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"Alles ist so unpersönlich geworden"

"Alles ist so unpersönlich geworden"

Zweibrücken. Etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit präsentiert er sich in voller Pracht, der Schrecken vieler Bahn-Reisenden: Ein roter Automat, mit Symbolbildchen übersät. Heute die einzige Möglichkeit am Zweibrücker Hauptbahnhof ein Zugticket zu kaufen

Zweibrücken. Etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit präsentiert er sich in voller Pracht, der Schrecken vieler Bahn-Reisenden: Ein roter Automat, mit Symbolbildchen übersät. Heute die einzige Möglichkeit am Zweibrücker Hauptbahnhof ein Zugticket zu kaufen. Reisende sehen vor einem Automaten mit Touchscreen, Eingabeschlitz für EC-Karte oder Bargeld und Ausgabefach für Fahrschein und Wechselgeld. Ob allein oder in einer Gruppe unterwegs, hier werden viele Kunden, vor allem ältere Leute, vor Herausforderungen gestellt. Um nicht völlig entnervt den Kampf gegen die Technik aufzugeben, standen am Samstag der Landtagsabgeordnete Fritz Presl und Tanja Ewert von der AfA (Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD) mit Rat und Tat Interessenten zur Seite.Gleich zu Beginn, nach den ersten kleinen Hindernissen am Automaten, versucht Tanja Ewert zu motivieren: "Man darf nur die Geduld nicht verlieren." Marga Oswald aus Zweibrücken fährt nicht so oft mit der Bahn. Trotzdem liegt es ihr am Herzen, mit dem Bahnautomaten Frieden zu schließen: "Ich fahre nur nach Saarbrücken oder Neunkirchen zum Bummeln mit der BahnCard 25. Ich komme auch mal ganz alleine hierher, um zu üben. Ich werde nervös, wenn so viele da sind." Da ist Oswald nicht alleine. Sie stand schon einmal mit fünf Frauen gemeinsam vor der Aufgabe, ein Ticket am Automaten zu ziehen. "Jeder hat etwas anderes gewusst, aber auch nach gut 20 Minuten sind wir nicht sehr viel weiter gekommen." Ein Problem sieht sie im neuen Aussehen der Automaten und der Bedienung mit Touchscreen, wo man den Bildschirm berühren muss. Dem kann Edith Maus (65) mit ihrer Urgroßnichte Anna Scherer (10) nur zustimmen: "Wir wollten mal nach Saarbrücken fahren. Seitdem die Automaten neu sind, wissen wir nicht, ob es mit dem Rheinland-Pfalz-Ticket noch nach Saarbrücken geht. Das ist nicht mehr so einfach wie früher. Alles ist so unpersönlich geworden."

"Sieht ja eigentlich ganz leicht aus", stellt Ingeborg Franke (76) fest. Sie ist mit ihrem Lebenspartner Gerhard Lelle (75) gekommen und notiert sich fleißig alle Schritte mit. Sie fährt kein Auto, und wenn sie nicht mit dem Drahtesel unterwegs ist, dann mit dem Zug, denn "Bahn fahren macht Spaß, ist bequem und abenteuerlich. Ganz unsicher war ich aber noch nie. Da plane ich lieber genug Zeit ein, um mir ein Ticket zu kaufen." Ohne auf ihre Notizen zu spicken, geht nach diesem Crash-Kurs nicht mehr viel Zeit und Ärger ins Land. Warum solche Aufklärungs- und Beratungstermine so wichtig sind, davon kann Ursula Bystrzykowski ein Lied singen. Sie arbeitet montags und dienstags in der Funktaxizentrale im Bahnhof: "Drei bis vier Mal am Tag reißt ein Bahnkunde meine Bürotür auf und will wissen, wie die Automaten funktionieren." Dabei sind die Fragenden bunt gemischt, von Jung bis Alt. Obwohl nicht zuständig, gibt sich Bystrzykowski alle Mühe, den Leuten zu helfen. "Man darf nur die Geduld nicht verlieren."

Tanja Ewert