnung an Gabelsbergerstraße verzögert sich weiter : Behindert Kita-Plätze-Mangel die Integration?

Deutsch-Lernen werde durch fehlende Kindertagesstätten-Plätze und langes Warten auf Sprach­kurse in Zweibrücken erschwert, kritisiert der Migrationsbeirat. Die Stadt zeigt sich überrascht über die Kritik. Die Eröffnung der neuen Kita an der Gabelsbergerstraße droht sich bis 2022 zu verzögern.

Mit deutlichen Worten hat der „Beirat für Migration und Integration“ der Stadt Zweibrücken in seiner ersten Sitzung nach einjähriger Corona-Zwangspause einige Herausforderungen angesprochen.

„Ein ganz großes Problem, das mir immer wieder auf den Magen schlägt, ist die Kindergarten-Situation“, sagte die stellvertretende Beiratsvorsitzende Elke Hilgert. Kinder aller Altersstufen warteten auf einen Kita-Platz, obwohl darauf ein Rechtsanspruch bestehe. „Wir haben sogar Vier- bis Fünfjährige, die keinen Kindergarten-Platz haben. Die kommen in die Schule, ohne eine Kita besucht zu haben!“

„Die Warteliste ist heftig im Moment“, sagte Hilgert. „Diese Situation ist für alle Kinder problematisch, nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund.“ Aber besonders für diese, wie Hilgert nach der Sitzung auf Merkur-Nachfrage weiter erklärte. Denn gerade für neu ins Land gekommene Flüchtlingskinder sei Kontakt mit deutschen Kindern wichtig, auch um schneller Deutsch zu lernen. Hinzu komme, dass Mütter keine Sprachkurse besuchen können, wenn sie zu Hause Kinder betreuen müssen: „Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“ Teils lehnten Kitas ältere Kinder ab, weil es heiße, man müsse Plätze für jüngere Kinder freihalten. Grundsätzlich bemühe sich das Jugendamt aber sehr.

Genaue Zahlen kenne sie nicht, aber nach ihren Informationen seien etwa 80 Kinder auf Wartelisten. Wobei etliche davon in anderen Kitas Platz gefunden hätten – und teils Kinder auch in mehreren Kitas auf Wartelisten stünden. Wie viele Kinder überhaupt keinen Kita-Platz haben, wisse sie nicht – kenne aber einige Fälle. Auch die kirchlichen Kitas seien „voll bis unters Dach“.

Groß sei die Hoffnung gewesen, dass nach den Sommerferien nach länger Verspätung endlich die neue große städtische Kita an der Gabelsbergerstraße öffne. Nach dem Wasserschaden hatte die Stadt der Presse gesagt, man könne noch kein Eröffnungsdatum nennen (wir berichteten).

Stichwort Sprachkurse: Auch diesbezüglich schlägt der Beirat Alarm. Schon der Vorgänger-Beirat hatte vor zwei Jahren kritisiert, dass (offensichtlich infolge personeller Probleme bei der Volkshochschule Zweibrücken) zu wenig Integrationskurse stattfinden. Jetzt beklagt die neue stellvertretende Beiratsvorsitzende Hilgert, bei den grundlegenden A1- und A2-Sprachkursen gebe es „in großes Loch in Zweibrücken  – was da angeboten wird, ist eine Katastrophe. Die einzigen brauchbaren Angebote sind vom IB (Internationaler Bund), aber dafür müssen die Leute nach Pirmasens, Homburg oder St. Ingbert fahren.“ Es kämen immer wieder Neubürger nach Zweibrücken, derzeit vor allem Familien aus Syrien und der Türkei, berichtete der Beiratsvorsitzende Mohamad Kamiran. Hilgert „Sprache ist das A und O für die Integration. Die Leute sind bereit, wollen lernen – aber es gibt keine Möglichkeiten.“ Auf ehrenamtlicher Basis biete man deshalb zwar Sprachförderung montags im Mehrgenerationenhaus an, „aber das ist nur eine kleine Hilfe“. Hilgert ergänzte auf Merkur-Nachfrage, 40 bis 50 Geflüchtete warteten auf A1/A2-Sprachkurse, 10 bis 15 auf B2-Kurse. Das sei vor allem für die Integration von Frauen ein Problem: „Je weniger Deutsch sie können, desto mehr sind sie auf sich gestellt.“ Verschärft worden sie dieser „Rückzug in die Familien“ auch durch die Corona-Zeit.

Der Beiratsvorsitzende Kamiran berichtete zudem von Sprachproblemen bei Ämter-Besuchen: „In Homburg gibt es in der Ausländerbehörde drei Dolmetscher an jeder Ecke – hier müssen die Leute raus, wenn sie nichts verstehen und es heißt, sie sollen Dolmetscher mitbringen.“ Das sei für viele aber ein Kostenproblem.

Die Stadtverwaltung reagierte auf Merkur-Anfrage überrascht auf die vom Migrationsbeirat geschilderten Probleme. Und wies darauf hin, das der Beirat „als Teil der Verwaltung“ sich bei Klärungsbedarf „direkt an die Verwaltung wenden bzw. mit dieser gemeinsam vermeintliche Probleme klären und Lösungen suchen“ könne.

Wie viele Kinder stehen derzeit in Zweibrücken auf der Warteliste für einen Kita-Platz? Auf diese Frage antwortet die Stadt-Pressestelle: Für die Liste der kommunalen Einrichtungen könne man „jedem bisher bei uns angemeldeten einjährigen Kind in diesem Jahr einen Platz anbieten“. Bei den Kindern ab zwei Jahren gebe es noch für einige keinen Platz in städtischen Einrichtungen. Oft seien diese Kinder aber auch bei den freien Trägern angemeldet und hätten dort schon einen Platz bekommen, ohne sich von der städtischen Warteliste streichen zu lassen. „Einige Kinder stehen zudem nur auf der Warteliste, da diese nur in eine bestimmte Einrichtung möchten und soweit dort nichts frei ist, lieber noch länger warten, als in eine andere Einrichtung zu gehen.“ Die kirchlichen Kitas hätten jeweils eigene Listen.

Wie viele der jetzt eingeschulten Kinder konnten zuvor keine Kita besuchen? Der Stadt ist nur ein Kind bekannt, dem man trotz Eintragung auf der Warteliste keinen Platz anbieten konnte.

Die Stadt betont, dass man auf die Kooperationsbereitschaft der Eltern angewiesen sei. Ohne die – bei Eltern mit und ohne Migrationshintergrund gelegentlich anzutreffende – Bereitschaft, das Kind in eine andere als die Wunsch-Kita zu schicken, eventuell auch bei einem freien Träger, könne es zu Wartezeiten kommen.“

Zur Kita Gabelsbergerstraße sagte Rudolf Hartmann (Hochbau-Abteilungsleiter im Bauamt) im Stadtrat, die Arbeiten seien weiterhin eingestellt. „Wir hoffen auf eine Freigabe durch den Gutachter in 14 Tagen – wenn nicht, kann ich nicht sagen, wie es weitergeht.“ Auch nach der Freigabe könne es noch etwas dauern, bis alle Firmen wieder an Bord sind: „Die stehen ja nicht immer bereit, einfach weiterzumachen.“ Folglich seien „noch keine belastbaren Aussagen über die Eröffnung möglich“.

Zu den Sprachkursen schreibt die Stadt auf die Merkur-Anfrage: Aktuell gebe es einen Alphabetisierungs- und einen Fremdsprachen-Kurs mit jeweils zehn Teilnehmern. Weitere Kurse sollen im Oktober und Dezember beginnen. Zudem gebe es derzeit einen Erstorientierungskurs für Asylsuchende mit unklarer Bleibeperspektive, welcher vom CJD durchgeführt wird. „Die Kurse sind regelmäßig an eine gewisse Teilnehmerzahl geknüpft und es gestaltet sich immer wieder als schwierig, diese Mindestteilnehmerzahl zu erreichen“, schreibt die Stadt.

Zu der Kritik an fehlenden Dolmetschern antwortet die Stadt: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ausländerbehörde sind grundsätzlich bemüht, mit ihren Englisch- oder Französischkenntnissen mit den Kundinnen und Kunden zu kommunizieren. Weitere Verwaltungsmitarbeiter/innen und mit Fremdsprachenkenntnissen werden nach Möglichkeit zu Rate gezogen. Hierfür wurde im letzten Jahr verwaltungsintern eine Liste von Mitarbeiter/innen erstellt, welche mit verschiedenen Sprachkenntnissen zum Dolmetschen bereit wären und in möglichen Fällen durch die Ausländerbehörde hinzugezogen werden.“ Man brauche als Bürger auf dem Amt auch nicht unbedingt einen vereidigten Dolmetscher, ein sonstiger sprachkundiger Begleiter reiche aus. Die Bestellung von Dolmetschern durch die Ausländerbehörde sei „mit nicht unerheblichen Kosten verbunden, die nicht für alle Anliegen aufgebracht werden“. Die Ordnungsbehörde habe Kontakt mit dem Vorsitzenden des Migrationsbeirates aufgenommen, „um sich mit ihm über die aktuelle Situation auszutauschen und Hilfestellungen zu erörtern“.

Der Migrations-Beirat selbst hatte in seiner Sitzung angekündigt, eine Liste mit ehrenamtlich zum Dolmetschen bereiten Personen in Zweibrücken zu aktualisieren zu versuchen.