Zwischen Tradition und Fortschritt

Das Leben scheint stillzustehen vor Rosenkopf. Nur langsam lichtet sich am Mittwoch der Nebel über der Sickingerhöhe, gibt den Blick auf die ruhenden Windräder frei. Im Kreisel am Dorfeingang, von Martinshöhe kommend, weist ein Schild Richtung "Ortsmitte"

Das Leben scheint stillzustehen vor Rosenkopf. Nur langsam lichtet sich am Mittwoch der Nebel über der Sickingerhöhe, gibt den Blick auf die ruhenden Windräder frei. Im Kreisel am Dorfeingang, von Martinshöhe kommend, weist ein Schild Richtung "Ortsmitte". Das ist auch gut so - denn wer ohne das Schild die Hauptstraße hinunterginge, würde zwar viele idyllische Ecken entdecken, ein Zentrum aber vergeblich suchen. Dass man zumindest ganz nah an der Ortsmitte sein muss, verrät die Bushaltestelle "Dorfplatz". Das Wartehäuschen ist so heruntergekommen, dass Schmierfinken sie in "Assi-Treff" umbenannt haben. "Tradition und Fortschritt", wirbt hier noch die "Kreissparkasse Zweibrücken", die es seit elf Jahren nicht mehr gibt. Zwei Busse fahren hier täglich ab, nur wenig mehr sind es an der Ortsdurchfahrt, an der auch schon die "Sparkasse Südwestpfalz" wirbt. Doch geprägt wird das Bild des Ortskerns von Rosenkopf zum Glück nicht von den wenigen Schandflecken, sondern von liebevoll herausgeputzten alten Bauernhäusern, Kastanienbäumen und vielen, vielen Blumen. Nur will das alles um 12 Uhr mittags am Mittwoch wohl niemand sehen. Denn die Straßen sind so leer, dass man hier gefahrlos eine Neuauflage des Filmklassikers "High Noon" drehen könnte. Kurz nach der Haltestelle kommt doch noch so etwas wie ein Dorfplatz, mit einem restaurierten Brunnen. Langsam werden auch Menschen auf den Flaneur aufmerksam, der seine Kamera verdächtigt oft auch auf schmucke Fassaden richtet. "Sind Sie von Google?", fragt Jürgen Simon. "Ich dachte erst, Sie wären vom Denkmalschutz", sagt Siegfried Maske. Der Obstbrenner (klassische Landwirtschaft hat er letztes Jahr mangels Nachfolger aufgegeben) kam vor einem halben Jahrzehnt aus der DDR auf den Eichelscheider Hof und dann nach Rosenkopf. Die Frage, ob er denn mit Henry Maske verwandt sei, ist scherzhaft gemeint, aber ein Volltreffer: "Das hängt zusammen. Im 13. Jahrhundert gab es mal drei Brüder, von denen Abstammungslinien zu uns führen." Kontakt mit dem berühmten Boxer habe er aber nie gesucht: "Mit so einem wie mir lässt der sich doch nicht ein!" Jürgen Simon ist vor sechs Jahren nach Rosenkopf gezogen, "weil's mir hier bestens gefällt". Vor allem schätze er die Ruhe, als Bauträger ("ich habe hier schon acht Häuser gebaut, das gibt es in Rheinland-Pfalz wohl in keinem anderen 375-Einwohner-Ort) aber auch die "günstigen Baulandpreise". Woher kommt eigentlich der Name Rosenkopf? Simon: "Das weiß eigentlich niemand so genau. Wahrscheinlich -kopf, weil wir hier auf der Höhe sind, und das Schönste bei einer Rose ist ja auch immer oben." Weniger romantisch ist die Erklärung, die Michael Weis gehört hat: "Der Name kommt von Rodenkopf, das hat nichts mit Rosen zu tun, sondern hier ist wohl früher mal gerodet worden." Weis betreibt, mitten zwischen dem Ortskern und dem Neubaugebiet Im Hüttenwald (in dem auch einige moderne Architektenvillen stehen), eine Kfz-Werkstatt. Rechnet sich das in einem Dorf, in dem nicht einmal ein Lebensmittellädchen existiert? Weis: "Das geht schon seit 20 Jahren - man lebt in dieser Lage von Stammkunden und nicht von Laufkundschaft wie ATU oder Pit-Stop." Und er hat sich auf Restaurierungen spezialisiert - von der Isetta bis zum NSU Sport Prinz, der gerade im Hof steht. In Rosenkopf schätze er besonders die Ruhe und die gute Gemeinschaft: "Im Dorfgemeinschaftshaus läuft vieles, zum Beispiel unser bekanntes Theater." Jürgen Brünesholz lebt, seit 1962, direkt neben dem DGH, mit weitem Blick über die Landschaft. Verändert habe sich seitdem vom Neubaugebiet abgesehen nicht viel in Rosenkopf, "auch die Gemeinschaft ist immer noch prima". Einziger Nachteil: "Man muss ein Auto haben, um wegzukommen, sonst wartet man drei Stunden in der Stadt, bis der Bus zurückfährt." Die Stadt, das ist für den Rentner mal Homburg, mal Zweibrücken, zum Einkaufen fährt er aber auch oft in den Nachbarort Bechhofen. </bu_text>/bu_text>

HintergrundIn der Merkur-Serie "12 Uhr mittags" fangen Mitarbeiter des Pfälzischen Merkur einmal wöchentlich die Stimmung in einem Ort der Region auf. Momentaufnahmen, Begegnungen mit Menschen aus dem Ort und alltägliche Situationen. Über alles, was der Reporter, der zwei Stunden lang durch den Ort flaniert, aufschnappt, wird ausführlich berichtet. ski